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Achtung Satire:

„London (dpo) – Das haben sie sich redlich verdient: Wie eine aktuelle Studie der Nichtregierungsorganisation Oxfam ergab, sind die 62 fleißigsten Menschen auf dem Planeten genauso wohlhabend wie die 3,7 Milliarden faulsten Menschen der Weltbevölkerung zusammen. Das Ergebnis der Untersuchung zeige deutlich, dass sich persönlicher Einsatz im Job immer auszahle, so Oxfam.“

Das Satiremagazin „Der Postillion“ zum Oxfam-Armutsbericht >>>

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"Liebe deine Stadt": Kölner  Nord-Süd-Fahrt.  Foto: (c) Valeat
„Liebe deine Stadt“: Kölner Nord-Süd-Fahrt. Foto: (c) Valeat

Am 22. Januar 2016 ist die „Kölner Botschaft“ in den Zeitungen Express, Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, Generalanzeiger Bonn und Rheinische Post Düsseldorf abgedruckt worden.
Erstunterzeichnet hatten diese Erklärung der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, die Schriftsteller Navid Kermani und Frank Schätzing, Wolfgang Niedecken von der kölschen Rockgruppe BAP, der Fotograf Andreas Gursky, Schauspielerin Mariele Millowitsch, Norbert Blüm (CDU) und Werner Spinner, Präsident des 1. FC Köln. Hier die „Kölner Botschaft“ im Wortlaut:

Wir lieben Köln. Wir lieben die Vielfalt unserer Stadt, die Lebenslust, das immer etwas Chaotische, nicht ganz so Reglementierte, niemals Stubenreine, aber auch die Gastfreundschaft und Offenheit für Lebensformen, Kulturen und Sprachen, die erst seltsam anmuten und kurz darauf bereits zum Alltag gehören. Wir lieben die Kraft unserer Stadt, aus Zuwanderern innerhalb kürzester Zeit begeisterte Kölner zu machen. Zugleich spüren wir, dass Köln eine uralte Stadt ist, an einem großen Fluss, der jeden Tag auf die gleiche Weise an uns vorüberzieht, und das gibt uns vielleicht die Gelassenheit, nicht bei jeder schlechten Nachricht gleich eine Katastrophe zu befürchten und selbst beim Abstieg unseres Fußballvereins an die Qualifikation für die Champions League zu denken. Et hätt noch immer jot jejange, ist tatsächlich unser Lebensgefühl.

Mag sein, dass unser brennender Lokalpatriotismus merkwürdig anmutet, denn von außen betrachtet – im Stillen geben wir es zu -, ist das ehemals so prachtvolle Köln seit seiner Zerstörung in den Jahren von 1942 bis 1945 keine Schönheit mehr, nein. Aber die Hässlichkeit, die der Krieg und leider auch unsere eigene Nachlässigkeit in unseren Straßen und auf unseren Plätzen hinterlassen haben, oder eine Katastrophe wie der Einsturz des Historischen Archivs, der unseren Langmut dann doch erschüttert, tun unserer Liebe keinen Abbruch, im Gegenteil: Diese sichtbare Verwundbarkeit und Unvollkommenheit der Stadt vertieft unsere Liebe noch. Denn wir merken, wir müssen uns kümmern, damit es unserem Köln weiterhin jot jeiht.

Die Ereignisse der Silvesternacht rund um den Hauptbahnhof haben uns alle aufgewühlt, beunruhigt, verunsichert. Viele hundert Frauen und Mädchen sind Opfer sexueller Gewalt und brutaler, offenbar bandenmäßiger Kriminalität geworden. Die Behörden, die für unsere Sicherheit verantwortlich sind, haben nicht nur hilflos zugesehen, sie haben dieses große Verbrechen im Herzen unserer Stadt zunächst verharmlost oder sogar zu vertuschen versucht. Die Ängste, wechselseitigen Vorwürfe, unbeantworteten Fragen und manche reißerischen Medienberichte, die seit der Silvesternacht die Gespräche und Debatten in unserer Stadt beherrschen, drohen zu einer Spaltung in unserer Gesellschaft zu führen. Das gilt umso mehr, als wir in einer Zeit leben, in der kulturelle und ethnische Konflikte immer häufiger auch mit physischer Gewalt geführt werden.

