Was ich last, but not least in meinem Plädoyer für die Werkstatt der Wörtlichkeit als gewichtiges Argument anführen möchte: Hier wird eine Sprache der Kritik vermittelt und eingeübt, die über das nuanciert angemessene Besprechen von Texten weit hinausgeht. Kritik ist Unterscheidungskunst und nicht, wie es zeitgenössischer Wortgebrauch oft nahelegt, Querulanz, Nicht-positiv-denken-wollen oder verkappter Neid. Stürmische Zeiten. Weltweite Latenz eines Populismus, der die Demokratien zu verfinstern beginnt. Schichtenunabhängige Asozialität. Authentizitätsfuror bei zunehmend totalitärer Konsenskonditionierung. Verschwörungstheorien, die sich aufklärerisch gerieren. Fake News und notorische Denunziation des Komplexen. Eine Künstliche Intelligenz auf der Schwelle zu Deep-Fake-Technologien, die bald in Videos mimisch vitale Gesichter anderen Körpern aufzupfropfen imstande sind. Eine bedrohliche epistemische Krise. Wie können wir etwas wissen?

Wolfgang Hegewald in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 31. März 2018

 

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Einen Weg im Leben einzuschlagen, heißt notwendigerweise, sich gegen Millionen anderer Daseinsmöglichkeiten zu entscheiden. Das ist, verkürzt formuliert, das philosophische Fundament von millionways, eine gemeinnützige Stiftung, die von Martin Cordsmeier ins Leben gerufen wurden. Den 32-jährigen Cordsmeier könnte man einen Menschenfreund nennen, denn er will Menschen fördern, die einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit noch nicht entwickelt haben – Menschen, deren besondere Fähigkeiten im kruden Lebensalltagsstrom noch nicht zur Entfaltung gekommen sind.

In einem Supplement der Wochenzeitung Die Zeit (42/2016) mit dem Namen „magazin für potentialismus“ zeigt Cordsmeier, wie das funktioniert:

Jetzt besteht die Chance umzudenken und unser Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Anfangen kann man, indem man sich zum Beispiel Fragen stellt, die ganz zu Beginn unseres Magazins stehen. Und wenn einige – und dann immer mehr – Menschen ihre persönliche Welt verändern, ändert sich im Laufe der Zeit auch die große Welt, in der wir alle leben. Das nennen wir Potentialismus.

Cordsmeier stellt zu Beginn des zitierten „magazins für potentialismus“ solche Fragen:

  • Bist du manchmal unzufrieden mit dem, was du dir schon immer gewünscht hast?
  • Welche Menschen fehlen in deinen Leben?
  • Wie viel von deinem Leben ist Fassade?
  • Welchen Rat gibst du anderen immer wieder?
  • Interessieren dich überhaupt die Menschen, mit denen du täglich zu tun hast?

Diese und viele andere Fragen münden in der Frage nach der eigenen Persönlichkeit, in der einen wichtigen Frage, die im „magazin für potentialismus“ in ganz großen Lettern extrem überdimensioniert gleich auf zwei Seiten dargestellt ist:

Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?

Die millionways Stiftung ist gemeinnützig; Cordsmeier gewinnt  die finanziellen Mittel für die Stiftung über Crowdfunding. Alle dürfen mitmachen, nicht nur beim Spenden. Denn jeder Interessierte kann einen Fragebogen online ausfüllen, der ein kleines Stückchen näher zum ganz individuellen Traum führen könnte, nämlich Gesinnungsgenossen für das große Projekt zu finden, das im eigenen Leben bislang zu kurz gekommen ist. Dieser Fragebogen wird von der Stiftung ausgewertet und man erhält nach einiger Zeit ein Feedback, ob sich aus der Idee ein Projekt machen lässt, das sich gemeinsam verwirklichen lässt.

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Volka Hinze aus Hildesheim sucht Unterstützer für sein Projekt, mit einem Heißluftballon die Welt zu bereisen, um auf diesem Weg spirituelle Lehrer zu finden – Ausschnitt aus dem „magazin für potentialismus“.

