Was ich last, but not least in meinem Plädoyer für die Werkstatt der Wörtlichkeit als gewichtiges Argument anführen möchte: Hier wird eine Sprache der Kritik vermittelt und eingeübt, die über das nuanciert angemessene Besprechen von Texten weit hinausgeht. Kritik ist Unterscheidungskunst und nicht, wie es zeitgenössischer Wortgebrauch oft nahelegt, Querulanz, Nicht-positiv-denken-wollen oder verkappter Neid. Stürmische Zeiten. Weltweite Latenz eines Populismus, der die Demokratien zu verfinstern beginnt. Schichtenunabhängige Asozialität. Authentizitätsfuror bei zunehmend totalitärer Konsenskonditionierung. Verschwörungstheorien, die sich aufklärerisch gerieren. Fake News und notorische Denunziation des Komplexen. Eine Künstliche Intelligenz auf der Schwelle zu Deep-Fake-Technologien, die bald in Videos mimisch vitale Gesichter anderen Körpern aufzupfropfen imstande sind. Eine bedrohliche epistemische Krise. Wie können wir etwas wissen?

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

 

Man darf nicht vergessen, dass Lesen nie ein Breitensport war. Aber als vor etwa zweihundert Jahren der Roman zu seiner vollen Blüte kam, etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Mittelklasse, da gab es kaum Konkurrenz zum Roman. Das unterscheidet die Epoche von der unsrigen. Wer in Paris oder London lebte, konnte ins Theater gehen. Aber für die Mehrheit der Menschen zwischen 1750 und 1930 war der Roman eben das einzige Reflexionsmedium, das zur Verfügung stand. Also beschäftigten sie sich damit. Das waren die goldenen Jahre des Romans, und Autoren wie Kafka, Proust oder Faulkner haben damals gezeigt, wie weit man diese Form treiben kann. Ein Mittelklasse-Ding jedoch ist der anspruchsvolle Roman, der mehr will als bloß unterhalten, immer geblieben, etwas für ein überschaubares Publikum. Lesen ist ein Privileg: Sich mit moralischer Ambivalenz auseinanderzusetzen ist ein Privileg. Den Zweifel zuzulassen ist ein Privileg.

Jonathan Franzen, amerikanischer Schriftsteller, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18./19.November 2017

Das liegt auch an meiner Liebe zu den Dichtern. Es soll ja Leute geben, die nicht an den Gott der Poesie glauben. Aber ich weiß, dass er existiert. Hanser hat sehr viele Dichter verlegt. Einige davon wie Tomas Tranströmer, Seamus Heaney oder Joseph Brodsky wurden dann mit dem Nobelpreis geehrt. Von Gedichtbänden verkauft man in der Regel zwischen 300 und 800 Exemplare. (…) Natürlich sind das Verlustgeschäfte, das weiß man vorher. Aber es macht Vergnügen, Bücher zu haben, in denen jede Zeile stimmt und kein Wort zu viel ist. Ein literarischer Verlag ist ohne Poesie oder anspruchsvolle Essaybände eigentlich undenkbar. Wer das nur wegen der Rendite ausblendet, ist eigentlich gar kein Literatur-Verleger.

Michael Krüger, ehemaliger Geschäftsführer des Hanser Verlags, in „Ich weiß, dass der Gott der Poesie existiert“, Interview brand eins, November 2016 „Du weißt mehr als du denkst“ (Schwepunktthema Intuition)

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Sätze fliegen mir da nicht zu. Es sind eher Gesichter, die mir kommen, wenn ich irgendetwas anderes mache. Früher habe ich das dann viel ausführlicher notiert. Inzwischen nur noch ganz abgekürzt. Ich mache Notizen in ein kleines Oktavheft. Aber immer nur ein paar Wörter. Wenn ich später draufschaue, habe ich leider manchmal gar keine Ahnung mehr, was die bedeuten sollten.

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Don DeLillo im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 22./23. Oktober 2016. Sein neuer Roman „Null K.“ ist in Kürze in Deutschland erschienen; Rezensionen zu diesem Roman aktuell im Feuilleton oder in den Literaturbeilagen aller namhaften Zeitungen.