Der dschihadistische Terror, der weltweit unschuldige Menschen wahllos tötet, hat auch Deutschland ins Visier genommen. Deutsche Rechtsextremisten haben allein im vergangenen Jahr fast tausend Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt. Einen Tag vor ihrer Wahl wurde die jetzige Oberbürgermeisterin Henriette Reker wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Und erst vor wenigen Tagen mussten wir in Köln zusehen, wie Anhänger der sogenannten Pegida-Bewegung hemmungslos am Bahnhof randaliert und wie kurz darauf Unbekannte in der Innenstadt Jagd auf Menschen ausländischer Herkunft gemacht haben. Die unzähligen Helfer genauso wie die verantwortlichen Politiker, die sich in den vergangenen Monaten für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt haben, werden zu naiven Idioten erklärt, wenn nicht zu Vaterlandsverrätern. Auf der anderen Seite fühlen sich Mitbürger, die ihre Sorgen vor der Zuwanderung artikulieren, pauschal als Fremdenfeinde diskreditiert.

Um der wachsenden Polarisierung in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, ist es wichtig, an das Gemeinsame zu erinnern – und zwar auch ganz konkret mit Blick auf die Ereignisse der Silvesternacht. Denn gleich welchen Geschlechts und Alters wir sind, welcher Herkunft und Religion, welchen Beruf wir ausüben und welcher Partei wir angehören, welche sexuelle Orientierung wir haben und welche private Leidenschaft – wir alle wollen uns in Köln sicher, frei und offenen Blicks bewegen. So haben wir vier Forderungen aufgeschrieben, von denen wir glauben, dass sie nicht nur unsere eigenen sind. Und wir haben jeweils Erläuterungen hinzugefügt, die bei manchen wahrscheinlich Widerspruch provozieren – aber das ist auch gut, solange es ein konstruktiver, im Ton nicht verletzender Widerspruch ist. Nichts tut aus unserer Sicht mehr not, als die Debatte zu versachlichen, die wir in Köln und über Köln hinaus spätestens seit der Silvesternacht zu Recht führen.

1. Keinerlei Tolerieren von sexueller Gewalt

Sexuelle Gewalt existiert in den meisten, wenn nicht allen Gesellschaften und Kulturen. In der Silvesternacht wurde sie am Hauptbahnhof offenkundig von jungen Männern nordafrikanischer und arabischer Herkunft ausgeübt. Auch wenn Alkohol, Drogen und eine verhängnisvolle Gruppendynamik hineingewirkt haben mögen, wäre es blind zu verkennen, dass diesem Exzess ein bedrückendes Frauenbild zugrunde liegt. Nicht erst seit Silvester wissen wir, dass in manchen Milieus manche Männer ein tiefgreifendes Problem mit der Gleichberechtigung haben. Uns ist dieser Machismo immer wieder auch in Milieus von Menschen arabischer oder orientalischer Herkunft begegnet. Das dürfen, ja müssen wir benennen, wenn wir durchsetzen wollen, dass die Würde der Frau jederzeit und an jedem Ort unantastbar ist. Denn erst wenn wir die emotionalen, sozialen und kulturellen Ursachen der Gewalt kennen, werden wir sie auch überwinden können.

Dabei beginnt Gewalt nicht erst, wo Männer physisch übergriffig werden. Sie kann auch aus obszönen, erniedrigenden oder aggressiven Worten bestehen. Wir akzeptieren das nicht und nehmen uns vor, früher und entschiedener einzuschreiten, wo immer Frauen bedrängt werden. Und wir hoffen, dass die Ereignisse der Silvesternacht uns alle stärker für das Thema der sexuellen Gewalt sensibilisieren, das ein gesamtgesellschaftliches ist. Nach Angaben von Frauenrechtsorganisationen wie „Terre des Femmes“ wird in Deutschland noch immer alle drei Minuten eine Frau Opfer einer Vergewaltigung, etwa drei Viertel von ihnen in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Wir dürfen uns damit nicht abfinden und müssen uns gegen sexuelle Gewalt wenden, gleich von wem sie verübt wird.

