Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht

„Niemand, kein Musikstar, kein Profisportler, kein Softwaremillionär und nicht einmal ein Genie schafft es allein.“

„Dieses Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten, das für den Erfolg so wichtig ist, kommt nicht nur aus uns selbst heraus oder von unseren Eltern. Es kommt auch aus der Zeit, in der wir leben, und den spezifischen Möglichkeiten, die uns ein bestimmter historischer Moment bietet.“

„Erfolg ist nicht die Summe der Entscheidungen, die wir treffen, und Anstrengungen, die wir unternehmen. Erfolg ist vielmehr ein Geschenk. Ein Überflieger wird, der Chancen bekommen hat.“

Malcolm Gladwell, Jahrgang 1963, Journalist und Autor

Malcolm Gladwell: Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind - und andere nicht

Malcolm Gladwell: Überflieger
Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht
Originalausgabe „Outliers. The Story of Succes“, ohne Ortsangabe, 2008
251 Seiten in 9 Kapiteln (2 Teile)

Brauchen Sie eine Pille gegen die Arroganz des Erfolgs? Dann lesen Sie „Überflieger“ von Malcolm Gladwell. Der in Kanada geborene, in New York lebende englische Autor räumt in „Überflieger“ gründlich mit der menschlichen Hybris „Meinen Erfolg habe ich ganz allein mir selbst zu verdanken“ auf. Sicherlich sind Talent, Fleiß und Disziplin für eine Karriere, erst recht für die eines „Überfliegers“ wichtig, aber noch viel entscheidender sind die äußeren Umstände, etwa, wann man geboren oder wo man aufgewachsen ist. Erfolg, so Gladwell, ist nicht hauptsächlich das Ergebnis persönlicher Anstrengungen: „Niemand, kein Musikstar, kein Profisportler, kein Softwaremillionär und nicht einmal ein Genie schafft es allein.“

„Überflieger“ gliedert sich in zwei Teile, zum einen „Chance“ mit fünf Kapiteln, zum anderen „Erbe“ mit vier Kapiteln.

Einleitung – Das Geheimnis von Roseto: In der Einleitung erzählt Gladwell vom „Geheimnis von Roseto“, einer Kleinstadt in Pennsylvania, 150 Kilometer westlich von New York: Der Anteil der Herzerkrankungen Anfang des 20. Jahrhunderts liegt weit unter dem Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung, ein Folge der gesunden Lebensweise der aus der italienischen Provinz stammenden Einwanderer.

Teil 1 – Chance (S. 19 – 142) – Kapitel 1 bis 5

Kapitel 1 – Der Matthäus-Effekt „Denn wer hat, dem wird gegeben werden“: Im kanadischen Eishockey sind signifikant viele Spieler in den Monaten Januar, Februar und März geboren, eine Folge der Talentförderung mit Stichtag 1. Januar: Wer früher geboren ist, der ist größer und stärker als die später geborenen Konkurrenten desselben Jahrgangs.

Kapitel 2 – Die 10.000-Stunden-Regel: Erst nach einer Praxis von 10.000 Stunden entfaltet sich das Talent zum Genie, siehe Beatles und deren Auftritte in Hamburg. Erfolg hängt wesentlich von Arbeit ab – und der Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können.

Kapitel 3 und 4 – Das Problem mit den Genies, Teil 1 und 2: Christopher Langan, Intelligenzquotient von 195 und seine verkrachte Karriere. Analytische Intelligenz ist angeboren, aber praktische Intelligenz hängt wesentlich mit Förderung zusammen. Unterschichtkinder werden wenig angeleitet, Mittelschichtkinder unterliegen einer „konzertierten Kultivierung“, in der die Eltern Meinungen und Fähigkeiten des Kindes aktiv fördern – bis hin zum überbordenden Terminkalender. Unterschichtkinder sind eher autoritätsbezogen, Mittelschichtkinder lernen schon früh, eigene Wünsche und Vorstellungen durchzusetzen.