Projekte mit Menschen umsetzen, mit potenziellen Gleichgesinnten, die man im Leben bislang noch nicht gefunden hat. Menschen wie Miriam Wiese aus Hamburg, die einen Biomeiler bauen will, der Schnittgut in Wärme zum Heizen verwandelt. Oder wie Max Rüdel aus München, der seine Internetplattform kanoon.de weiterentwickeln möchte. Oder wie Nedia Jousini, die ein Yoga-Zentrum am Bodensee aufbauen will, von dem auch Flüchtlinge profitieren könnten. Oder wie Volka Hinze aus Hildesheim, der mit einem Heißluftballon in fremde Länder reisen will, um dort weise Menschen mit guten Gedanken für ein gelingendes Leben zu treffen. „Willkommen zu deinem Neuanfang“, wie es auf der Webseite von millionways heißt.

millionways ist ein idealistisch anmutendes Konzept, möglicherweise, weil man nach dem betriebswirtschaftlichen Geschäftsmodell sucht, das den Profit fördert, und dieses Geschäftsmodell nicht findet, weil der monetäre Profit für Cordsmeier gar nicht zählt. Cordsmeier will mit seiner millionways Stiftung mehr, nämlich die Welt verbessern – mit dem Startkapital ungenutzter Potenziale, noch ungehobener individueller Schätze. Es kommt auf die richtige Entscheidung an!

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millionways.org: Martin Cordsmeier stellt auf der Webseite seine gemeinnützige Stiftung millionways vor.

 

 

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Es genügt, unsere Fenster des Nachts zu öffnen, damit der Windhauch eines geheimnisvollen Frühlings die verglühte Asche unserer Seele entfacht.

Aus: Nicolás Gómez Dávila – Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten

 

Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

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Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges »Fluten« des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der »schwachen Membrane«, als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.
Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes.

Herfried Münkler im Beitrag „Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können“ in der ZEIT vom 11. Februar 2016 – zurzeit nur als „Print“ verfügbar (immer lohnenswert).

Mehr zum Thema bei Valeat:
Keine Angst oder: Wir brauchen starke Menschen!

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015

Die Gefahr für die Demokratie besteht nicht in Menschen, die vor Krieg, Not und Terror fliehen, sondern in Menschen, die aus Angst Politik machen.

Georg Diez in Spiegel online, 13.12.2015

Dieser Satz von Georg Diez hat in dieser Woche tragische Aktualität erhalten.

In dieser Woche, in der ein 13-jähriges Mädchen verschwindet und völlig unversehrt wieder auftaucht, zwischenzeitlich aber Migranten der Vergewaltigung bezichtigt werden und Demonstrationszüge gegen Flüchtlinge stattfinden, sich sogar der russische Außenminister einmengt und den deutschen Behörden Vertuschung vorwirft – Vertuschung einer Straftat, die es gar nicht gegeben hat.

In dieser Woche, in der ein Flüchtling, den es gar nicht gibt, in Berlin für tot erklärt wird und sich in den sozialen Medien ein tosender Shitstorm gegen die Behörden ausbreitet.

In dieser Woche, in der eine Politikerin über die Verteidigung der deutschen Grenzen vor Flüchtlingen mit Waffengewalt spricht.

In dieser Woche, in der ein Politiker der Bundeskanzlerin vorwirft, mit ihrer Flüchtlingspolitik Deutschland zu spalten.

Kinder – seid ihr des Wahnsinns? Bitte kurz runterkommen, ich flehe euch an, bitte: Diese Angst frisst euch auf. Lasst euch nicht schwach reden, lasst euch keine Angst von denen einjagen, die ihr Machtspiel mit euch treiben.

Vernunft und Leidenschaft brauchen wir jetzt.

Vernunft brauchen wir, um gemeinsam den richtigen Weg zu finden, dass die Flüchtenden sich in Deutschland (und nicht in Deutschland allein) empfangen fühlen und hier in Europa nicht dem Terror ausgesetzt sind, vor dem sie geflohen sind, gleichzeitig dass die Menschen hier (die, die vorher schon hier waren und nicht aus ihrer Heimat fliehen mussten) sich nicht überfordert fühlen.

Leidenschaft brauchen wir, Zuversicht und Selbstvertrauen, um eine große Aufgabe zu meistern, was zwar nicht den Gartenzwergen in unseren Vorgärten, aber umso mehr dem Menschen und seinem Leben dient, dem Menschen von Gegenüber, aber auch und gerade dem Menschen in uns.

Wir brauchen starke Menschen! (Wir schaffen das – nur mit unserem Selbstvertrauen, nicht mit dem Schwächling in uns.)