2. Kampf gegen bandenmäßige Kriminalität

Viele von uns beobachten oder haben bereits am eigenen Leib erfahren, dass es neben anderen kriminellen Organisationen seit einigen Jahren in Köln eine bandenmäßige Straßenkriminalität gibt, die hauptsächlich von Marokkanern und Algeriern verübt wird. Es genügt, mit unseren guten Nachbarn zu sprechen, die selbst aus Marokko oder Algerien stammen, um anzunehmen, dass diese jungen, durchweg alleinstehenden Männer – die übrigens wohl nicht mit der aktuellen Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen sind – bereits in ihren Heimatländern kriminell und drogensüchtig waren. Und wir fragen uns, warum unsere nordafrikanischen Nachbarn diese jungen Menschen zu kennen scheinen und sich über ihre Rücksichtslosigkeit seit langem beklagen, aber die Polizei augenscheinlich keinerlei Zugriff auf sie hat.

Uns, die wir in Köln leben, überrascht es nicht, dass im Zentrum der Ereignisse in der Silvesternacht eben diese kriminellen und durch Drogen enthemmten Banden stehen sollen, die insbesondere Jugendliche und Frauen auch im Alltag bedrohen, sei es rund um den Hauptbahnhof oder freitagnachts auf den Ringen. Wir erwarten, dass der Rechtsstaat entschiedener gegen Straßenkriminelle vorgeht, sie bestraft und gegebenenfalls auch ausweist. Der Grundsatz, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, gilt unabhängig von der Herkunft, Kultur oder Religion. Mehr noch: Der Grundsatz ist umso stärker zu beachten, wo Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern, Kulturen oder Religionen zusammenzuleben.

3. Konsequenzen aus dem behördlichen Versagen

Das Verhalten der unterschiedlichen Ordnungskräfte in der Silvesternacht und erst recht die Stellungnahmen der dienstlich und politisch Verantwortlichen in den Tagen danach machen uns fassungslos. Die Sicherheitsbehörden können uns nicht vor jedem Terroranschlag schützen, aber was am Hauptbahnhof passiert ist, hätte verhindert werden können. Die Einsatzleitung hat die Lage – aus welchen Gründen auch immer – grotesk falsch eingeschätzt und sogar die angebotene Verstärkung abgelehnt. In der Folge haben Vertreter der unterschiedlichen Behörden die Bevölkerung widersprüchlich und teilweise wahrheitswidrig über die Ereignisse unterrichtet, sich gegenseitig beschuldigt und mit absurden Argumenten zu verteidigen versucht – sollen etwa Kriminelle auf frischer Tat ertappt, aber nicht abgeführt worden sein, weil angeblich in Köln keine Zelle frei gewesen sei? Nachdem die Behörden die Herkunft der Täter zunächst verschleierten, wurden in den Tagen darauf Beweismaterial und Einsatzberichte, die eben auf diese Herkunft verweisen, Stück für Stück Medien zugespielt. Wenn das nicht von böser Absicht zeugt, dann von Unfähigkeit und Chaos. Das gilt umso mehr, als sich das Muster aus Vertuschung, gegenseitiger Schuldzuweisung und der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, auch nach anderen desaströsen Ereignissen in unserer Stadt regelmäßig zeigt.

Hätten die Sicherheitsbehördendie Absicht gehabt – was wir nicht glauben -, Vorurteile zu bestätigen, die Angst vor Flüchtlingen zu schüren und das Vertrauen in den Staat zu untergraben, dann hätten sie sich kaum anders verhalten können, als sie es in der Silvesternacht und den Tagen danach getan haben. Diese Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen die einzelnen Polizeibeamten, die unter hohem persönlichem Risiko für unsere Sicherheit sorgen. Ihnen vertrauen wir weiterhin. Aber die dienstlich und politisch Verantwortlichen für das Fehlverhalten müssen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden, mögen sie in der Hierarchie unter oder über dem in den Ruhestand versetzten Polizeipräsidenten stehen.

