Überhaupt: Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.

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Giovanni di Lorenzo im Leitartikel „Die sprachlose Mitte“, Zeit vom 11. Februar 2016

 

Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

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Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges »Fluten« des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der »schwachen Membrane«, als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.
Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes.

Herfried Münkler im Beitrag „Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können“ in der ZEIT vom 11. Februar 2016 – zurzeit nur als „Print“ verfügbar (immer lohnenswert).

Mehr zum Thema bei Valeat:
Keine Angst oder: Wir brauchen starke Menschen!

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015

Informationsschwemme: Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

 

Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Sie trifft uns wahllos, richtet sich an niemand Bestimmten und hat sich von jeglicher Nützlichkeit gelöst; wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Und zwar deshalb nicht, weil wir keine kohärente Vorstellung von uns selbst, von unserem Universum und von unserer Beziehung zueinander und zu unserer Welt besitzen. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen und warum. […] Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.

Neil Postman (1931 – 2003) aus „Neil Postman: Wir informieren uns zu Tode“

Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie "Medien machen Wirklichkeit".
Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie „Medien machen Wirklichkeit“.

 

Trotzdem hält sich bis heute die Ansicht, man [gemeint sind die Medien, Anmerkung von Valeat] habe in der Causa Wulff lediglich seine Arbeit gemacht. In Wahrheit wollte nahezu die gesamte Medienschaft ihren Teil vom Kuchen abhaben: Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch ein Verkaufsschlager. Die Talkshows, die das Thema keine Woche ausließen, erzielten Traum-Quoten, bei den Internetauftritten nahezu aller Medien schossen die Klickzahlen in die Höhe. Immer wieder wurde aufgelistet, was Wulff vorgeworfen wurde, auch das, was sich bereits als nicht haltbar erwiesen hatte. Es schien, als ginge es darum, den Mangel an Substanz durch die Summe der Kleinigkeiten aufzuwiegen. Von einzelnen öffentlichkeitswirksamen Mea-culpa-Erklärungen einmal abgesehen, hat bis heute keine ernsthafte Debatte über die Rolle der Medien in den Wochen der Causa Wulff stattgefunden.

Michael Götschenberg (Jahrgang 1969) im „medium Magazin“ 02-03/2014. Götschenberg hat auch ein Buch über die Causa Wulff mit dem Titel „Der böse Wulff – Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien“ geschrieben.

Auch Valeat hatte über die Causa Wulff veröffentlicht:
Spiegel streicht Wulff die Würde weg
Inflationierung: Wulff und die Medien
Wulff, Küppersbusch und die Tüte Chips

Die Piraten als Medienereignis: Wer es innerhalb einer Woche, wohl anlässlich des Bundesparteitages am 28. und 29. April in Neumünster, auf die Titelseite von Spiegel und Zeit schafft, der wird in Deutschland als ernst zu nehmende politische Kraft wahrgenommen. Links: Titelseite des Spiegels 17/2012 vom 23.04.2012. Rechts: Titelseite der Zeit 18/2012 vom 26.04.2012. Interessant: Die Zeit nimmt Bezug auf das Dilettanten-Thema des Spiegels.

…oder wie man durch mehr Informationen weniger erfährt.

Manche Passagen aus dem E-Mail-Verkehr zwischen Journalisten und dem Anwaltsbüro von Wulfff wurden geschwärzt, wie hier in der zweiten pdf-Datei (Seite 9).

Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Lange hat es gedauert, bis das Bonner Anwaltsbüro von Christian Wulff die Fragen und Antworten nach Zustimmung der jeweiligen Zeitungen veröffentlicht hat. Es wurde kein Donnerstag, sondern ein Mittwoch. Dass zwischen dem Donnerstag und dem Mittwoch dreizehn Tage lagen, vergessen wir einfach. Jetzt sind sie aber da, die vielen Fragen der Redaktionen, die viele Antworten von Wulffs Anwaltsbüro – drei pdf-Dateien mit insgesamt 237 Seiten!

Die so genannte Causa Wulff hat eine neue Dimension gewonnen. Das Prinzip könnte man Inflationierung, nicht Transparenz nennen: Je mehr Nachrichten im Umlauf sind, desto geringer die Relevanz der einzelnen Nachricht. Was soll das alles, fragt sich der brave Bürger, der laut loslacht, wenn Wulffs Anwälte sinngemäß schreiben, dass es im Nachhinein schwierig zu rekonstruieren sei, ob Wulff und Gattin während eines bestimmten Flugs vor mehreren Jahren ihre Sitzplätze getauscht haben.

Fragen und Antworten auf 237 Seiten

Doch es gibt Erkenntnisse: Erstens sind Anwälte und sonstige Öffentlichkeitsarbeiter zu bedauern – bei Journalisten wie Martin Heidemanns von der Bild Zeitung, der am 19. Dezember 2011 um 15 Uhr 52 und 50 Sekunden eine E-Mail mit acht teilweise komplexen Fragen stellt und um eine Beantwortung bis 17 Uhr bittet. Und zweitens lernen wir viel darüber, wie Journalisten und Rechtsanwälte E-Mails schreiben – wie ungenau ein Betreff sein kann, wie höflich manche Anrede und wie man sich verabschiedet, nämlich „mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für die Feiertage und das neue Jahr!“ Und dass alles ein Ende hat, sogar der Tag: „Diese Antwort haben wir heute nicht mehr geschafft. Wir nehmen morgen dazu Stellung,“ schreibt Gernot Lehr, Anwalt von Christian Wulff, am 20. Dezember 2011 um 22 Uhr 25.

Fragen und Antworten zu Christian Wulff…