Überhaupt: Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.

zeit_150

 

Giovanni di Lorenzo im Leitartikel „Die sprachlose Mitte“, Zeit vom 11. Februar 2016

 

20160725_dlf_den_medien_fehlte_die_Gelassenheit

Terrorismus-Experte Joachim Krause kritisiert in einem Interview mit dem Deutschlandfunk (DLF, 23.07.2016) die mediale Hysterie angesichts des Amoklaufs von München: ARD und ZDF hatten am Abend nichts zu berichten und spekulierten munter drauflos; bei Facebook und Twitter gab es Falschmeldungen.

Hier geht es zum Interview auf der Deutschlandfunk-Seite >>>

Steckte noch in meinen „Entwürfen“ und ich veröffentliche das besser jetzt und spät als nie. Wenn Keen mit seinen Thesen zum Internet recht hat, sitzen wir Blogger hier auf einer Insel der Seligen. Dennoch sind seine Aussagen zu Mobbing und zur anonymen Häme im Netz nicht ganz unbegründet: Wie sozial sind die sozialen Netzwerke?

Twitter_folgen

Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden.
 
Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

Andrew Keen (Unternehmer und Autor, Jahrgang 1960) in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 21./22. Februar 2015

Mehr zum Interview bei Valeat >>>

Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.
Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.

Der Smartphone-Nutzer ist im Moment komplett entmündigt. Die meisten Anwendungen erfordern eine generelle Zustimmung zum Datenzugriff. Damit werden Konzerne wie Apple, Google und Facebook das Kaufverhalten der Konsumenten alleine auswerten und damit auch steuern. Die Apple-Uhr könnte im Extremfall beispielsweise über den Puls ihres Trägers beim betrachten einer Internetseite mit einem Produkt klare Schlüsse über seine Kaufinteressenten liefern.

Key Pousttchi (Jahrgang 1970) im Interview mit der Kölnischen Rundschau, 25. April 2015

Key Pousttchi ist Wirtschaftsinformatiker und gilt als anerkannter „Mobile-Business-Experte“. Als Steigerung zur Smartwatch sieht er einen Computerchip, den man unter die Haut implantiert, ein System, das man bei einem Club in Barcelona als Zugangskontrolle und Zahlungsmittel erfolgreich eingesetzt habe, so Pousttchi in der Kölnischen Rundschau.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, in der man Rechte verlangt, aber keine Pflichten übernimmt. Du nimmst, aber du gibst nichts. Das Internet ist die Plattform, von der aus wir der Welt unsere Geschichte erzählen. Die Geschichte anderer wollen wir nicht hören. Politisch ist das größte Problem genau diese Verantwortungslosigkeit. Das Internet wird uns präsentiert, als sei es wundersam vom Himmel gefallen, um uns allen zu dienen. Die Folge? Der Konsument hat den Bürger ersetzt. Alles dreht sich darum, was uns zusteht, was wir wollen, wie wir es kriegen. Und zwar so schnell wie möglich.

Nein, es passt uns absolut nicht, was Andrew Keen über das Internet sagt, und es tut uns Online-Junkies schon ein bisschen weh, wie respektlos er mit unseren Heiligtümern umgeht.

In einem Interview, das Laura Hertkemper und Joachim Käppner mit Andrew Kern führte (Süddeutsche Zeitung, 21./22.02.2015), schießt er eine beispiellose Kanonade ab – gegen Twitter, Instagramm, Facebook & Co.

Twitter sei voll von „selbstreferentiellen Narzissmus“ und Facebook die „gruseligste aller Firmen im Netz“. Seine Hauptthesen aus seinem jüngst in Deutschland erschienenen Buch „Das digitale Debakel“ sind alles andere als appetitlich für die Cyber-Community:

  • Die digitale Revolution lässt die Schere zwischen Arm und Reich auseinander gehen; die Mittelschicht verschwindet – es profitieren vor allem „junge, weiße Männer, die im Silicon Valley sitzen, Milliarden verdienen und sich die Hände reiben“.
  •  

  • Internetfirmen verkaufen gesammelte Daten weiter: Die willenlose Masse vor den Bildschirmen wird im Internet zum Produkt für das Gewinnstreben profitsüchtiger Mega-Unternehmen.
  •  

  • Das Internet vernichtet Arbeitsplätze. Beispiel Kodak: Der Fotografieausrüster hatte einst 145.000 Mitarbeiter. Durch die digitale Fotografie und das Teilen von Fotos im Internet, zum Beispiel bei Instagramm, sei die Mitarbeiterzahl heute auf weniger als ein Zehntel geschrumpft, während Instagramm im Jahr 2012 „gerade mal ein Dutzend Mitarbeiter“ gehabt habe.
  •  

    twitter_icon
    Wie desillusionierend für uns, die wir im Internet und in den sozialen Netzwerken neue Chancen für Kommunikation und Demokratie gesehen haben, und wieder wettert Keen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gegen Twitter und das Internet im Allgemeinen:

    Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden. Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

    Bei aller heftiger Kritik lehnt Andrew Keen das Internet an sich nicht ab; er fordert vielmehr klare Online-Regeln: die Einschränkung der Macht der Internetkonzerne, Datenschutzgesetze und das Verbot der Anonymität bei der Meinungsäußerung im Internet.