Innerhalb weniger Jahre haben die Sicherheitsbehörden allein in Köln viermal auf fatale Weise versagt: nach den beiden NSU-Anschlägen, als Opfer wider besseres Wissen über Jahre zu Tätern gestempelt wurden, 2014 bei den Ausschreitungen der rechtsextremen „Hogesa“, als die Mitte unserer Stadt ebenfalls über Stunden ein rechtsfreier Raum war, und nun in der Silvesternacht. Daraus schließen wir, dass in den Sicherheitsbehörden strukturelleProbleme vorliegen, die dringend behoben werden müssen. Denn wir sind angesichts der zunehmenden Gewalt dschihadistischer oder rassistischer Gruppierungen dringlicher denn je auf einen effizienten Sicherheitsapparat, gut ausgestattete Polizisten und einen verlässlichen Staat angewiesen, damit unsere Demokratie funktioniert.

4. Schluss mit fremdenfeindlicher Hetze – Deutschland bleibt ein gastfreundliches Land

Die Ereignisse der Silvesternacht haben leider auch zu einer weiteren Verrohung der öffentlichen Diskussion geführt. Leidtragende sind vor allem Menschen ausländischer Herkunft, die nicht nur unter Pauschalverdacht gestellt, sondern erschreckend oft verbal oder tätlich angegriffen werden. Weil in der Silvesternacht zahlreiche junge Araber gegen Frauen brutal übergriffig geworden sind, wird öffentlich behauptet, der arabische oder muslimische Mann neige grundsätzlich zu sexueller Gewalt. Das ist nicht nur verkürzt, es ist falsch. Müssen wir darauf hinweisen, dass auch die Massenvergewaltigungen von Musliminnen im Bosnienkrieg nicht dem Christentum oder einer christlich geprägten Kultur angelastet werden dürfen? Es sollte genügen, an den langen, schmerzhaften Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und körperliche Unversehrtheit auch in Deutschland zu erinnern.

Nicht nur einzelne Menschen, auch Gesellschaften und Kulturen sind lernfähig und veränderbar. Uns ist bewusst, dass manche Flüchtlinge ein Frauenbild mitbringen, das unserer Vorstellung von Gleichberechtigung widerspricht. Also sollten wir uns umso stärker bemühen, ihnen zusammen mit der deutschen Sprache auch die Werte zu vermitteln, die das Grundgesetz so wunderbar zusammenfasst. Das erfordert noch mehr Anstrengungen als bisher. Aber an dem kulturellen und materiellen Reichtum, den uns die Zuwanderung seit mehr als zweitausend Jahren in Köln beschert, erkennen wir auch, dass Integration ein lohnendes und ein realistisches Ziel ist.

Im Grundgesetz, das unangefochten den Rahmen des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft bilden muss, gehört das Recht auf Asyl zu den zentralen Grundrechten. Wir sind stolz, dass der ganz überwiegende Teil Deutschlands die Flüchtlinge im Herbst freundlich und hilfsbereitempfangen hat. Ebenso berührt uns, wie dankbar sich der ganz überwiegende Teil der Flüchtlinge für die Gastfreundschaft zeigt. Wir erkennen auch an, dass die Behörden die Herausforderung, innerhalb weniger Monate über eine Million Menschen neu zu versorgen, bei allen Unzulänglichkeiten im Einzelnen insgesamt großartig bewältigt haben. Und ja, wir glauben weiter daran, dass die Bundesrepublik Deutschland auch an dieser Herausforderung wachsen kann.