Kapitel 5 – Die drei Lektionen des Joe Flom: Joe Flom, Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, bitterarm, aber ehrgeizig und beseelt davon, einmal Anwalt zu werden. In den 1950er Jahren wurde er zum erfolgreichsten Anwalt New Yorks. Zuvor Schwierigkeiten, als Jude ob seines Aussehens in den berühmten Kanzleien anzuheuern. Erfolgsfaktoren: Handwerk über 10.000 Stunden gelernt und das ideale Geburtsjahr, also zur rechten Zeit das Studium abgeschlossen (demografischer Faktor). Oder Louis und Regina Borgennicht, 1889 nach New York gekommen, erst Verkauf von Kinderschürzen, dann erfolgreiche Bekleidungsfabrikanten. „Dieses Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten, das für den Erfolg so wichtig ist, kommt nicht nur aus uns selbst heraus oder von unseren Eltern. Es kommt auch aus der Zeit, in der wir leben, und den spezifischen Möglichkeiten, die uns ein bestimmter historischer Moment bietet.“

Teil 2 – Erbe (S. 143 – 236) – Kapitel 6 bis 9

Kapitel 6 – Harlan, Kentucky, und die Blutsfehde: Die blutige Dauerfehde zwischen den Howards und den Turners und die „Kulturen der Ehre“, häufig in Bergregionen und unfruchtbaren Gegenden wie dem Landesinneren von Sizilien oder dem spanischen Baskenland. Kultur der Hirten versus Kultur der Ackerbauern. In den Südstaaten mehr Morde, aber weniger Eigentumsdelikte. Entsprechende Enkulturisationsmuster liegen oft zweihundert oder dreihundert Jahre zurück.

Kapitel 7 – Flugzeugabstürze und Kultur: Korean Airlines und die vielen Abstürze als Ergebnis einer unzureichenden Kommunikation. Hofstedes Kulturdimensionen mit Risikovermeidern wie Griechenland, Portugal, Guatemala, Uruguay, Belgien und Frankreich oder Risikofreudigen wie Hongkong, Schweden, Dänemark, Jamaika, Singapur. Thema Machtdistanz: Geringe Machtdistanz zwischen den Menschen in Schweden oder Österreich, hohe Machtdistanz in Belgien oder Frankreich. Dies spiegelt sich in der Einstellung zu Hierarchien wider: In Frankreich ist die Machtdistanz doppelt so groß wie in Deutschland, Franzosen erwarten und unterstützen Macht in einer Weise, wie Deutsche es nicht tun würden.

Kapitel 8 – Reisfelder und Mathematik: Das Gedächtnis der Chinesen als Folge der kurzen chinesischen Wörter, auch Zahlwörter, die sich in einer Viertelsekunde speichern lassen, Zahlen lassen sich in einer Gedächtnisschleife speichern, die zwei Sekunden dauert. 37+22, das sind in China drei Zehner sieben und zwei Zehner zwei. Reisfelder verlangen viel Aufwand, zehn bis zwanzig Mal so viel wie ein Mais- oder Weizenfeld. Fleiß ist dabei eine wichtige Tugend – auch Mathematik verlangt diese Tugend.

Kapitel 9 – Maritas Handel: Die KIPP-Akademie in der Bronx von New York, Mittelschule für die Jahrgangsstufen 5 bis 8. Hervorragende Mathematik-Absolventen aufgrund Dauerbeschulung. „Erfolg ist nicht die Summe der Entscheidungen, die wir treffen, und Anstrengungen, die wir unternehmen. Erfolg ist vielmehr ein Geschenk. Ein Überflieger wird, der Chancen bekommen hat.“

Epilog – Eine Geschichte aus Jamaika: Joyce Nation ist jamaikanischer Herkunft, kommt nach London und verliebt sich in den jungen englischen Mathematiker Graham Gladwell. So haben sich Malcolm Gladwells Eltern kennengelernt. Aber diese Geschichte ist für Gladwell viel zu einfach, weil sie Entscheidendes ausblendet: Dass dies so kommen konnte, bedurfte vieler Faktoren, vor allem der Entschlossenheit von Daisy Nation, der Großmutter des Autors von „Überflieger“, die ihrer Tochter die richtige Schulbildung angedeihen ließ, ihr hat Galdwell sein Buch übrigens gewidmet, – aber die Geschichte reicht noch viel weiter zurück: „Erfolg hat nichts Übermenschliches oder Geheimnisvolles an sich. Er ist das Ergebnis von bestimmten Vorteilen und ererbten Traditionen, er ist zu einem Teil verdient, zu einem anderen Teil nicht, einiges haben sie sich selbst erworben, anderes ist ihnen in den Schoß gefallen.“

