Für uns aber gilt: Man muss lauschen auf ein Klopfen aus der Tiefe der Wiederkunft.
Botho Strauß schaut in dieser als Traum dargestellten Erinnerung aus dem Jahr 2013 auf den großen deutschen Schauspieler Otto Sander (1941-2013).
In diesem Traum spricht Sander dieses Zitat im Stück „Ohio Impromptu“ von Samuel Beckett, Berliner Schaubühne im Jahr 1982:
Otto Sander und Peter Fitz an einem langen Tisch. Der Leser (Fitz) und der Hörer (Sander), der laut auf den Tisch pocht, immer wieder, Wiederholung einfordernd. Beide in dialogischer Begegnung, jeder für sich.
Das Zitat ist das Ende des Aufsatzes von Botho Strauß über Otto Sander.
Botho Strauß: Über Otto Sander. In: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern

Paris. Foto: (c) Valeat

Man kann sich in die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo in Gottes äußerster Vorsehung wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Im November 2017 trat der „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als Festredner beim Dies academicus an der Uni Bayreuth auf, er warb bei den Studierenden um mehr Mut und die Bereitschaft, in stürmischen Zeiten Verantwortung zu übernehmen. Und dann entdeckte ich in der Rede den Satz: „Ich bin davon überzeugt, dass es während des Studiums auch um Herzensbildung gehen sollte.“ Herzensbildung halte ich nicht für eine Kompetenz, und ich rechne sie auch nicht den soft skills zu. Es handelt sich um ein hohes, womöglich das höchste Bildungsgut. Wer liest, ist unterwegs dorthin, vielleicht.

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

Man darf nicht vergessen, dass Lesen nie ein Breitensport war. Aber als vor etwa zweihundert Jahren der Roman zu seiner vollen Blüte kam, etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Mittelklasse, da gab es kaum Konkurrenz zum Roman. Das unterscheidet die Epoche von der unsrigen. Wer in Paris oder London lebte, konnte ins Theater gehen. Aber für die Mehrheit der Menschen zwischen 1750 und 1930 war der Roman eben das einzige Reflexionsmedium, das zur Verfügung stand. Also beschäftigten sie sich damit. Das waren die goldenen Jahre des Romans, und Autoren wie Kafka, Proust oder Faulkner haben damals gezeigt, wie weit man diese Form treiben kann. Ein Mittelklasse-Ding jedoch ist der anspruchsvolle Roman, der mehr will als bloß unterhalten, immer geblieben, etwas für ein überschaubares Publikum. Lesen ist ein Privileg: Sich mit moralischer Ambivalenz auseinanderzusetzen ist ein Privileg. Den Zweifel zuzulassen ist ein Privileg.

Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18./19.November 2017

Das liegt auch an meiner Liebe zu den Dichtern. Es soll ja Leute geben, die nicht an den Gott der Poesie glauben. Aber ich weiß, dass er existiert. Hanser hat sehr viele Dichter verlegt. Einige davon wie Tomas Tranströmer, Seamus Heaney oder Joseph Brodsky wurden dann mit dem Nobelpreis geehrt. Von Gedichtbänden verkauft man in der Regel zwischen 300 und 800 Exemplare. (…) Natürlich sind das Verlustgeschäfte, das weiß man vorher. Aber es macht Vergnügen, Bücher zu haben, in denen jede Zeile stimmt und kein Wort zu viel ist. Ein literarischer Verlag ist ohne Poesie oder anspruchsvolle Essaybände eigentlich undenkbar. Wer das nur wegen der Rendite ausblendet, ist eigentlich gar kein Literatur-Verleger.

Michael Krüger, ehemaliger Geschäftsführer des Hanser Verlags, in „Ich weiß, dass der Gott der Poesie existiert“, Interview brand eins, November 2016 „Du weißt mehr als du denkst“ (Schwepunktthema Intuition)

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Sätze fliegen mir da nicht zu. Es sind eher Gesichter, die mir kommen, wenn ich irgendetwas anderes mache. Früher habe ich das dann viel ausführlicher notiert. Inzwischen nur noch ganz abgekürzt. Ich mache Notizen in ein kleines Oktavheft. Aber immer nur ein paar Wörter. Wenn ich später draufschaue, habe ich leider manchmal gar keine Ahnung mehr, was die bedeuten sollten.

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Don DeLillo im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 22./23. Oktober 2016. Sein neuer Roman „Null K.“ ist in Kürze in Deutschland erschienen; Rezensionen zu diesem Roman aktuell im Feuilleton oder in den Literaturbeilagen aller namhaften Zeitungen.

 

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Bodo Kirchoff auf der Frankfurter Buchmesse 2016 am Stand seines Verlags.

 

Bodo Kirchhoff ist der unumstrittene Star der Frankfurter Buchmesse. Am Mittwoch habe ich ihn überall getroffen, eigentlich war er immer schon da, wohin auch immer ich gekommen bin. Bodo Kirchhoff ist mit „Widerfahrnis“ der Träger des „Deutschen Buchpreises 2016“ und die Hoffnung des Deutschen Buchhandels für das Weihnachtsgeschäft. Ich habe ihm beim Fernsehinterview bei seinem Verlag, der Frankfurter Verlagsanstalt getroffen, im Talk mit der Frankfurter Allgemeinen, mit dem Spiegel und mit der Zeit, immer bemüht, mit Contenance auf immer dieselben Fragen zu antworten. Trägt der Protagonist autobiographische Züge? Was für eine Frau tritt da in sein Leben? Was für ein Kind? Ist das Buch die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise? Interessant: Bodo Kirchhoff hat mit dem „Deutschen Buchpreis“ 2016 eine Auszeichnung erhalten, die er im Jahr 2005 maßgeblich mitgegründet hat – das nenne ich nachhaltiges Investment! Und: Bodo Kirchhoff tut sich schwer mit der Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylon. Ja, verdient habe sich das der Sänger irgendwie schon, sagt Kirchhoff, aber es gebe noch andere, die ihn noch mehr verdient hätten, wie zum Beispiel Philip Roth, und irgendwann sei es zu spät für die Vergabe eines Preises.

