Uns ist klar geworden, dass das Problem weit über den Amazon-Hachette-Streit hinausgeht. Ein Unternehmen hat einen monopolistischen Zugriff auf den amerikanischen Buchmarkt, was Verkauf, Vertrieb und Veröffentlichungen angeht: Das wäre selbst dann beunruhigend, wenn es sich bei Amazon um eine freundliche Firma handelte. Aber so ist es nicht. Amazon ist dabei, den freien Ideenfluss in unserer Demokratie zu beschränken.

Douglas Preston über den Kampf gegen Amazon. Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. September 2015.

Derzeit hört und liest man viel über die Macht großer Konzerne: darüber, wie Amazon den Verlagen die Konditionen diktiert, wie Apple die Begierden der Smartphone-Fans fernsteuert. Nicht so viel hört man von der anderen Seite: von der stillen Macht der Käufer. Apple und Amazon brauchen ihre Käufer viel mehr, als die Käufer Apple und Amazon brauchen. Würden die Käufer einigermaßen geschlossen auf besseren Arbeitsbedingungen von Lagerarbeitern und auf ökologisch korrekt gefertigten Smartphones bestehen – wir wetten: Amazon würde erste einführen und Apple zweitere anbieten. (…) Moral ist manchmal eben ein bisschen unbequem.

Tobias Hürther und Thomas Vašek im Philosophie Magazin Hohe Luft 01/2015

 Titelseite Hohe Luft 01/2015
Titelseite Hohe Luft 01/2015

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Langweilig zu werden ist das Schicksal der meisten Menschen, die die Lichter der Tech-Wirtschaft bis tief in die Nacht brennen lassen. Diese Industrien mögen zu den pulsierendsten und dynamischsten der Welt gehören, und doch gehören jene, die im Inneren des Bienenstocks unaufhörlich an ihre prothetischen Geräte andocken, zu den ödesten Zeitgenossen.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, sagt Jesus in Matthäus 7,16. Auf der Welt, die wir heute teilen, sind die Früchte vollkommen geschmacklos. Ich habe Teenager, gestern noch überschwenglich, eloquent, interaktiv und vor Persönlichkeit strotzend, nach drei Monaten Smartphone- oder iPad-Besitz zu aphasischen Zombies werden sehen. Der junge Wein stirbt noch an der Rebe, und Dionysos, der tellurische Gott der Ekstase, ist nirgends in Sicht. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächste große digitale Innovation ihn zu uns zurücklocken wird.

Robert Pogue Harrison in der FAZ vom 12. August 2014

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Wir haben die naive und spielerische Phase des Internets hinter uns gelassen. Wir sehen klarer: Die Gefahren der digitalen Revolution liegen zum einen in autoritären oder gar totalitären Tendenzen, die den Möglichkeiten der Technologie selbst innewohnen, zum anderen darin, dass neue Monopolmächte Recht und Gesetz aushöhlen. Es geht also um nicht weniger als die Zukunft der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung und damit um Freiheit, Emanzipation, Teilhabe und Selbstbestimmung von 500 Millionen Menschen in Europa.

Sigmar Gabriel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 16. Mai 2014

Nur Wahlkampfgetöse oder ernstgemeint? Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fordert der SPD-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine europäische Lösung für den Umgang mit Internetgiganten wie Google. Auch von einer „Entflechtung“ ist in diesem Gastbeitrag „Die Politik eines Betriebssystems“ innerhalb der FAZ-Serie „Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“. Der Suchmaschinenbetreiber wehrt sich gegen die Vorwürfe von Gabriel:

Wir sind überrascht von der Ansicht des Wirtschaftsministers, Unternehmen wie Google würden Nutzern, der Wirtschaft und der Gesellschaft schaden.

Philipp Justus, Chef von Google Deutschland, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2014.

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Heute wurde bekannt, dass Facebook den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp für 19 Milliarden Dollar gekauft hat. WhatsApp nutzen weltweit 450 Millionen Menschen, bei Facebook sind 1,2 Milliarden registriert. An diesem Tag erinnert Valeat an ein Zitat von Martin Lindstrom:

Datamining-Unternehmen oder „Big Brother“, wie ich sie nenne, ist es zu verdanken, dass uns ein unsichtbarer Datensammler beschattet, jedes Mal wenn wir googeln, bei Facebook einen Freund an die Pinnwand schreiben, unsere Kreditkarte benutzen, einen iTunes-Song herunterladen, uns auf unserem Handy den Weg zeigen lassen oder im Laden um die Ecke einkaufen. Er zeichnet jeder kleinste Information auf, verarbeitet und analysiert sie. Dann verkauft er sie weiter: an Einzelhändler und Marketing-Agenturen.

Martin Lindstrom (Jahrgang 1970) in seinem Buch „Brandwashed: Was du kaufst, bestimmen die anderen“: Frankfurt, 2012. In diesem Buch beschreibt der renommierte Marketingexperte die Praktiken der Werbestrategen, um uns zum Kauf zu verführen. Tenor: Wir werden alle von der Wiege an durch Werbung manipuliert und haben kaum Macht mehr über unsere Kaufentscheidung. Eine wichtige Rolle für die Werbewirtschaft spielt das Datamining, das unsichtbare Sammeln von Daten über die Konsumenten, um das Verbraucherverhalten zu analysieren und die Kaufentscheidung zu beeinflussen.

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Was du kaufst, bestimmen die anderen

Wir erleben die Verwandlung immer weiterer sozialer Bereiche in börsenähnliche Plattformen. Was ist ein Mensch noch in 20 Jahren wert? Welche seiner digitalen Spuren erlauben Rückschlüsse auf seine Kreditwürdigkeit? Vor wenigen Tagen kam die Meldung, dass das Fahrverhalten von Menschen von Telekommunikationsfirmen gescreent und an die Versicherung weitergegeben wird. Amazon weiß, wie wir seine E-Books lesen. Dem Konzern ist bekannt, welche Seiten wir umblättern und mit was wir uns intensiv beschäftigen. Bei den ersten Romanen wurden bereits Kapitel gestrafft, Enden gestrichen. In der nächsten Stufe wird Amazon vielleicht in die kreative Produktion eingreifen und sagen: Dieses Buch brauchst du gar nicht zu schreiben, das interessiert unsere Leser nicht. Lehnen wir uns doch einfach mal zurück und stellen fest: im Jahr 2013 fragt uns eine neu entstandene Industrie permanent, wo wir uns gerade befinden, was wir kaufen, was wir gut finden, was wir suchen, um herauszufinden, was wir denken und wollen – dieses Faktum allein reicht aus, sich zumindest ein paar weitergehende Fragen zu stellen.

Frank Schirrmacher (Jahrgang 1959) im Interview „Ich rede als Kontaminierter“ mit der sonntaz vom 20./21. April 2013, Seite 32/33

Frank Schirrmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat
Frank Schirrmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat