Paris. Foto: (c) Valeat

Man kann sich in die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo in Gottes äußerster Vorsehung wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Was ich last, but not least in meinem Plädoyer für die Werkstatt der Wörtlichkeit als gewichtiges Argument anführen möchte: Hier wird eine Sprache der Kritik vermittelt und eingeübt, die über das nuanciert angemessene Besprechen von Texten weit hinausgeht. Kritik ist Unterscheidungskunst und nicht, wie es zeitgenössischer Wortgebrauch oft nahelegt, Querulanz, Nicht-positiv-denken-wollen oder verkappter Neid. Stürmische Zeiten. Weltweite Latenz eines Populismus, der die Demokratien zu verfinstern beginnt. Schichtenunabhängige Asozialität. Authentizitätsfuror bei zunehmend totalitärer Konsenskonditionierung. Verschwörungstheorien, die sich aufklärerisch gerieren. Fake News und notorische Denunziation des Komplexen. Eine Künstliche Intelligenz auf der Schwelle zu Deep-Fake-Technologien, die bald in Videos mimisch vitale Gesichter anderen Körpern aufzupfropfen imstande sind. Eine bedrohliche epistemische Krise. Wie können wir etwas wissen?

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

 

Im November 2017 trat der „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als Festredner beim Dies academicus an der Uni Bayreuth auf, er warb bei den Studierenden um mehr Mut und die Bereitschaft, in stürmischen Zeiten Verantwortung zu übernehmen. Und dann entdeckte ich in der Rede den Satz: „Ich bin davon überzeugt, dass es während des Studiums auch um Herzensbildung gehen sollte.“ Herzensbildung halte ich nicht für eine Kompetenz, und ich rechne sie auch nicht den soft skills zu. Es handelt sich um ein hohes, womöglich das höchste Bildungsgut. Wer liest, ist unterwegs dorthin, vielleicht.

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

Es wächst eine Generation heran, die immerzu das Gefühl hat, sie sei nicht gut genug. Das erzeugt eine Welthaltung, die auf Selbstoptimierung geradezu ausgerichtet ist – allerdings nicht aus Lust, sondern aus Sorge, abgehängt werden. Das kann sie von der Welt entfremden, dabei sind es doch gerade Kinder, die resonante Weltverhältnisse kennen. Sie versuchen von ihrem Naturell her, die Welt zu erkunden und eine eigene Position zu dieser Welt zu entwickeln. Aber die Welt sagt ihnen immerzu: Es reicht noch nicht. Der Prozess des Anverwandelns kann durch den Optimierungsdruck deutlich gestört werden. ADHS, Burnout im Jugendalter oder andere Krankheiten können die Folge sein.

Hartmut Rosa, deutscher Soziologe, Frankfurter Allgemeine Woche Nr. 47 vom 17. November 2017 (Interview zum Titelthema „Baustelle Ich – Optimiert von Kopf bis Fuß: Der neue Schönheitswahn“)

Man darf nicht vergessen, dass Lesen nie ein Breitensport war. Aber als vor etwa zweihundert Jahren der Roman zu seiner vollen Blüte kam, etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Mittelklasse, da gab es kaum Konkurrenz zum Roman. Das unterscheidet die Epoche von der unsrigen. Wer in Paris oder London lebte, konnte ins Theater gehen. Aber für die Mehrheit der Menschen zwischen 1750 und 1930 war der Roman eben das einzige Reflexionsmedium, das zur Verfügung stand. Also beschäftigten sie sich damit. Das waren die goldenen Jahre des Romans, und Autoren wie Kafka, Proust oder Faulkner haben damals gezeigt, wie weit man diese Form treiben kann. Ein Mittelklasse-Ding jedoch ist der anspruchsvolle Roman, der mehr will als bloß unterhalten, immer geblieben, etwas für ein überschaubares Publikum. Lesen ist ein Privileg: Sich mit moralischer Ambivalenz auseinanderzusetzen ist ein Privileg. Den Zweifel zuzulassen ist ein Privileg.

Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18./19.November 2017

Ihre kleine Maschine hier, mit der Sie unser Gespräch aufzeichnen, ermöglicht gewissen Leuten, genau zu wissen, wo Sie gerade sind, sie können herausfinden, was Sie sagen, selbst wenn die Maschine ausgeschaltet ist – das ist ein Bereich, in dem die Politik nicht im Mindesten auf Augenhöhe mit der herrschenden Technologie ist. (…) Die Masse an Daten, die jetzt gesammelt wurde, stellt einen massiven Angriff auf uns alle dar, einen Einbruch in die menschliche Privatsphäre, gegen den wir uns wappnen müssen. Aber das ist ein so gewaltiges Thema, das müssen wir im nächsten Interview besprechen.

Bernie Sanders im Interview mit der Zeit vom 24. Mai 2017

Wir denken noch viel zu sehr an die gigantischen Containerschiffe, wenn wir an die Globalisierung denken. Dieser Gigantismus wird ein Ende haben. Daten sind die neuen Container der Digitalisierung. Sie werden um den ganzen Globus transferiert. Der Datenaustausch nimmt extrem rasch zu – und zwar für alle Lebensbereiche.

Thomas Straubhaar, Ökonom, im Interview „Daten sind die neuen Container“ mit der Frankfurter Allgemeinen Woche 22/2017