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Langweilig zu werden ist das Schicksal der meisten Menschen, die die Lichter der Tech-Wirtschaft bis tief in die Nacht brennen lassen. Diese Industrien mögen zu den pulsierendsten und dynamischsten der Welt gehören, und doch gehören jene, die im Inneren des Bienenstocks unaufhörlich an ihre prothetischen Geräte andocken, zu den ödesten Zeitgenossen.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, sagt Jesus in Matthäus 7,16. Auf der Welt, die wir heute teilen, sind die Früchte vollkommen geschmacklos. Ich habe Teenager, gestern noch überschwenglich, eloquent, interaktiv und vor Persönlichkeit strotzend, nach drei Monaten Smartphone- oder iPad-Besitz zu aphasischen Zombies werden sehen. Der junge Wein stirbt noch an der Rebe, und Dionysos, der tellurische Gott der Ekstase, ist nirgends in Sicht. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächste große digitale Innovation ihn zu uns zurücklocken wird.

Robert Pogue Harrison in der FAZ vom 12. August 2014

Gibt es eine Alternative zu Google? 95 % der Deutschen benutzen Google, Grund genug für Bundesjustizminister Heiko Maas über eine Entflechtung nachzudenken.
Gibt es eine Alternative zu Google? 95 % der Deutschen benutzen Google, Grund genug für Bundesjustizminister Heiko Maas über eine Entflechtung nachzudenken.

 

Stellen Sie sich mal ein Energieunternehmen vor, das 95 Prozent des gesamten Marktes abdeckt. Da wären die Kartellbehörden aber ganz schnell auf dem Plan. Solche Verhältnisse sind marktwirtschaftlich nicht sinnvoll, nicht gesund. Also: Ja, wenn Google seine marktbeherrschende Stellung missbraucht, um Wettbewerber systematisch zu verdrängen, dann sollte als letztes Mittel auch so etwas wie eine Entflechtung erwogen werden. Was sich hier allerdings zeigt, ist: Die digitale Welt kennt längst keine Ländergrenzen mehr. Sie ist zu groß für allein nationalstaatliche Regeln. Das digitale Zeitalter braucht ein Völkerrecht des Netzes. Da haben wir gewaltigen Nachholbedarf.

Heiko Maas, Bundesjustizminister, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. Juni 2014

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Wir haben die naive und spielerische Phase des Internets hinter uns gelassen. Wir sehen klarer: Die Gefahren der digitalen Revolution liegen zum einen in autoritären oder gar totalitären Tendenzen, die den Möglichkeiten der Technologie selbst innewohnen, zum anderen darin, dass neue Monopolmächte Recht und Gesetz aushöhlen. Es geht also um nicht weniger als die Zukunft der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung und damit um Freiheit, Emanzipation, Teilhabe und Selbstbestimmung von 500 Millionen Menschen in Europa.

Sigmar Gabriel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 16. Mai 2014

Nur Wahlkampfgetöse oder ernstgemeint? Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fordert der SPD-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine europäische Lösung für den Umgang mit Internetgiganten wie Google. Auch von einer „Entflechtung“ ist in diesem Gastbeitrag „Die Politik eines Betriebssystems“ innerhalb der FAZ-Serie „Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“. Der Suchmaschinenbetreiber wehrt sich gegen die Vorwürfe von Gabriel:

Wir sind überrascht von der Ansicht des Wirtschaftsministers, Unternehmen wie Google würden Nutzern, der Wirtschaft und der Gesellschaft schaden.

Philipp Justus, Chef von Google Deutschland, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2014.

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Was NSA und Internetkonzerne wie Google oder Facebook betreiben, ist kein Datensammeln aus Spaß an der Freud. Auch hat es wenig mit dem zu tun, was Sie oder ich unter nationaler Sicherheit verstehen. Ziel des Spiels ist das Erreichen von Vorhersehbarkeit und damit Steuerbarkeit von menschlichem Verhalten im Ganzen. Das funktioniert heute schon erschreckend gut. Wer genügend Informationen über die Lebensführung eines Einzelnen miteinander verbindet und auswertet, kann mit erstaunlicher Trefferquote voraussehen, was die betreffende Person als Nächstes tun wird – ein Haus bauen, ein Kind zeugen, den Job wechseln, eine Reise machen. Bald wird das »Internet der Dinge« seine volle Wirkung entfalten. Dann wird Ihr Kühlschrank aufzeichnen, was Sie essen, und Ihr Auto, wohin Sie fahren. Ihre Armbanduhr wird Blutdruck, Kalorienverbrauch und Schlafphasen auswerten. Rauchmelder und Alarmanlage in Ihrem Haus werden sich merken, wann Sie wie viel Zeit in welchen Räumen verbringen. Welche Bücher Sie kaufen, mit wem Sie mailen oder telefonieren, für welche Filme, Musik oder politischen Themen Sie sich interessieren, ist ja sowieso schon lange bekannt.

