Überhaupt: Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.

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Giovanni di Lorenzo im Leitartikel „Die sprachlose Mitte“, Zeit vom 11. Februar 2016

 

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015

Steckte noch in meinen „Entwürfen“ und ich veröffentliche das besser jetzt und spät als nie. Wenn Keen mit seinen Thesen zum Internet recht hat, sitzen wir Blogger hier auf einer Insel der Seligen. Dennoch sind seine Aussagen zu Mobbing und zur anonymen Häme im Netz nicht ganz unbegründet: Wie sozial sind die sozialen Netzwerke?

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Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden.
 
Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

Andrew Keen (Unternehmer und Autor, Jahrgang 1960) in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 21./22. Februar 2015

Mehr zum Interview bei Valeat >>>

Uns ist klar geworden, dass das Problem weit über den Amazon-Hachette-Streit hinausgeht. Ein Unternehmen hat einen monopolistischen Zugriff auf den amerikanischen Buchmarkt, was Verkauf, Vertrieb und Veröffentlichungen angeht: Das wäre selbst dann beunruhigend, wenn es sich bei Amazon um eine freundliche Firma handelte. Aber so ist es nicht. Amazon ist dabei, den freien Ideenfluss in unserer Demokratie zu beschränken.

Douglas Preston über den Kampf gegen Amazon. Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. September 2015.

Er musste Deutscher sein, weil ich schon lange einen Roman schreiben wollte, in dem Deutschland vorkommt. Ich habe viel Zeit im Land verbracht, ich spreche die Sprache, und die DDR hat mich seit langem gereizt, das ist ein großes Thema, viel interessanter etwa als das kommunistische Polen, weil es so viel extremer zuging: die Stasi, die Ausmaße der gesammelten Daten, die Zahl derjenigen, die dabei mitgemacht haben – das ist alles extrem. Sehr deutsch.

Jonathan Franzen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 29.08.2015, über eine der Hauptfiguren seines neuen Romans „Unschuld“, der Andreas Wolf heißt und Deutscher ist.

Mehr über Franzen bei Valeat:
Jonathan Franzen – Freiheit

Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.
Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.

Der Smartphone-Nutzer ist im Moment komplett entmündigt. Die meisten Anwendungen erfordern eine generelle Zustimmung zum Datenzugriff. Damit werden Konzerne wie Apple, Google und Facebook das Kaufverhalten der Konsumenten alleine auswerten und damit auch steuern. Die Apple-Uhr könnte im Extremfall beispielsweise über den Puls ihres Trägers beim betrachten einer Internetseite mit einem Produkt klare Schlüsse über seine Kaufinteressenten liefern.

Key Pousttchi (Jahrgang 1970) im Interview mit der Kölnischen Rundschau, 25. April 2015

Key Pousttchi ist Wirtschaftsinformatiker und gilt als anerkannter „Mobile-Business-Experte“. Als Steigerung zur Smartwatch sieht er einen Computerchip, den man unter die Haut implantiert, ein System, das man bei einem Club in Barcelona als Zugangskontrolle und Zahlungsmittel erfolgreich eingesetzt habe, so Pousttchi in der Kölnischen Rundschau.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, in der man Rechte verlangt, aber keine Pflichten übernimmt. Du nimmst, aber du gibst nichts. Das Internet ist die Plattform, von der aus wir der Welt unsere Geschichte erzählen. Die Geschichte anderer wollen wir nicht hören. Politisch ist das größte Problem genau diese Verantwortungslosigkeit. Das Internet wird uns präsentiert, als sei es wundersam vom Himmel gefallen, um uns allen zu dienen. Die Folge? Der Konsument hat den Bürger ersetzt. Alles dreht sich darum, was uns zusteht, was wir wollen, wie wir es kriegen. Und zwar so schnell wie möglich.

Nein, es passt uns absolut nicht, was Andrew Keen über das Internet sagt, und es tut uns Online-Junkies schon ein bisschen weh, wie respektlos er mit unseren Heiligtümern umgeht.

