„Ich rede als Kontaminierter“

Wir erleben die Verwandlung immer weiterer sozialer Bereiche in börsenähnliche Plattformen. Was ist ein Mensch noch in 20 Jahren wert? Welche seiner digitalen Spuren erlauben Rückschlüsse auf seine Kreditwürdigkeit? Vor wenigen Tagen kam die Meldung, dass das Fahrverhalten von Menschen von Telekommunikationsfirmen gescreent und an die Versicherung weitergegeben wird. Amazon weiß, wie wir seine E-Books lesen. Dem Konzern ist bekannt, welche Seiten wir umblättern und mit was wir uns intensiv beschäftigen. Bei den ersten Romanen wurden bereits Kapitel gestrafft, Enden gestrichen. In der nächsten Stufe wird Amazon vielleicht in die kreative Produktion eingreifen und sagen: Dieses Buch brauchst du gar nicht zu schreiben, das interessiert unsere Leser nicht. Lehnen wir uns doch einfach mal zurück und stellen fest: im Jahr 2013 fragt uns eine neu entstandene Industrie permanent, wo wir uns gerade befinden, was wir kaufen, was wir gut finden, was wir suchen, um herauszufinden, was wir denken und wollen – dieses Faktum allein reicht aus, sich zumindest ein paar weitergehende Fragen zu stellen.

Frank Schirrmacher (Jahrgang 1959) im Interview „Ich rede als Kontaminierter“ mit der sonntaz vom 20./21. April 2013, Seite 32/33

Frank Schirrmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat
Frank Schirrmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat

9 Comments

  1. Nicht vergessen: man kann dem Internet auch viel Positives abgewinnen. Was Schirrmacher übersieht, oder nicht sehen möchte, was aber für die Entwicklung unserer Kultur immens wichtig ist: Wenn „Amazon“ (man beachte die Personalisierung 🙂 ) vielleicht (!) eines Tages sagt, „das Buch brauchst du gar nicht zu schreiben“, dann meint „Amazon“ eigentlich Folgendes: „das Buch brauchst du uns gar nicht anzubieten.“ Niemand hält den Autor davon ab, das Buch trotzdem zu schreiben. UND per Internet publik zu machen. Also, mit Muriel gesprochen – ja klar, und?

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    1. Schönen Dank für den Kommentar. Das stimmt! Vielleicht ist es sowieso ratsam, sich als Autor nicht an Amazon zu verkaufen. Es gibt in der Tat Alternativen, nur fraglich, ob die Verbreitung diesselbe ist.

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        1. Im Kindle-Store von Amazon hat jeder Autor die Möglichkeit, als eigener Verleger aufzutreten und elektronische Bücher anzubieten. Amazon partizipiert natürlich anteilig vom Verkauf, je nachdem sogar gewaltig.

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  2. Eine dieser Fragen stelle ich mir schon seit Jahren, zunehmend lauter, wenn ich mir Herrn Schirrmachers merkwürdige Bedenkenträgerei anhöre. Sie geht in die Richtung von „Ja, klar, und?“

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  3. Guten Morgen lieber Ben, natürlich werden wir uns dieser BIG BROTHERS‘ immer mehr bewusst werden müssen und ich glaube halt, dass das Volk sich eines Tages wirklich dagegen wehren wird, wenn es dann einmal aus dem Winterschlaf erwacht. Einen guten Tag wünscht Martina

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