Juli Zeh in einem „Offenen Brief an die Bundeskanzlerin“ – ZEIT vom 15. Mai 2014

Zeit vom 8. Mai 2014

… dass ausgerechnet Ernst Jünger das Smartphone erdachte. 1949 erscheint sein futuristischer Roman Heliopolis – eine seltsam verschrobene Zukunftsvision, in der die Figuren »Phonophors« mit sich herumtragen, kleine Geräte, die man in der linken Brusttasche trägt, »ungemeine Vereinfacher«, mit denen man telefoniert, Volksbefragungen durchführt, zahlt, mit denen man sich im Raum orientiert. Der Phonophor zeigt die Wettervorhersage, er gibt »Einblick in alle Bücher und Manuskripte«. Er kann als »Zeitung, als ideales Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwandt werden«. An sich, sagt ein Protagonist in Heliopolis recht fröhlich, sei das Gerät nichts Besonderes, es vereine nur die Fähigkeiten von herkömmlichen Nachrichtendiensten, mit dem Unterschied allerdings der »Verdichtung in einen kleinen Apparat« – sodass man meint, es sei der Übergang von der Technik »zur reinen Magie gelungen«. Und von »der Volksherrschaft in reine Despotie«. Dies nicht nur deshalb, weil für Jünger beständige politische Partizipation aller Bürger eh eine totalitäre Vorstellung ist, sondern weil mithilfe des Phonophors der Ort, an dem man sich befindet, »immer feststellbar« ist: »Das ist unschätzbar für die Polizei.«
Jünger hat der brutalen Zufallserfahrung der kriegerischen Moderne das Zeitalter einer weltumspannenden Kommunikation und Kontrolle gegenübergestellt, das kaum noch Verbrechen kennt. Die Welt der bewachten Bewacher mag unfreier sein als die der alten Kontingenz. Aber um so viel sicherer, um so viel geborgener und vorhersehbarer ist das allerneueste Zeitalter der Technik geworden, dass es keine Auflehnung provoziert.

Adam Soboczynski (Schriftsteller, Jahrgang 1975) in der ZEIT vom 8. Mai 2014. Soboczynski thematisiert in seinem Beitrag „Rechtlos? Aber sicher!“ das moderne Dilemma: Mit dem Internet und seiner Omnipräsenz in unserer Lebenswelt gestaltet sich der menschliche Alltag zwar einfacher und sicherer, der Mensch wird aber unfrei. Soboczynski spricht vom Wandel von einer Kontingenz zur Providenz, also vom Zufall oder Geheimnisvollen zum Vorhersehbaren und Kontrollierbaren. Im Kern sind unsere Denk- und Verhaltensstrukturen mit denen der NSA vergleichbar: Alles unter Kontrolle.

Stattdessen ist der Beginn des Zeitalters der Selfieness ein Signal dafür, das Internet technisch, rechtlich und gesellschaftlich so zu gestalten, dass die persönlichen Daten nicht per default zur Radikalüberwachung missbraucht werden. Weil die Leute ihre Daten im Zweifel selbst in die digitale Sphäre stellen und damit nicht aufhören werden. Dass aber die Ära der Selfieness beginnt mit einem ikonischen Bild, bei dem sich die Protagonisten um ein Smartphone versammeln wie die Jünger um Erscheinung Jesu, und dass es sich um einen Werbe-Coup des Smartphone-Herstellers gehandelt haben könnte – viel symptomatischer geht es kaum. Netz, dein Name sei Selfieness.

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Sascha Lobo, Spiegel online, 4. März 2014

Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden. Mit 3-D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein.

Zerstört das Internet Arbeitsplätze?  Foto: © Frank Peters - Fotolia.com
Zerstört das Internet Arbeitsplätze? Foto: © Frank Peters – Fotolia.com
Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft. […]

Wir brauchen neue Ideen. Ich habe in meinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ eine skizziert. Wir könnten ein weltweites Mikrobezahlsystem aufbauen, von dem nicht nur die wenigen großen Firmen profitieren, sondern jeder Nutzer, der wertvolle Inhalte bietet. Denn das ist doch die eigentliche Krux: Facebook, Google, Twitter leben nur von ihren Nutzern, die Nutzer profitieren aber nicht.

Jaron Lanier (Jahrgang 1960) im Interview mit der Zeit vom 13. Februar 2014

Ein weiteres großes Problem sind die sozialen Netzwerke, wie Facebook und Twitter. Sie haben sich, wie Julian Assange sagt, zu Spionage-Maschinen entwickelt für Geheimdienste und Polizei. Facebook eignet sich hervorragend für das Profiling, weil damit hochsensible Daten über die Persönlichkeit und politischen Meinungen der Nutzer verfügbar sind. Screenshot Startseite FacebookSo erreicht die Menge der von Facebook gespeicherten Informationen über einen einzigen User nach wenigen Jahren Mitgliedschaft durchaus schon einmal 800 Seiten. Die Nutzung von Mobiltelefonen hat rapide zugekommen. Somit gibt es mehr verwertbare Verbindungsdaten. Außerdem senden die auf den Smartphones installierten Apps laufend primär für Werbemaßnahmen verwendete Daten der Besitzer von deren Telefonen an die Hersteller der Apps.

