Mut zur Philosophie Vernunft, Wissenschaft und Fortschritt sind die Hauptkategorien des Transhumanismus, einer philosophischen Strömung, die die Vervollkommnung des Menschen durch Technik anstrebt.

Meine persönliche Theorie ist, dass der Transhumanismus auch ein Stück säkularisiertes Christentum ist. Es tauchen etliche Motive auf, die originär christlich sind, beispielsweise die Kritik am Körper als äußerst beschränktem Gefäß für den Geist, als hinfällige, krankheitsanfällige und schmutzige Materie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der gerne isst und trinkt und Sex hat, eine große Sehnsucht entwickeln kann, auf einer Festplatte als ein digitaler Code weiterzuexistieren. Eigentlich sind diese technikfrömmelnden Transhumanisten ziemlich bornierte Puritaner.

Konrad Paul Liessmann (Jahrgang 1953) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 25. September 2015. Das Interview mit dem österreichischen Philosophen führte Michael Stallknecht.

In der Welt sein. Foto:  (c)  Jürgen Fälchle, fotolia.com
In der Welt sein. Foto: (c) Jürgen Fälchle, fotolia.com

Es ist wunderbar, dass unsere Sprache fähig ist, mit dem gleichen Wort das sinnliche und das Intelligible auszudrücken, eben den „Sinn“. Man könnte vielleicht sagen, dass alles Denken, ob man es nun Philosophie oder „religiöses System“ nennt, dass all dieses Denken dazu dient, Kontakt und Beziehungen herzustellen. Im Gegensatz dazu sind am Mord, Krieg, physische, wirtschaftliche, kulturelle, symbolische Aggression usw. bestimmte Weisen, den Kontakt zu brechen, ihn zu verhindern, oder etwas anderes als Kontakt zu erzeugen: einen Stoß, eine Verletzung. Und deshalb ist der Sinn der Welt vielleicht bloß die Möglichkeit, sich auf empfindsame, sinnliche und intelligente Weise wirklich in der Welt zu fühlen – denn die Intelligibilität ist nichts anderes als die Empfindsamkeit des Denkens. Wie Heidegger sagt: „In-der-Welt“. Und „In-der-Welt“ heißt etwas anderes, als „im Wasser“ oder „in der Flasche“ zu sein. „In-der-Welt“ heißt: Teil der Welt sein – oder in der Welt ein Teil sein. Was ist eine Welt? Eine Welt ist die Gesamtheit von Sinn, der im Umlauf ist.

Jean-Luc Nancy im Interview mit der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“. Aus: Hohe Luft kompakt – die großen Philosophen unserer Zeit im Gespräch.

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Ich würde mir wünschen, dass er weitergeführt wird in der Tradition der Hermeneutik und der Phänomenologie und, was Heidegger betrifft, in kritischer Fortführung auch dessen, was er angestoßen hat, vor allem als Phänomenologe, also mit „Sein und Zeit“ und den Werken der Zwanzigerjahre. Kritisch, aber mit dem Bewusstsein für die wichtige Tradition, die sich mit dem Namen Heidegger verbindet.

Rüdiger Safranski im Interview mit Michael Stallknecht. Süddeutsche Zeitung, 24. März 2015.

In diesem lesenswerten Interview geht der Heidegger-Biograf Rüdiger Safranski auf die aktuelle Debatte im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der so genannten Schwarzen Hefte Martin Heideggers ein. Heidegger habe zum „intellektuellen Mob“ jener Zeit gehört, überrascht habe ihm nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte Heideggers „Vulgärantisemitismus auf einer geisteswissenschaftlichen Ebene“.

Gleichwohl sei seine phänomenologische Philosophie der 1920er Jahre „genialisch“: Safranski nennt in diesem Zusammenhang Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ und seine „Grundbegriffe der Metaphysik“. Safranski hat sich einer Petition angeschlossen, dass der einstige Lehrstuhl Heideggers an der Universität Freiburg, an der vor ihm Heinrich Rickert und Edmund Husserl gelehrt hatten, weitergeführt wird.

 

Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ verfasst.

Foto: (c) Valeat
Foto: (c) Valeat

 

Ich habe vielleicht ein Grundgefühl mitgenommen, dass nur Gelassenheit einen Ausweg verheißt aus der Gefahr von Zynismus auf der einen und Fanatismus auf der anderen Seite. Ich musste lernen, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist.

Alle Utopien, die sagen, wir müssen erst den Menschen grundlegend verändern, ehe wir in die wirkliche Geschichte eintreten, sind der Anfang von Leid und Terror. Die Menschen, so wie sie sind, sind die richtigen. Wir müssen sie nicht umerziehen – und wir dürfen es auch nicht.

Winfried Kretschmann im Interview mit der Zeit vom 19. März 2015
Im Interview mit der Zeit spricht Kretschmann über seinen Wandel vom Kommunisten zum Katholiken, vom Staatsgegner (Kretschmann-Akte zu Zeiten des Radikalen-Erlasses) zum Staatsdiener (heute erster deutscher Ministerpräsident der Grünen).