Allerdings sind wir uns einig, dass eine unkontrollierte Zuwanderung solchen Ausmaßes, wie wir sie seit dem Herbst beobachten, nicht von Dauer sein kann. Nur halten wir einfache Lösungsvorschläge wie eine abstrakte Höchstgrenze oder die Schließung der deutsch-österreichischen Grenze für illusionär. Eine Flüchtlingspolitik, die human, gerecht und auch langfristig ausgerichtet ist, kann es nur im europäischen Verbund geben. Daher gilt unsere Sorge heute nicht so sehr Deutschland als vielmehr Europa, das durch den neu aufflammenden Nationalismus seine Seele zu verlieren droht.

Foto: (c) Valeat
Foto: (c) Valeat

Der Stil ist eine weitere Bedeutungsebene, vielleicht die entscheidende. Das merkt man übrigens bei allen Büchern von Alexijewitsch. Es wird einem nicht gesagt: Hört her, das ist wichtig! Sondern das Wichtige wird einem durch die Stilistik des Textes vorgeführt. Wichtige Bücher sind Wegmarken, die oft einen großen synthetisierenden Aspekt haben: Mehrere Dinge werden zusammen gesehen und erhalten in dieser Zusammenschau eine Bedeutung.

Elisabeth Ruge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. November 2015

Hier geht es zum Interview in der FAZ >>>

Colmar ist eine schlimme Stadt. Die Menschen dort sind fanatische Patrioten. Es gab zum Beispiel mal eine Goethestraße. Und was haben die gemacht? Eine Petition haben sie gemacht, weil Goethe deutsch war, und einen deutschen Straßennamen wollten die nicht. Wenn die Colmarer etwas essen gehen, dann schlucken die immer zuerst mal eine Trikolore, damit sie nur ja französisch verdauen. Straßburg ist anders. Es ist europäisch. Die hatten die Idee mit dem Museum.

Tomi Ungerer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 31. Oktober/1. November 2015

Das ist Straßburg…

…und das ist die Homepage des Museums, von dem Tomi Ungerer im Interview spricht. Das ist sein Museum, dessen Werke auch online zu betrachten sind:

Homepage des "Musée Tomi Ungerer" in Straßburg.
Homepage des „Musée Tomi Ungerer“ in Straßburg.

© Jérôme Rommé
Sprechen Sie Deutsch? In hundert Jahren könnte es nach Ansicht des Linguisten Martin Haspelmath durchaus sein, dass selbst eine große Sprache wie Deutsch kaum noch gesprochen wird. Foto: © Jérôme Rommé, Fotolia.com

Wenn sich die gegenwärtigen Trends der Globalisierung fortsetzen, spricht vielleicht in hundert Jahren kaum jemand mehr Deutsch. Ich hänge sehr am Deutschen, wirklich, aber einzig aus sentimentalen Gründen hat noch keine Sprache überlebt. Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoller ist, und wenn ein Volk keine großen Berührungsängste mit einer größeren Nachbarsprache hat, kann auch eine große Sprache aufgegeben werden.

Martin Haspelmath im Interview mit Andreas Frey in der Süddeutschen Zeitung, 24. Oktober 2015

In hundert Jahren kein Deutsch mehr? Kaum zu glauben. Dafür Französisch, Flämisch, Dänisch, Polnisch oder Tschechisch? In der Wissenschaft hat Englisch dem Deutschen längst schon den Rang abgelaufen. Diese Erfahrung
überträgt der Linguist Haspelmath auf alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft.

Es sind nicht sentimentale Gründe, wie Haspelmath meint, warum wir an unserer Muttersprache (die Sprache der Mutter, aus deren Schoß wir geboren sind, die uns genährt hat) festhalten müssen: Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Fehlen uns bestimmte Wörter (und dazu die Grammatik als indigene Rezeptur, diese Wörter Sinn stiftend zusammenzusetzen), können wir bestimmte Dinge nicht mehr denken. Was wird aus unserem Denken, wenn wir die Muttersprache gänzlich verlören? Das wäre doch schade, meint Valeat, manchmal wenigstens.