Malcolm Gladwells „Überflieger“ ist die ideale Therapie für Erfolgsmenschen, die Bescheidenheit, Demut und Dank lernen wollen. Auch ein Heilmittel für die Menschen, die mit sich selbst hadern, weil der messbare Erfolg in ihrem Leben aus ihrer Sicht ausgeblieben ist: Für Erfolg oder Misserfolg im Leben ist man am wenigsten selbst verantwortlich. Das ist Gladwells Botschaft.

Weitere Beiträge von Valeat zu Malcolm Gladwell:
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15 Comments

  1. Das ist ein interessantes Thema. Ich möchte zwei Aspekte ergänzen:
    1. Man kann das Problem unter der Perspektive betrachten, wieso wir Erfolg etc. nicht richtig nach seinen Ursachen beurteilen; dann kommt man auf die Bücher und Links, die ich unter http://philoso42.wordpress.com/2013/10/20/denkfehler-irrtumer-kognitive-verzerrung-bias/ vorgestellt habe.
    2. Man kann auch nach der „Persönlichkeit“, dem Typus fragen, der eher als andere Erfolg hat. Da weiß ich keine Antwort – aber ich bin mir sicher, dass es ausgesprochene looser und ausgesprochene Siegertypen gibt.

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    1. Vielen Dank für die spannenden Hinweise. Kognitive Verzerrungen und der Link dazu : sehr interessant. Ich bin auch überzeugt davon, dass es neben exogenen auch endogene Faktoren für den Erfolg gibt, glaube aber nicht, dass diese erblich bedingt sind, eher durchs Leben erfahren, gelernt und schließlich verinnerlicht (siehe „Charakter“, das altgriechische Ursprungsverb bedeutet soviel wie „etwas einritzen“). Viele Grüße von Ben von Valeat

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  2. Guter Artikel. Sehr gutes Buch, danach hatte ich schon gesucht, danke 🙂 Ich komme zu ähnlichen Feststellungen und Beobachtungen, bei mir, meinem Leben und anderen.
    Karl Lagerfeld betont fast in jeder Talkshow: „Erfolg bei ihm sei reiner Zufall gewesen und natürlich seine Mutter“ – noch Fragen? 🙂 Die Stimmen mehren sich, dass Erfolg tatsächlich nicht so sehr vom eigenen Gelingen abhängen, dass gilt auch für den sogenannten „amerikanischen Traum“, den finde ich sogar ziemlich überholt und irreführend, weil es einfach nicht stimmt, aber die „Amis“, insbesondere Einwanderer glauben fest daran und manchmal gibt ihnen der Erfolg ja auch recht. … Lieben Gruß

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  3. Interessantes Thema! Das Buch kannte ich noch nicht. Gerade bei Film-/Musik-/Literaturveröffentlichungen frage ich mich manchmal, was Erfolg und Misserfolg ausmacht. Ein Teil meiner Begründung liegt darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – also genau die äußeren Umstände, die Du in Deinem Beitrag erwähnst.

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    1. Ich bin persönlich auch davon sehr überzeugt, dass dies genau dies der entscheidende Erfolgsfaktor ist. Ohne diese Überzeugung hätte ich dieses Buch von Gladwell erstens nicht gelesen und zweitens nicht bei Valeat vorgestellt. Danke Dir sehr für Dein Feedback, über das ich mich sehr gefreut habe. Bis zum nächsen Mal!

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  4. Hallo Valeat,
    ja, nichts funktioniert ohne Arbeit.
    Erfolg fällt nicht in den Schoß – was ich interessant finde ist, dass Mittelschichtkinder zum selbstständigen Denken erzogen werden…. so ist es … und Unterschichtkinder müssen gehorchen…
    Ich wünsche mir einmal eine Welt, wo alle die gleichen Chancen haben, aber das ist wohl ein Traum.
    Grüße von Susanne

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