    Im Kern wendet sich Keen gegen zwei Gruppen: gegen die Internetkonzerne, die die Menschen für ihre eigenen Profitzwecke benutzen, und gegen die Masse der Internetnutzer, die auf flachstem Niveau sich selbst darstellen, hemmungslos verallgemeinern und dabei kein Pardon gegenüber Minderheiten und Schwachen kennen.

    Andrew Keen fordert ein humanes Internet.

    Informationsschwemme: Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
    Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

     

    Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Sie trifft uns wahllos, richtet sich an niemand Bestimmten und hat sich von jeglicher Nützlichkeit gelöst; wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Und zwar deshalb nicht, weil wir keine kohärente Vorstellung von uns selbst, von unserem Universum und von unserer Beziehung zueinander und zu unserer Welt besitzen. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen und warum. […] Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.

    Neil Postman (1931 – 2003) aus „Neil Postman: Wir informieren uns zu Tode“

    Zeit_Zeh_20140516b

    Was NSA und Internetkonzerne wie Google oder Facebook betreiben, ist kein Datensammeln aus Spaß an der Freud. Auch hat es wenig mit dem zu tun, was Sie oder ich unter nationaler Sicherheit verstehen. Ziel des Spiels ist das Erreichen von Vorhersehbarkeit und damit Steuerbarkeit von menschlichem Verhalten im Ganzen. Das funktioniert heute schon erschreckend gut. Wer genügend Informationen über die Lebensführung eines Einzelnen miteinander verbindet und auswertet, kann mit erstaunlicher Trefferquote voraussehen, was die betreffende Person als Nächstes tun wird – ein Haus bauen, ein Kind zeugen, den Job wechseln, eine Reise machen. Bald wird das »Internet der Dinge« seine volle Wirkung entfalten. Dann wird Ihr Kühlschrank aufzeichnen, was Sie essen, und Ihr Auto, wohin Sie fahren. Ihre Armbanduhr wird Blutdruck, Kalorienverbrauch und Schlafphasen auswerten. Rauchmelder und Alarmanlage in Ihrem Haus werden sich merken, wann Sie wie viel Zeit in welchen Räumen verbringen. Welche Bücher Sie kaufen, mit wem Sie mailen oder telefonieren, für welche Filme, Musik oder politischen Themen Sie sich interessieren, ist ja sowieso schon lange bekannt.

    Juli Zeh in einem „Offenen Brief an die Bundeskanzlerin“ – ZEIT vom 15. Mai 2014

    20131105_9842b640

     

    Heute wurde bekannt, dass Facebook den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp für 19 Milliarden Dollar gekauft hat. WhatsApp nutzen weltweit 450 Millionen Menschen, bei Facebook sind 1,2 Milliarden registriert. An diesem Tag erinnert Valeat an ein Zitat von Martin Lindstrom:

    Datamining-Unternehmen oder „Big Brother“, wie ich sie nenne, ist es zu verdanken, dass uns ein unsichtbarer Datensammler beschattet, jedes Mal wenn wir googeln, bei Facebook einen Freund an die Pinnwand schreiben, unsere Kreditkarte benutzen, einen iTunes-Song herunterladen, uns auf unserem Handy den Weg zeigen lassen oder im Laden um die Ecke einkaufen. Er zeichnet jeder kleinste Information auf, verarbeitet und analysiert sie. Dann verkauft er sie weiter: an Einzelhändler und Marketing-Agenturen.

    Martin Lindstrom (Jahrgang 1970) in seinem Buch „Brandwashed: Was du kaufst, bestimmen die anderen“: Frankfurt, 2012. In diesem Buch beschreibt der renommierte Marketingexperte die Praktiken der Werbestrategen, um uns zum Kauf zu verführen. Tenor: Wir werden alle von der Wiege an durch Werbung manipuliert und haben kaum Macht mehr über unsere Kaufentscheidung. Eine wichtige Rolle für die Werbewirtschaft spielt das Datamining, das unsichtbare Sammeln von Daten über die Konsumenten, um das Verbraucherverhalten zu analysieren und die Kaufentscheidung zu beeinflussen.

    Mehr zum Thema:

    Was du kaufst, bestimmen die anderen

    Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden. Mit 3-D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein.