In einem Interview, das Laura Hertkemper und Joachim Käppner mit Andrew Kern führte (Süddeutsche Zeitung, 21./22.02.2015), schießt er eine beispiellose Kanonade ab – gegen Twitter, Instagramm, Facebook & Co.

Twitter sei voll von „selbstreferentiellen Narzissmus“ und Facebook die „gruseligste aller Firmen im Netz“. Seine Hauptthesen aus seinem jüngst in Deutschland erschienenen Buch „Das digitale Debakel“ sind alles andere als appetitlich für die Cyber-Community:

  • Die digitale Revolution lässt die Schere zwischen Arm und Reich auseinander gehen; die Mittelschicht verschwindet – es profitieren vor allem „junge, weiße Männer, die im Silicon Valley sitzen, Milliarden verdienen und sich die Hände reiben“.
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  • Internetfirmen verkaufen gesammelte Daten weiter: Die willenlose Masse vor den Bildschirmen wird im Internet zum Produkt für das Gewinnstreben profitsüchtiger Mega-Unternehmen.
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  • Das Internet vernichtet Arbeitsplätze. Beispiel Kodak: Der Fotografieausrüster hatte einst 145.000 Mitarbeiter. Durch die digitale Fotografie und das Teilen von Fotos im Internet, zum Beispiel bei Instagramm, sei die Mitarbeiterzahl heute auf weniger als ein Zehntel geschrumpft, während Instagramm im Jahr 2012 „gerade mal ein Dutzend Mitarbeiter“ gehabt habe.
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    Wie desillusionierend für uns, die wir im Internet und in den sozialen Netzwerken neue Chancen für Kommunikation und Demokratie gesehen haben, und wieder wettert Keen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gegen Twitter und das Internet im Allgemeinen:

    Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden. Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

    Bei aller heftiger Kritik lehnt Andrew Keen das Internet an sich nicht ab; er fordert vielmehr klare Online-Regeln: die Einschränkung der Macht der Internetkonzerne, Datenschutzgesetze und das Verbot der Anonymität bei der Meinungsäußerung im Internet.

    Im Kern wendet sich Keen gegen zwei Gruppen: gegen die Internetkonzerne, die die Menschen für ihre eigenen Profitzwecke benutzen, und gegen die Masse der Internetnutzer, die auf flachstem Niveau sich selbst darstellen, hemmungslos verallgemeinern und dabei kein Pardon gegenüber Minderheiten und Schwachen kennen.

    Andrew Keen fordert ein humanes Internet.

    Derzeit hört und liest man viel über die Macht großer Konzerne: darüber, wie Amazon den Verlagen die Konditionen diktiert, wie Apple die Begierden der Smartphone-Fans fernsteuert. Nicht so viel hört man von der anderen Seite: von der stillen Macht der Käufer. Apple und Amazon brauchen ihre Käufer viel mehr, als die Käufer Apple und Amazon brauchen. Würden die Käufer einigermaßen geschlossen auf besseren Arbeitsbedingungen von Lagerarbeitern und auf ökologisch korrekt gefertigten Smartphones bestehen – wir wetten: Amazon würde erste einführen und Apple zweitere anbieten. (…) Moral ist manchmal eben ein bisschen unbequem.

    Tobias Hürther und Thomas Vašek im Philosophie Magazin Hohe Luft 01/2015

     Titelseite Hohe Luft 01/2015
    Titelseite Hohe Luft 01/2015

    In Googlonien werden Menschen zu Produkten. Foto: (c) NN / Valeat
    In Googlonien werden Menschen zu Produkten. Foto: (c) NN / Valeat

