Was ich last, but not least in meinem Plädoyer für die Werkstatt der Wörtlichkeit als gewichtiges Argument anführen möchte: Hier wird eine Sprache der Kritik vermittelt und eingeübt, die über das nuanciert angemessene Besprechen von Texten weit hinausgeht. Kritik ist Unterscheidungskunst und nicht, wie es zeitgenössischer Wortgebrauch oft nahelegt, Querulanz, Nicht-positiv-denken-wollen oder verkappter Neid. Stürmische Zeiten. Weltweite Latenz eines Populismus, der die Demokratien zu verfinstern beginnt. Schichtenunabhängige Asozialität. Authentizitätsfuror bei zunehmend totalitärer Konsenskonditionierung. Verschwörungstheorien, die sich aufklärerisch gerieren. Fake News und notorische Denunziation des Komplexen. Eine Künstliche Intelligenz auf der Schwelle zu Deep-Fake-Technologien, die bald in Videos mimisch vitale Gesichter anderen Körpern aufzupfropfen imstande sind. Eine bedrohliche epistemische Krise. Wie können wir etwas wissen?

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

 

Im November 2017 trat der „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als Festredner beim Dies academicus an der Uni Bayreuth auf, er warb bei den Studierenden um mehr Mut und die Bereitschaft, in stürmischen Zeiten Verantwortung zu übernehmen. Und dann entdeckte ich in der Rede den Satz: „Ich bin davon überzeugt, dass es während des Studiums auch um Herzensbildung gehen sollte.“ Herzensbildung halte ich nicht für eine Kompetenz, und ich rechne sie auch nicht den soft skills zu. Es handelt sich um ein hohes, womöglich das höchste Bildungsgut. Wer liest, ist unterwegs dorthin, vielleicht.

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

Man darf nicht vergessen, dass Lesen nie ein Breitensport war. Aber als vor etwa zweihundert Jahren der Roman zu seiner vollen Blüte kam, etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Mittelklasse, da gab es kaum Konkurrenz zum Roman. Das unterscheidet die Epoche von der unsrigen. Wer in Paris oder London lebte, konnte ins Theater gehen. Aber für die Mehrheit der Menschen zwischen 1750 und 1930 war der Roman eben das einzige Reflexionsmedium, das zur Verfügung stand. Also beschäftigten sie sich damit. Das waren die goldenen Jahre des Romans, und Autoren wie Kafka, Proust oder Faulkner haben damals gezeigt, wie weit man diese Form treiben kann. Ein Mittelklasse-Ding jedoch ist der anspruchsvolle Roman, der mehr will als bloß unterhalten, immer geblieben, etwas für ein überschaubares Publikum. Lesen ist ein Privileg: Sich mit moralischer Ambivalenz auseinanderzusetzen ist ein Privileg. Den Zweifel zuzulassen ist ein Privileg.

Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18./19.November 2017

Ich lese ungefähr acht Bücher im Monat für die Radio- und Fernsehsendungen. Dazu kommen geschätzte zehn Bücher, die ich anlese, dreißig bis vierzig Seiten, um sie dann beiseitezulegen, weil ich sie nicht mag. Mittlerweile schreiben mich Verlagsvertreter auch persönlich an, im Buch liegt dann eine handgeschriebene Notiz: „Ich glaube, das wird Ihnen gefallen.“ Ich lese also rein, und oft ist es tatsächlich eine gute Geschichte, aber manchmal zu simpel gestrickt, und ich denke: Mensch Leute, nur weil ein kleiner Junge mit Brille vorkommt, ist das noch lange kein Westermann-Buch.