    Zerstört das Internet Arbeitsplätze?  Foto: © Frank Peters - Fotolia.com
    Zerstört das Internet Arbeitsplätze? Foto: © Frank Peters – Fotolia.com
    Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft. […]

    Wir brauchen neue Ideen. Ich habe in meinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ eine skizziert. Wir könnten ein weltweites Mikrobezahlsystem aufbauen, von dem nicht nur die wenigen großen Firmen profitieren, sondern jeder Nutzer, der wertvolle Inhalte bietet. Denn das ist doch die eigentliche Krux: Facebook, Google, Twitter leben nur von ihren Nutzern, die Nutzer profitieren aber nicht.

    Jaron Lanier (Jahrgang 1960) im Interview mit der Zeit vom 13. Februar 2014

    Ein weiteres großes Problem sind die sozialen Netzwerke, wie Facebook und Twitter. Sie haben sich, wie Julian Assange sagt, zu Spionage-Maschinen entwickelt für Geheimdienste und Polizei. Facebook eignet sich hervorragend für das Profiling, weil damit hochsensible Daten über die Persönlichkeit und politischen Meinungen der Nutzer verfügbar sind. Screenshot Startseite FacebookSo erreicht die Menge der von Facebook gespeicherten Informationen über einen einzigen User nach wenigen Jahren Mitgliedschaft durchaus schon einmal 800 Seiten. Die Nutzung von Mobiltelefonen hat rapide zugekommen. Somit gibt es mehr verwertbare Verbindungsdaten. Außerdem senden die auf den Smartphones installierten Apps laufend primär für Werbemaßnahmen verwendete Daten der Besitzer von deren Telefonen an die Hersteller der Apps.

    Pär Ström (Jahrgang 1959) im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Hintergrund online, 9. Januar 2014

    Hier geht es zum Interview >>>

    Künstliche Intellligenz. Fotos: (c) Fotolia
    Künstliche Intellligenz. Fotos: (c) Fotolia

     

    Vor gut 40 000 Jahren zog der Homo sapiens aus Afrika los und hat die Welt besiedelt. Vor 20 000 Jahren hatten wir Pfeil und Bogen, vor 10 000 Jahren Ackerbau und Viehzucht und Zivilisation, vor 5000 Jahren Hochzivilisation und die Erfindung der Schrift, vor 2500 Jahren die Antike. Wenn man so in stets halbierten Intervallen weiter rechnet, kommt man erstaunlicherweise stets bei den umwälzenden Erfindungen und Ereignissen heraus. Beim Buchdruck, der ersten kommerziellen Dampfmaschine, der Gründerzeit – und die Abstände werden so rasch kürzer, dass sie in endlicher Zeit zu konvergieren scheinen, und zwar innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Mittlerweile erleben wir mehrere Umwälzungen innerhalb eines Menschenlebens. Wir leben in einer ganz besonderen Zeit. Es wäre erstaunlich, wenn wir nicht in ein paar Jahrzehnten intelligente Maschinen hätten, die in vieler Hinsicht dem Menschen überlegen sind.

    Jürgen Schmidhuber (Jahrgang 1963) im Interview „Hat Facebook bald Humor?“ mit Kathleen Hildebrand, Süddeutsche Zeitung von 7. Januar 2014. Hintergrund für das Interview:

    Facebook betreibt ein Forschungslabor für künstliche Intelligenz, um die Daten seiner 700 Millionen Nutzer besser verstehen zu lernen. Dafür hat das Unternehmen Yann LeCun, einen der führenden Köpfe im so genannten Deep Learning engagiert. Diese Methode wird bei der Bild- und Spracherkennung eingesetzt; langfristig geht es darum, intelligente Computer auf Basis des menschlichen Gehirns aufzubauen. Jürgen Schmidhuber ist Codirektor des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz IDSIA.

     

     Twitter ist dort, wo du bist: Wie lange noch? Foto: Screenshot Twitter-Startbildschirm.

    Es ist die schizophrene Logik des Silicon Valley: Aus einer genauso simplen wie brillanten Idee wird ein Unternehmen. Das Unternehmen lässt sich von venture capitalists finanzieren, es wächst und wird zum Werkzeug von Millionen. In dem Moment, in dem die Gesellschaft es sich als unverzichtbaren Dienst angeeignet, wird der Sinn des Unternehmens umgedeutet: Nicht mehr der Dienst steht im Mittelpunkt, sondern die Rendite.
    In diesem Sinne hat der Börsengang Twitters nur ein Gutes: Der zu erwartenden Werbeschwall wird die Nutzer dazu zwingen, nach dem nächsten großen Ding zu suchen, das das gesellschaftliche Miteinander-im-Gespräch-sein revolutioniert. Einfach nur im Twitter-Wohnzimmer entspannen und es sich gemütlich einrichten wird irgendwann zu nervig und zu öde werden. Siehe Facebook.

    Kilian Trotier (Jahrgang 1983) zum Börsengang des Kurznachrichtendienstes Twitter; ZEIT vom 7. November 2013

    Mehr zu Twitter bei Valeat:
    Die dunkle Seite von Facebook, Twitter und Co.
    Kretschmann und Twitter
    Twitter und Kaffeehaus