Pär Ström (Jahrgang 1959) im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Hintergrund online, 9. Januar 2014

Hier geht es zum Interview >>>

Um voranzukommen, brauchen wir, wie der französische Medienforscher Philippe Breton es ausgedrückt hat, „eine ‚Säkularisierung‘ der Kommunikation“. Die Säkularisierung darf nicht länger aufgeschoben werden. Wir müssen einen Weg finden, vorübergehend alles zu vergessen, was wir über „das Internet“ wissen – wir nehmen heute viel zu viel einfach so hin –, müssen die Ärmel hochkrempeln und dafür sorgen, dass diese Technik das Wohlergehen der Menschen nicht nur nicht behindert, sondern tatsächlich fördert.

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Evgeny Morozov: Smarte neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen. München, 2013.

saschalobo.com
Die Internetpräsenz von Sascha Lobo – unter saschalobo.com. In einem Beitrag in der FAZ („Vom Genre der Besserhalbwisserei“) vergleicht Lobo Günter Grass und Botho Strauß.

„Strauß und Grass: Beide sehnen sich danach, dass die Gesellschaft sich nach einer Elite orientiere. Nur dass Strauß darin eine Gruppe sieht und Grass eine einzelne Person – sich selbst. Aber auch eine umfassend informierte, höchst gebildete und dich begründete Kulturkritik kann danebenkritisieren. Das heißt natürlich nicht, dass Straußens Kritik grundsätzlich falsch wäre. Sie ist bloß dysfunktional, was das Netz angeht.“

Sascha Lobo (Jahrgang 1975) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Oktober 2013

Der Schriftsteller Botho Strauß hatte im SPIEGEL vom 29. Juli 2013 eine Elite im Sinne eines modernen Außenseitertums gefordert („Der Plurimi-Faktor“): Es gebe in unserer hochdigitalisierten Welt kaum noch „unzugängliche Gärten“. Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wird wie folgt zitiert: „Wer 500 Freunde hat, hat keine, und ich wundere mich, dass nach diesen neuesten Erkenntnissen nicht Millionen Menschen sich von Facebook und all dem Scheißdreck distanzieren und sagen, nein, damit will ich nichts zu tun haben.“

Mehr zu Botho Strauß bei Valeat:
Die größte Naivität

Mehr zu Günter Grass bei Valeat:
Pardon ist wieder da
Griechenland

Dass wir in einer neuen industriellen Revolution leben, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Merkwürdigerweise werden aber kaum Lehren aus dem neunzehnten Jahrhundert gezogen. Natürlich kann man eine Geschichte der Dampfmaschine erzählen, die von James Watt bis zur IAA reicht und nichts anderes ist als eine Geschichte menschlichen Erfindergeists. Man kann sie aber auch als Geschichte einer beispiellosen sozialen Revolution erzählen und sich fragen, ob wir Nachgeborenen das Ingenium in Gestalt des neuesten i-Phones bekommen, aber den sozialen Preis nicht werden zahlen müssen. Die Antwort lautet nicht nur, dass wir zahlen müssen, sondern vor allem, dass wir sehr viel schneller zur Kasse gebeten werden als unsere Vorfahren.

Frank Schirrmacher in der FAZ vom 26. September 2013

Hier gibt es den Beitrag auch online…

Frank Schirmmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat
Frank Schirmmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat

Startseite von Twitter (Ausschnitt)
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Mich erinnert die Debatte um das Abhören an die DDR und die Stasi. Ich dachte immer, ich arbeite an Stoffen, die hoffnungslos von gestern sind. Jetzt kommt vieles in verändertem Gewand wieder. Zuletzt kam mir der Gedanke bei einem Fernsehfilm über die Türkei. Da gab es die junge Intellektuelle, den angestellten Professor, angepasst, vorsichtig, lavierend, die Intellektuelle, etwas blauäugig. Genau wie bei uns damals, genau die gleichen ewigen Figuren. Facebook, Twitter, Internet – all das scheint erst so wunderbar, und plötzlich gibt es da diesen dunklen Aspekt. Plötzlich zeigt mir Amazon, was andere bestellt haben. Plötzlich beschleicht mich das Gefühl: Was die Stasi noch unter fürchterlichem Aufwand betrieb, hat man heute mit 15 Mausklicks beisammen.

Uwe Tellkamp (Jahrgang 1968), Schriftsteller, in der Zeit vom 4. Juli 2013