Mehr bei Valeat zu diesem Thema:
Kleines Lexikon der untergegangenen Wörter

Wenn ich mich mit Studierenden treffe,
habe ich immer ein paar Kommas dabei,
um eine Runde zu spendieren.
Die jungen Leute können sich ja noch nicht
so viele Satzzeichen leisten

Stephan Porombka (Jahrgang 1967) in seiner Kolumne „Professors Praxis“ in der Zeit vom 1. Oktober 2015. Hier geht es zu einem Interview mit Stephan Porombka in Zeit online >>>

Was Schönes auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt: die 150. Ausgabe von "Das Plateau". Foto: (c) Valeat
Was Schönes auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt: die 150. Ausgabe von „Das Plateau“. Foto: (c) Valeat

 

Unbekannt: Die Zeitschrift „Das Plateau“ – kommt aus dem Radius Verlag, mir völlig unbekannt. Eine Anzeige in der ZEIT fiel mir ins Auge: Die 150. Ausgabe von „Das Plateau“. Das sieht besonders aus; Probeabonnement bestellt.

Eine besondere Zeitschrift, wie Herausgeber Wolfgang Erk in seinem Editorial beschreibt:

Wäre man 1990 an einen Unternehmensberater herangetreten mit der Idee, eine Zeitschrift aus der Taufe zu heben, in der keine Werbung Platz finden sollte und deren Zentrum ein etwa zwanzigseitiger Textbeitrag und zeitgenössische Kunst, die weder gedeutet noch erklärt würde, stehen sollten, so hätte dieser Betrachter sicherlich entsetzt abgeraten. Zum Glück wurde nicht gefragt – und so können wir nun mit der 150sten Ausgabe einer ebensolchen Zeitschrift im bereits 26sten Jahrgang ein weiteres Jubiläum feiern.

Wolfgang Erk im Editorial „Das Plateau“, August 2015

 
Mich hat die schlichte Opulenz von „Das Plateau“ beeindruckt. Die Zeitschrift kommt mit unter 50 Seiten aus, aber diese Seiten sind wirkmächtig: große Schrift (mindestens eine 16-Punkt-Schrift, ohne Typometer) und handfest in hoher Papierqualität. Einfach schön anzufassen und anzuschauen.

Inhaltlich: Eine Kolumne von Asta Scheib, ein Auszug aus einem unveröffentlichten Roman von Ingo Schulze („Das abenteuerliche Leben des Peter Holtz“), ein Kunstbeitrag von Jochen Mühlenbrink („Badende – zwölf Aquarelle auf Passepartoutkarton), Gedichte von Elisabeth Plessen („Für C.“) und eine Rede von Peter Ruzicka („Ein Bürge für die Zukunft“).

Dass es auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt so etwas Schönes gibt! „Das Plateau“ erscheint sechs Mal im Jahr und kostet 15 Euro.

Hier die Webseite von „Das Plateau“ >>>

Er musste Deutscher sein, weil ich schon lange einen Roman schreiben wollte, in dem Deutschland vorkommt. Ich habe viel Zeit im Land verbracht, ich spreche die Sprache, und die DDR hat mich seit langem gereizt, das ist ein großes Thema, viel interessanter etwa als das kommunistische Polen, weil es so viel extremer zuging: die Stasi, die Ausmaße der gesammelten Daten, die Zahl derjenigen, die dabei mitgemacht haben – das ist alles extrem. Sehr deutsch.

Jonathan Franzen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 29.08.2015, über eine der Hauptfiguren seines neuen Romans „Unschuld“, der Andreas Wolf heißt und Deutscher ist.

Mehr über Franzen bei Valeat:
Jonathan Franzen – Freiheit

Mit Fotografie habe ich den Namen Wim Wenders nicht verbunden, bis ich in der Zeitung einen Hinweis auf eine Ausstellung mit dem merkwürdigen Namen „4 REAL & TRUE 2“ gefunden haben – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien. 18.04. – 16.08.2015“. Wim Wenders fotografiert seit Jahrzehnten schon – wusste ich nicht.

