Sondersendungen wurden zum Normalfall und gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet: Es war eine Verengung der Welt.

Dennis Gräf | Medienforscher Universität Passau

Dennis Gräf und Martin Hennig untersuchten mehr als 90 Sendungen von „ARD Extra“ und „ZDF Spezial“ im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai 2020.

Hier geht es zum Beitrag der Passauer Neuen Presse >>>

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird“, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.
Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.

Matthias Horx (Jahrgang 1955), Zukunftsforscher
Das Zitat stammt aus einem Beitrag im österreichischen Kurier >>>

Wir denken noch viel zu sehr an die gigantischen Containerschiffe, wenn wir an die Globalisierung denken. Dieser Gigantismus wird ein Ende haben. Daten sind die neuen Container der Digitalisierung. Sie werden um den ganzen Globus transferiert. Der Datenaustausch nimmt extrem rasch zu – und zwar für alle Lebensbereiche.

Thomas Straubhaar, Ökonom, im Interview „Daten sind die neuen Container“ mit der Frankfurter Allgemeinen Woche 22/2017

Rede von Charlie Chaplin (16.04.1959)

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist –
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man Vertrauen.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man „authentisch sein“.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man Reife.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich, das nennt man Ehrlichkeit.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“,
aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: Das nennt man Demut.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben
und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo alles stattfindet,
so lebe ich heute jeden Tag und nenne es Bewusstheit.

Als ich mich zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: Das ist das Leben!

Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959

Weltraum #577. Foto: (c) Valeat
Weltraum #577. Foto: (c) Valeat

> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im  Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto:  (c) Valeat.
> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto: (c) Valeat.

Ich glaube nicht, dass wir heute eine vollkommene Imitation des menschlichen Geistes aus Software herstellen können. Dafür wissen wir viel zu wenig über Geist und Bewusstsein, fassen sie noch viel zu sehr als statische Gebilde. Bewusstsein und Geist sind aber etwas, das sich fortwährend ändert, von Moment zu Moment. James Joyce und sein berühmter „Bewusstseinsstrom“ im Roman „Ulysses“ sind eine gute literarische Veranschaulichung dieser Überlegung.

David Gelernter (Jahrgang 1955) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 26./27./28. März 2016

Wirtschaftsstudenten würden falsch ausgebildet, behauptet Holger Rogall, Professor für nachhaltige Ökonomie, denn das Menschenbild des „Homo Oeconomicus“ sei falsch: Der Mensch sei nicht ausschließlich rational zu seinem eigenen ökonomischen Nutzen unterwegs. Rogall spricht von einem „eklatanten Versagen“ der meisten Universitäten in der Ausbildung ihrer Studenten und beschreibt im folgenden Zitat den „Homo Heterogenus“, dem er dem überkommenden Menschenbild des „Homo Oeconomicus“ entgegenstellt.

Menschen verhalten sich nicht immer zu ihrem eigenen Nutzen. Der Mensch raucht, er trinkt, er schadet seiner Gesundheit und verbraucht zu viele Ressourcen. Menschen sind übrigens auch bereit Rache zu üben, wenn man ihnen schadet. Selbst wenn sie das in hohe Kosten stürzt, das ist völlig irrational. (…) Wäre der Mensch so rational, wie es die neoklassische Theorie annimmt, würde er solche Dinge nicht tun. (…) Ich gehe vom Homo Heterogenus aus. Der Mensch ist demnach ein heterogenes Wesen, er handelt nicht immer gleich. Er kann auch lieben und etwas für andere tun, für das er nicht unmittelbar eine Gegenleistung erwartet. Er ist oft hilfsbereit und fair. Im Wirtschaftsgeschehen zeigt sich das: Der Mensch will seinem Geschäftspartner vertrauen – und wenn er ihm vertraut, dann möchte er gerne viele Jahre mit ihm zusammenarbeiten. Auch wenn das womöglich mehr kostet.

Holger Rogall (Jahrgang 1954) im Wirtschaftmagazin enorm 06/15. Hier geht es zum Online-Beitrag >>>

Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com
Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com

Statt mit der normativen Kraft des Faktischen haben wir es mit einer normativen Kraft des Fiktiven zu tun. In Staaten wie dem Libanon ist jeder Fünfte ein Flüchtling. Jordanien gibt ein Viertel seines Staatshaushaltes für Flüchtlingshilfe aus. In Deutschland ist nicht mal jeder Vierzigste ein Flüchtling, und die Staatsausgaben für Zuwanderer liegen im niedrigen einstelligen Bereich. Trotzdem konstatieren Kommentatoren »Staatsversagen«. So hält das völlig fiktive Bild eines kollabierenden und überrannten Landes dafür her, harte Maßnahmen zu fordern. Wer hier die öffentliche Ordnung kollabieren sieht, redet wohlgemerkt von Deutschland im Jahr 2016 und nicht von Syrien, Afghanistan oder Somalia. Nicht die Realität, sondern Übertreibung und Phantasma begründen die immer stärkere begriffliche Aufrüstung.

Richard David Precht und Harald Welzer in der ZEIT vom 17. März 2016

(c) Bild: Ints Vikmanis, fotolia.com
Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015