Buch oder E-Book? Diese Fragen stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: "Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?" Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/Valeat.
Buch oder E-Book? Diese Frage stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: „Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?“ Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/ Valeat.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat mit Büchern zu tun, also müssen wir uns in der Ära der digitalen Übernahme fragen: „Was ist ein Buch?“ Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld (im Vergleich mit anderen Branchen), doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, die Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potentials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. Autor zu sein zwingt uns zu einer vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit.

Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde. Das Wesen des Buchs ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existentiell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. Bücher aus Papier sind naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt. Bücher verändern sich. Einige der Metamorphosen sind kreativ und faszinierend. Aber zu viele der Metamorphosen sind unheimlich. Plötzlich müssen wir uns gefallen lassen, überwacht zu werden, um ein E-Book zu lesen! Auf was für einen eigentümlichen Handel haben wir uns da eingelassen!

In der Vergangenheit kämpften wir, um Bücher vor den Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar gegenüber einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros. Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche? Bücher haben uns immer geholfen, die Probleme zu lösen, die wir uns aufgehalst haben. Jetzt müssen wir uns selbst retten, indem wir die Probleme erkennen, die wir den Büchern aufhalsen.

Jaron Lanier in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 12. Oktober 2014 in der Frankfurter Paulskirche. Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Oktober 2014

Mehr zum Thema bei Valeat:
Friedenspreis an Jaron Lanier
“Ich rede als Kontaminierter”
Lesen
Über E-Books und das Lesen

Der Friedenspreis an Lanier kommt zu einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche und die europäische Industrie ahnt, was auf Sie zukommen wird, wenn eine einige wenige Giganten mehr über ihre Kunden und einige Geheimdienste mehr über ihre Pläne wissen, als sie es je für möglich hielten. Eine unregulierte Informationsökonomie, so viel ist klar, führt zu Autonomieverlusten, die vom Einzelnen bis zu ganzen Branchen reicht.

Frank Schirrmacher anlässlich der Bekanntgabe der Nachricht, dass Jaron Lanier in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2014

Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden. Mit 3-D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein.

Zerstört das Internet Arbeitsplätze?  Foto: © Frank Peters - Fotolia.com
Zerstört das Internet Arbeitsplätze? Foto: © Frank Peters – Fotolia.com
Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft. […]

Wir brauchen neue Ideen. Ich habe in meinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ eine skizziert. Wir könnten ein weltweites Mikrobezahlsystem aufbauen, von dem nicht nur die wenigen großen Firmen profitieren, sondern jeder Nutzer, der wertvolle Inhalte bietet. Denn das ist doch die eigentliche Krux: Facebook, Google, Twitter leben nur von ihren Nutzern, die Nutzer profitieren aber nicht.

Jaron Lanier (Jahrgang 1960) im Interview mit der Zeit vom 13. Februar 2014