    In Googlonien bewertet ein Algorithmus die Menschen wie früher die Produkte. Beförderungen, ausgiebiges Shoppen und ein harmonisches Familienleben lassen deren Wert steigen, finanzielle Probleme, aggressives Verhalten und Reden über Politik führen zur Abwertung. Das Absetzen der Google-Brille steht unter Strafe, KI-Programme scannen beständig Augenbewegungen und Körperfunktionen.
    Dafür bekommt der Bürger stets die passende Werbung eingeblendet. Sie schwitzen? Wie wäre es mit dem neuesten Anti-Schweiß-Shirt zum Sonderpreis? Lieferzeit zehn Minuten. Sie zweifeln am System? Wir empfehlen eine Therapie gegen politischen Extremismus. Ein paar Aufmüpfige suchen nach Funklöchern, in denen sie noch unbelauscht miteinander sprechen können. Dort erzählen sie sich dann Gerüchte wie dieses: Irgendwo in den Alpen, in einem tiefen Bunker, gebe es noch eine Kopie des alten, freien Internets.

    Manuela Lenzen in einer Rezension über das Buch „Die analoge Revolution“ von Christian Schwägerl. In: FAZ vom 4. Oktober 2014

    Buch oder E-Book? Diese Fragen stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: "Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?" Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/Valeat.
    Buch oder E-Book? Diese Frage stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: „Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?“ Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/ Valeat.

    Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat mit Büchern zu tun, also müssen wir uns in der Ära der digitalen Übernahme fragen: „Was ist ein Buch?“ Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld (im Vergleich mit anderen Branchen), doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, die Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potentials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. Autor zu sein zwingt uns zu einer vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit.

    Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde. Das Wesen des Buchs ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existentiell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. Bücher aus Papier sind naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt. Bücher verändern sich. Einige der Metamorphosen sind kreativ und faszinierend. Aber zu viele der Metamorphosen sind unheimlich. Plötzlich müssen wir uns gefallen lassen, überwacht zu werden, um ein E-Book zu lesen! Auf was für einen eigentümlichen Handel haben wir uns da eingelassen!

    In der Vergangenheit kämpften wir, um Bücher vor den Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar gegenüber einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros. Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche? Bücher haben uns immer geholfen, die Probleme zu lösen, die wir uns aufgehalst haben. Jetzt müssen wir uns selbst retten, indem wir die Probleme erkennen, die wir den Büchern aufhalsen.

    Jaron Lanier in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 12. Oktober 2014 in der Frankfurter Paulskirche. Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Oktober 2014

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    Über E-Books und das Lesen

    Informationsschwemme: Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
    Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

     

    Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Sie trifft uns wahllos, richtet sich an niemand Bestimmten und hat sich von jeglicher Nützlichkeit gelöst; wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Und zwar deshalb nicht, weil wir keine kohärente Vorstellung von uns selbst, von unserem Universum und von unserer Beziehung zueinander und zu unserer Welt besitzen. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen und warum. […] Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.

    Neil Postman (1931 – 2003) aus „Neil Postman: Wir informieren uns zu Tode“

    Im vergangenen Jahr waren es die Medien – besonders hier in Europa –, die sich den etablierten Fakten des großen Schmuggels und der digitalen Zukunft furchtlos entgegengestellt haben. Da Amerika zögert, synthetische Deklarationen zu entwickeln, die uns über den Überwachungskapitalismus hinausführen können, bleibt Europa unsere größte Hoffnung im Hinblick auf diese weltgeschichtliche Herausforderung. Europa muss die Fackel übernehmen und einen Weg in eine neue Heimat bahnen.
    Behalten Sie Ihren Mut. Wir stehen erst am Anfang, und es stimmt, dass Anfänge furchteinflößend sind. Aber, wie Hannah Arendt es formuliert hat, mutet jeder Anfang aus der Perspektive der Prozesse, die er unterbricht, wie ein Wunder an. Die Begabung, Wunder zu tun, ist überaus menschlich, so ihre Argumentation, weil sie die Quelle aller Freiheit ist.
    Mögen wir gemeinsam Frank Schirrmachers Erbe weiterführen, indem wir uns an der Schaffung vieler großartiger und schöner neuer Tatsachen beteiligen, welche die digitale Zukunft als Heimat der Menschheit zurückgewinnen.
    Das soll unsere Erklärung sein.

    Shoshana Zuboff (Jahrgang 1951) in der FAZ vom 15. September 2014 (Rede vom 12. September 2014 in Potsdam)