 

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„Entlässt den Leser ins Offene“: Bodo Kirchhoff erhält für „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016. Foto: (c) Claus Setzer

Bodo Kirchhoff erzählt vom unerhörten Aufbruch zweier Menschen, die kein Ziel, nur eine Richtung haben – den Süden. Es treibt sie die alte Sehnsucht nach der Liebe, nach Rotwein, Italien, einem späten Abenteuer. Als sie eine junge Streunerin auflesen, begegnen sie den elementaren Themen ihrer Vergangenheit wieder: Verlust, Elternschaft, radikaler Neuanfang. Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.

Begründung der Jury zur Vergabe des Deutschen Buchpreises 2016 an Bodo Kirchhoff

 

 

Mehr bei Valeat zum Deutschen Buchpreis: 

Deutscher Buchpreis 2015
Deutscher Buchpreis 2014
Deutscher Buchpreis 2013
Deutscher Buchpreis 2012

 

Ich lese ungefähr acht Bücher im Monat für die Radio- und Fernsehsendungen. Dazu kommen geschätzte zehn Bücher, die ich anlese, dreißig bis vierzig Seiten, um sie dann beiseitezulegen, weil ich sie nicht mag. Mittlerweile schreiben mich Verlagsvertreter auch persönlich an, im Buch liegt dann eine handgeschriebene Notiz: „Ich glaube, das wird Ihnen gefallen.“ Ich lese also rein, und oft ist es tatsächlich eine gute Geschichte, aber manchmal zu simpel gestrickt, und ich denke: Mensch Leute, nur weil ein kleiner Junge mit Brille vorkommt, ist das noch lange kein Westermann-Buch.

Christine Westermann übers Lesen: Aus: Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Oktober 2016

 

Also kann es auch nicht überraschen, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahre die einzigen Personen, die einen interessanten und bedeutsamen Diskurs über den Zustand der Gesellschaft geführt haben, nicht die Berufs-Intellektuellen waren, sondern Leute, die sich für das wirkliche Leben von Menschen interessieren. Das heißt: die Schriftsteller.

Michel Houellebecq in seiner Rede, die er am 26. September in Berlin anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises 2016 hielt, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. September 2016

 

Mehr zu Michel Houellebecq
Michel Houellebecq – Karte und Gebiet
Houellebecq über Schriftsteller

Es tut mir leid, dass Sie in Ihrem Beruf Bücher lesen müssen, die Sie nicht interessieren. Das muss sehr ermüdend sein.

Schriftsteller Navid Kermani im Gespräch mit der Literaturkritikerin Iris Radisch über sein neues Buch „Sozusagen Paris“ in der ZEIT vom 22. September 2016.

Kermani erhielt 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und ist jüngst für sein bürgerschaftliches Engagement im Zusammenhang mit der so genannten „Kölner Botschaft“ mit dem „Bürgerpreis der deutschen Zeitungen“ des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ausgezeichnet worden.

David Kermani und die Kölner Botschaft
Lesen

 

 

 

 

Wann immer man Umberto Eco lauschte, trug man ein Lächeln im Gesicht. Warum? Weil er einem erlaubte, für eine Weile in seiner Welt zu leben, die eine wunderbare Welt des Scharfsinns, des Witzes und des Wissens war. Wissen bedeutete für ihn nicht Macht, sondern Freiheit. Umberto Eco verstand Wissen als schönstes Mittel zu einer fröhlichen, freudvollen Befreiung des Menschen. Dafür habe ich ihn mehr gemocht und bewundert als für alles andere.

Orhan Pamuk zum Tod von Umberto Eco in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Februar 2016. Hier geht’s zum Artikel im FAZ.net >>>

Umberto Eco – Internet: Schritt nach vorn?

Foto: (c) Valeat
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Der Stil ist eine weitere Bedeutungsebene, vielleicht die entscheidende. Das merkt man übrigens bei allen Büchern von Alexijewitsch. Es wird einem nicht gesagt: Hört her, das ist wichtig! Sondern das Wichtige wird einem durch die Stilistik des Textes vorgeführt. Wichtige Bücher sind Wegmarken, die oft einen großen synthetisierenden Aspekt haben: Mehrere Dinge werden zusammen gesehen und erhalten in dieser Zusammenschau eine Bedeutung.

Elisabeth Ruge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. November 2015

Hier geht es zum Interview in der FAZ >>>