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„Entlässt den Leser ins Offene“: Bodo Kirchhoff erhält für „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016. Foto: (c) Claus Setzer

Bodo Kirchhoff erzählt vom unerhörten Aufbruch zweier Menschen, die kein Ziel, nur eine Richtung haben – den Süden. Es treibt sie die alte Sehnsucht nach der Liebe, nach Rotwein, Italien, einem späten Abenteuer. Als sie eine junge Streunerin auflesen, begegnen sie den elementaren Themen ihrer Vergangenheit wieder: Verlust, Elternschaft, radikaler Neuanfang. Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.

Begründung der Jury zur Vergabe des Deutschen Buchpreises 2016 an Bodo Kirchhoff

 

 

Mehr bei Valeat zum Deutschen Buchpreis: 

Deutscher Buchpreis 2015
Deutscher Buchpreis 2014
Deutscher Buchpreis 2013
Deutscher Buchpreis 2012

 

Ich lese ungefähr acht Bücher im Monat für die Radio- und Fernsehsendungen. Dazu kommen geschätzte zehn Bücher, die ich anlese, dreißig bis vierzig Seiten, um sie dann beiseitezulegen, weil ich sie nicht mag. Mittlerweile schreiben mich Verlagsvertreter auch persönlich an, im Buch liegt dann eine handgeschriebene Notiz: „Ich glaube, das wird Ihnen gefallen.“ Ich lese also rein, und oft ist es tatsächlich eine gute Geschichte, aber manchmal zu simpel gestrickt, und ich denke: Mensch Leute, nur weil ein kleiner Junge mit Brille vorkommt, ist das noch lange kein Westermann-Buch.

Christine Westermann übers Lesen: Aus: Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Oktober 2016

 

Bis heute ist Thomas Bernhard für mich der ideale Zeitungsleser. Damit meine ich nicht, dass sich einer in ein Café setzt, nur um eine Zeitung zu lesen, egal, ob dieses Café nun in Wien oder in Gmunden steht. Damit meine ich auch, dass er dieses Café gleich wieder verlässt, wenn er darin nicht die Zeitung finden kann, die er lesen will.

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser

Das ist der Abgesang auf die Tageszeitung: Michael Angele, im Hauptberuf stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ entführt uns in „Der letzte Zeitungsleser“ in die Welt des passionierten Zeitungslesers Thomas Bernhard, der so ziemlich alles getan hätte, um zu seiner begehrten Tageszeitung zu kommen. Angele zeichnet liebevoll Spleene und Schrunden des pathologischen Zeitungslesers und stimmt ein Requiem auf die Tageszeitung an, die im lauten Rauschen des digitalen Boulevards heute keinen Existenzgrund mehr zu haben scheint.

Angele trägt in seinem Buch allerlei über den idealen Zeitungsleser wie Bernhard und sich selbst zusammen: Die Zeitung als vollformatige, sprudelnde Ideengeberin, als überquellende, dralle Muse für Schriftsteller und Journalisten. In „Der letzte Zeitungsleser“ erfahren wir, dass manches Stück Weltliteratur ohne die Zeitung gar nicht entstanden wäre, so zum Beispiel der „Ulysses“ von James Joyce oder „Zeitungslesen im Wirtshaus“ von Peter Handke, ein eher unglücklicher Zeitungsleser. Und zum Schluss kommt der Theaterregisseur Claus Peymann zu Wort, der ein halbes Dutzend Zeitungen am Tag liest, vom Neuen Deutschland über die Berliner Morgenpost und die FAZ bis hin zur Süddeutschen Zeitung. Ist Peymann der letzte wirkliche Zeitungsleser? Der wirklich letzte Zeitungsleser?

Das scheint Michael Andele zu fragen, worauf Valeat antwortet: Wie schön ist es, eine druckfrische Zeitung in den Händen zu halten, in einem Café in Köln (noch schöner: in einem Kaffeehaus in Wien), die Zeitung als papierener Wall um sich Selbst. Oder die Tageszeitung auf dem Küchentisch auszubreiten – weit ausladend, Raum füllend, Besitz ergreifend. Im Rascheln der Seiten, im Geruch des Papiers und der Druckerschwärze, im magischen Layout von Lettern, Lücken und Bildern baut sich die wunderbare Welt der Zeitung auf, in die der Zeitungsleser eintaucht. Nein, der Zeitungsleser wird sich seine Zeitung nicht wegnehmen lassen!

Ein schönes Büchlein von Michael Angele über die Tageszeitung, fast 150 Seiten, die als schmale Zeitungseinspalter gesetzt sind – netto sind das nur 75 Seiten, für die man aber gerne 16 Euro in der gebundenen Ausgabe ausgibt. Das zwei Euro billigere E-Book wird aus guten Gründen hier nicht empfohlen.

 

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