Christine Westermann übers Lesen: Aus: Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Oktober 2016

 

„Es ist wie eine Krankheit, aber ich möchte nicht von ihr geheilt werden.“

Karl Lagerfeld über seine Leseleidenschaft in der FAZ vom 23. Januar 2016 („Ich suche auch Sachen, die ich nicht suche“).
Den Beitrag von Uwe Ebbinghaus über den Büchersammler Karl Lagerfeld gibt es auch in der FAZ online >>>

Bücherstapel mit Karl Lagerfeld. Foto vom Foto aus KARL LAGERFELD | Parallele Gegensätze | Fotografie – Buchkunst – Mode | 15. Februar – 11. Mai 2014.
Bücherstapel mit Karl Lagerfeld. Foto vom Foto aus KARL LAGERFELD | Parallele Gegensätze | Fotografie – Buchkunst – Mode | 15. Februar – 11. Mai 2014, Folkwang Museum, Essen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Meine Entdeckung des Jahres ist Krautreporter. Krautreporter ist ein Netzwerk von Menschen, die freien Journalismus lieben und fördern – eine Online-Community, die nach eigenen Angaben sich von Werbung und Lobbyisten-Manipulation lossagt.

Die Entdeckung des Jahres 2014: Krautreporter.de - unabhängiger freier Journalismus
Die Entdeckung des Jahres 2014: Krautreporter.de – unabhängiger freier Journalismus

So veröffentlicht Krautreporter jede Spende, die über 1.000 Euro liegt. Das Internet-Netzwerk finanziert sich durch seine Mitglieder, jeder zahlt 60 Euro im Jahr. Seit Gründung von Krautreporter Mitte des Jahres sind über eine Million Euro durch Mitgliedschaften zusammengekommen.

Dabei hat sich Krautreporter vor dem Start seiner Unterstützer vergewissert. Erst auf Basis einer verlässlichen Community-Basis ist die Redaktion, die sich als Gemeinschaft aller Mitglieder versteht, im Herbst unter krautreporter.de online gestartet. Der erste von zehn Grundsätzen der Community lautet:

Gemeinsam sind wir Krautreporter. Unterstützer, Leser und Autoren sind Mitglieder der Krautreporter-Community. Alle Mitglieder gemeinsam bilden die Krautreporter-Redaktion. Sie stehen in ständigem Kontakt und helfen mit Informationen, Kontakten und Ideen, Journalismus besser zu machen.

Über die Verwendung der Mitgliedsbeiträge wird online Rechenschaft abgegeben. Krautreporter plant, 68 Prozent der Einnahmen in die Arbeit von Redaktion und Autoren zu investieren.

Krautreporter.de: 68 Prozent des Jahresbudgets von Krautreporter gehen in die redaktionelle Arbeit.
Krautreporter.de: 68 Prozent des Jahresbudgets von Krautreporter gehen in die redaktionelle Arbeit.

Bunt ist alle Theorie: Jetzt erwarten wir für 2015 harte Arbeit von Krautreporter – echten freien Journalismus.

Lesen? Ich stehe jede Nacht um drei Uhr auf, dann meditiere ich fünf Stunden. Dabei denke ich nach. Dann rezitiere ich, danach treffe ich Besucher. Abends gehe ich um sechs oder sieben schlafen. Das ist meine tägliche Routine. Für buddhistische Mönche gibt es kein Abendessen, dafür Frühstück und Mittagessen. Das ist gesund.

Dalai Lama im Interview mit dem Focus 50/2013, 9. Dezember 2013

 

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Lesen. Frankfurter Buchmesse 2013. Foto: (c) Valeat
Lesen. Frankfurter Buchmesse 2013. Foto: (c) Valeat

Manchmal, o glücklicher Augenblick, bist du in ein Buch so vertieft, dass du in ihm versinkst – du bist gar nicht mehr da. Herz und Lunge arbeiten, dein Körper verrichtet gleichmäßig seine innere Fabrikarbeit, – du fühlst ihn nicht. Du fühlst dich nicht. Nichts weißt du von der Welt um dich herum, du hörst nichts, du siehst nichts, du liest. Du bist im Banne eines Buches.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

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Noch bezieht Online seinen Hauptreiz in der unmittelbaren Wiedergabe von Ereignissen und den Partizipationsmöglichkeiten der Nutzer, Print aus dem entschleunigten, konzentrierten Abtauchen in die Lektüre, ohne dabei eine Spur zu hinterlassen. (…) Es braucht die Kooperation, nicht die Gegnerschaft von Print und Online, beide bedingen einander.

Giovanni di Lorenzo (Jahrgang 1959), Chefredakteuer der Zeit, in der Zeit vom 22. November 2012, Seite 1.