Lesen ist kein Breitensport

Man darf nicht vergessen, dass Lesen nie ein Breitensport war. Aber als vor etwa zweihundert Jahren der Roman zu seiner vollen Blüte kam, etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Mittelklasse, da gab es kaum Konkurrenz zum Roman. Das unterscheidet die Epoche von der unsrigen. Wer in Paris oder London lebte, konnte ins Theater gehen. Aber für die Mehrheit der Menschen zwischen 1750 und 1930 war der Roman eben das einzige Reflexionsmedium, das zur Verfügung stand. Also beschäftigten sie sich damit. Das waren die goldenen Jahre des Romans, und Autoren wie Kafka, Proust oder Faulkner haben damals gezeigt, wie weit man diese Form treiben kann. Ein Mittelklasse-Ding jedoch ist der anspruchsvolle Roman, der mehr will als bloß unterhalten, immer geblieben, etwas für ein überschaubares Publikum. Lesen ist ein Privileg: Sich mit moralischer Ambivalenz auseinanderzusetzen ist ein Privileg. Den Zweifel zuzulassen ist ein Privileg.

Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18./19.November 2017

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