Goethe hat noch erlebt, wie die ersten Eisenbahnen fuhren. Schon da hieß es: Diese Geschwindigkeit, dieser Umgang mit der Zeit, das wird unseren Tod bedeuten. Und die ersten Eisenbahnen fuhren gerade mal mit 20 bis 30 Stundenkilometern! Goethe hat in seinen letzten Jahren wunderbare Sachen über Hektik und Beschleunigung geschrieben. Aber gleichzeitig hat er sich eine Spielzeugeisenbahn schenken lassen, weil er auch fasziniert war. Er war offen für das Moderne, er sah aber die Ambivalenz.
(..) Heute erleben wir etwas, was sich kein früheres Jahrhundert erträumen konnte: das Erlebnis von Gleichzeitigkeit. Das ist etwas ganz Ungeheures. In Echtzeit können wir global kommunizieren, Informationen bekommen. Und ich habe den Eindruck, dass wir dafür biologisch gar nicht so gemacht sind.

Rüdiger Safranski in The European 4/2014

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Sein und Zeit

Goethe hat die Eisenbahn noch erlebt. Die Eisenbahn war damals Sinnbild für Hektik und Beschleunigung. Blick auf die Höllentalbahn von Freiburg nach Donaueschingen - hier an der Ravennabrücke. Foto: (c) Valeat
Goethe hat die Eisenbahn noch erlebt. Die Eisenbahn war damals Sinnbild für Hektik und Beschleunigung. Blick auf die Höllentalbahn von Freiburg nach Donaueschingen – hier an der Ravennabrücke. Foto: (c) Valeat

Sakaguchi Ango über das Prinzip aller Künste. Bild Sakaguchi Ango: aus Lettre International 105/Sommer 2014. Bild: (c) Valeat
Sakaguchi Ango über das Prinzip aller Künste. Bild Sakaguchi Ango: aus Lettre International 105/Sommer 2014. Bild: (c) Valeat

Bei meinem Beruf, der Literatur, verhält es sich genauso. Nicht eine Zeile darf hinzugefügt werden um der Schönheit willen. Die Schönheit entsteht gerade nicht dort, wo man sich ihrer bewusst ist. Das, was unbedingt geschrieben werden muss, was notwendig geschrieben wird, erschöpft sich nur in Antwort auf das absolut Notwendige. Es ist einfach notwendig, egal, ob eins, zwei oder hundert, es ist von Anfang bis Ende ganz und gar notwendig. Und die einzigartige Gestalt, die diese unausweichliche Substanz verlangt, bringt die Schönheit hervor. Sobald man sich vom Verlangen der Substanz entfernt und sich auf den Standpunkt des Ästhetischen oder Lyrischen stellt und eine Säule baut, wird das Werk belanglos. Darin besteht der Geist der Prosa, das ist die wahre Gestalt des Romans. Zugleich ist es das Prinzip aller Künste.

Sakaguchi Ango (1906 – 1955) in Lettre International 105, Sommer 2014

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Altgriechisch: Der Anfang von Homers "Odyssee".
Altgriechisch: Der Anfang von Homers „Odyssee“.

Ich bin da altmodisch. Unregelmäßige griechische Verben muss man mit Angst lernen. Im französischen Lyzeum in New York hatte ich einen wunderbaren Griechischlehrer, der Kreide nach uns geworfen hat. Ich glaube nicht, dass man das Schwierige mit Liebe lernt. Es gibt begabte Menschen, für die es keine Anstrengung gibt. Aber wir Durchschnittsmenschen müssen schwitzen und Angst haben. Wir brauchen die altmodische Disziplin des Lernens, und dann wird es eine Freude. Es dreht sich um. Eines Tages sagt man, auch ich kann Homer lesen.

George Steiner (Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Philosoph – Jahrgang 1929) im Gespräch mit Iris Radisch in der ZEIT vom morgigen 16. April 2014. Die Frage, auf die unser Zitat folgt, lautet: „Kann man heute nicht mehr so lesen und lernen, wie Sie gelernt und gelesen haben?“

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Die Philosophie sollte also wirklich in die Universität Einzug halten, das heißt in den Studiengang aller Fächer aufgenommen werden. Natürlich nicht etwa, um nur lauter Philosophen auszubilden – das steht allein den Philosophischen Fakultäten und Instituten zu. Sondern es geht um einen begrenzten, aber vertieften Philosophieunterricht, etwa auf dem Gebiet der Ethik und Politik. Wenige Wochenstunden inmitten des Fachunterrichts in Literatur oder den Naturwissenschaften, in Medizin oder Jura würden genügen, um die Bedeutung sämtlicher Fächer völlig zu verändern, indem sie durch eine Reflexion über sich selbst und über die menschliche Existenz bereichert würden.

Robert Misrahi (Jahrgang 1926) „Leviathan und Garten“, Lettre international 103, Winter 2013

Philosophie bald Bestandteil der Betriebswirtschaftslehre? Robert Misrahi fordert Philosophieunterricht in allen Universitätsfächern.  Bild: (c) Halfpoint - Fotolia.com - Valeat.
Philosophie bald Bestandteil der Betriebswirtschaftslehre? Robert Misrahi fordert Philosophieunterricht in allen Universitätsfächern. Bild: (c) Halfpoint – Fotolia.com. Bearb.: Valeat.