Das Zitat: Richard David Precht

    „Der Finanzmarkt in seiner gegenwärtigen Form gefährdet nicht nur Banken, Unternehmen, Institutionen und Staaten, er ruiniert zugleich unsere Alltagskultur. Der Siegeszug des Kosten-Nutzen-Kalküls als gesellschaftliche Leitvorstellung verdankt sich dem Leitbild von Bankern und Brokern seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Andere Leitkulturen vom Wertkonservatismus über alle Sozialutopien einschließlich des Christentums sind seine Opfer.“

Richard David Precht, Jahrgang 1964, Philosoph und Bestsellerautor („Wer bin ich – und wenn ja wie viele“) im Spiegel Nr. 2 vom 09.01.2012, Seite 70

4 Comments

  1. Gerne. 🙂 Genau, und zwar deshalb, da bis dahin wirtschaftliches Wachstum noch nicht definiert werden konnte, da Reichtum nur als eine Konzentration von Realen Werten verstanden werden konnte. In dieser Zeit, so Foucault, fand nämlich das eigentlich entscheidende statt, nämlich das Entstehen einer neuen Werttheorie.
    So Mises: „Der vorwissenschaftlichen Nationalökonomie –– den Vorgängern der Physiokraten und der Klassiker –– war es ein Problem, den Geldwert in eine Reihe mit dem Wert der übrigen Tauschgüter zu stellen. In grobmaterialistischer Befangenheit erblickten sie die Quelle des Wertes in der „„objektiven““ Nutzwirkung der Güter. Von diesem Ausgangspunkt ist es wohl zu verstehen, warum Brot, das sättigen, und Tuch, das kleiden kann, Wert haben. Doch wie kommt Geld, das weder wärmt noch nährt, zu Wert? Die einen antworten darauf: „„durch Konvention““, die anderen meinen, der Wert des Geldes sei nur „„imaginär““.
    Der Irrtum, der in dieser Auffassung steckt, ist schon frühzeitig aufgedeckt worden. In ausgezeichnet klaren Worten hat ihn vor allem John Law berichtigt. Wenn aller Wert vom Nutzen hergeleitet ist, dann müsse doch wohl auch die Verwendung der Edelmetalle als Tauschmittel wertbildend wirken. Wenn an den Wert des als Geld verwendeten Metalls, so- weit er sich vom Gelddienst herleitet, als imaginär bezeichnen wolle, so müsse man allen Wert als imaginär ansehen: „„Car aucune chose n’’a de valeur que par l’’usage auquel on l’’applique, et à raison des demandes qu’’on en fait, proportionellement à sa quantité 1).““ Indem Law diese Worte schrieb, nahm er die subjektivistische Wertlehre vorweg; man sollte ihm die gebührende Stelle in der Geschichte unserer Wissenschaft nicht versagen.“

    und weiter:
    „Um die Schwierigkeit, die das „„Papiergeld““ bietet, kommt man dabei in der Weise herum, daß man das „„Papiergeld““ als Anweisung auf echtes –– d. i. „„stofflich““ wertvolles, metallisches –– Geld ansieht. Die Schwankungen des Kurswertes des „„Papiergeldes““ erklärt man aus den Veränd- erungen der Wahrscheinlichkeit der Einlösungszeit und der Einlösungssumme.“

    Damit kommt also der Faktor Zeit mit ins Spiel, beim Wirtschaften, und somit natürlich die Notwendigkeit eines verstärkten Kosten-Nutzen-Denkens. Grob gesprochen nimmt dadurch die Konkurrenz und damit die Beschleunigung zu, wie sie auch bspw. Hartmut Rosa anspricht.

    Dass diese Sichtweise nicht der Standard ist, zeigt bspw. diese Diskussion: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/476#/beitrag/video/1553916/nachtstudio-vom-29-Januar-2012
    (Ostermann vs. Müller)

    Oder eingeschränkt dieses Interview:
    http://www.videoportal.sf.tv/video?id=f990d315-d116-46e7-8c9d-58b672ffca97

    Aber ich würde Dir auch Foucault „PFand und Preis“ empfehlen – wenn Du magst, kann ich es Dir auch schicken

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  2. ich würd weiter zurückgehen, nämlich bis zu dem Zeitpunkt (Anfang 18.Jhd.), als die Geldform von „Wert-an-sich-haben“ hin zum „Schein“ durch John Law sich gewandelt hat, indem die physiokratische Wertzuschreibung, welche bei den Metallmünzen noch gegeben war, externalisiert wurde, durch mit Sigel verbürgten Länderein o.ähnlichem. (siehe Foucault Pfand und Preis) Der Zins wurde damit für den Wert des Geldes konstitutiv, wodurch hierüber eine allgemeine Beschleunigung der Warenzirkulation erzielt wurde, und somit schon hier der Siegeszug des Kosten-Nutzen-Denkens..

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    1. Herzlichen Dank für Deinen Gewinn bringenden Beitrag. Das heißt, wenn ich Dich richtig verstehe, dass sich dieses Denken schon im Übergang von der Münze als „Wert an sich“ zum Geldschein oder zum „Schein“ entwickelt. Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Wie hängt das mit dem Zins zusammen und warum beschleunigt sich durch den Zins die Warenzirkulation?

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