 

Die photographische Arbeit ist die andere Hälfte meines Lebens.  Wim Wenders

 

Die meisten kennen Wenders als Regisseur von Kinofilmen wie „Das Salz der Erde“, „Pina“, „Buena Vista Social Club“, „Paris, Texas“ oder – wie ich vor allem – „Der Himmel über Berlin“, den ich wohl ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, nicht nur wegen der Dichtungen von Peter Handke und der hochkarätigen Besetzung mit Otto Sander, Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Curt Bois – und Peter Falk. Filme von Wim Wenders stehen für höchste cineastische Qualität.

Seine Fotografien sind unbekannt. Zu Wenders‘ 70. Geburtstag in diesem Jahr bietet seine Geburtsstadt Düsseldorf eine Retrospektive seines fotografischen Werks. Eine Reise zu dieser Premiere ist noch nicht zu spät. Zwar ist offizielles Ausstellungsende der 16. August, aber die Wenders-Fotoschau im Kunstpalast ist bis zum 30. August 2015 verlängert worden.

Valeat war schon in Düsseldorf: 80 teilweise großformatige Fotografien und Landschaftsaufnahmen von Wim Wenders zeigt die Ausstellung, die von Beat Wismer, Generaldirektor des Museums Kunstpalast, zusammengestellt wurde, „in enger Zusammenarbeit mit Wim Wenders“, wie es im Faltblatt zur Ausstellung heißt.

 

Wer auf das Bild klickt, der kann sich in gut sechs Minuten über die Wim-Wenders-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf informieren; Wim Wenders führt durch die Welt seiner "Photographien"
Wer auf das Bild klickt, der kann sich in einem sechsminütigen Video über die Wim-Wenders-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf informieren; Wim Wenders selbst führt durch die Welt seiner „Photographien“

 

Ohne Stativ und Kunstlicht fotografiert Wenders; einzig das natürliche Licht führt zusammen mit Wenders Regie. In ihrer lichten, nackten Einzigartigkeit inszenieren sich die Motive aus sich selbst heraus und entfalten so ihre schlichte und malerische Schönheit: Ein Wald in Brandenburg, ein „bestatteter“ DDR-Trabbi in einem Vorgarten, eine Open-Air-Bühne in Palermo, die Aufräumarbeiten im Ground Zero zwei Monate nach 9/11, weite Landschaften, Armenien, Australien, USA.

Wenders ist viel gereist für die Fotografien, seine Panoramakamera im Schlepp, auf den richtigen Moment für den Auslöser wartend, wie er im hörenswerten Audioguide sagt. Noch ein sprachlicher Schnappschuss zum Schluss: Wenders fotografiert nicht, Wenders photographiert – diese Schreibweise des Wortes zeugt von Wenders‘ Internationalität, sie ist aber vor allem aber Programm seiner Fotokunst: mit Licht (griech.: phos) malen (griech: graphein).

 

Noch bis zum 30. August 2015 (außer montags)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr, Donnerstag von 11:00 bis 21:00 Uhr
„4 REAL & TRUE 2“ – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien.“
Museum Kunstpalast
Kulturzentrum Ehrenhof
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Eintritt: 12 Euro, Audioguide: 3 Euro

Malerei entsteht vergleichsweise langsam gegenüber dem Moment der Fotografie, dem Bruchteil einer Sekunde. Daran hängt alles, darum gibt es im Grunde nur wenige Fotografen. Wenn wir heute ein Bild mit dem Handy aufnehmen, ist das nicht mehr Fotografie. Es ist Bild, nicht Fotografie. Fotograf ist, wer für die Fotografie lebt, wer in der Sprache der Fotografie sprechen will. Ich kann viele verschiedene Dinge machen. Ich liebe meine Frau, ich mag es zu essen, ich liebe meinen Sohn. Aber die Fotografie ist das Einzige, für das ich 24 Stunden am Tag lebe.

Sebastião Salgado (Fotograf, Jahrgang 1944) im Interview „Am Beginn der Zeit“ mit der Süddeutschen Zeitung, 18./19. April 2015