Foto: (c) Valeat
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Der Stil ist eine weitere Bedeutungsebene, vielleicht die entscheidende. Das merkt man übrigens bei allen Büchern von Alexijewitsch. Es wird einem nicht gesagt: Hört her, das ist wichtig! Sondern das Wichtige wird einem durch die Stilistik des Textes vorgeführt. Wichtige Bücher sind Wegmarken, die oft einen großen synthetisierenden Aspekt haben: Mehrere Dinge werden zusammen gesehen und erhalten in dieser Zusammenschau eine Bedeutung.

Elisabeth Ruge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. November 2015

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Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Reinbek bei Hamburg, 2011.

 

Die Reise: Grüner Waggon. Schlafwagen, gemütlich wie ein Häuschen auf Rädern. Man konnte auch Tee bestellen. Auf den Teegläsern war der Kreml drauf. Um den Kreml herum kreiste ein kleiner Sputnik. Räderwechsel in Brest. Breitere Spur für die Sowjetunion. ‚Stimmt’s, Mama, die Sowjetunion ist das größte Land der Welt.‘ – ‚Ja, natürlich.‘

Eugen Ruge (Jahrgang 1954): In Zeiten des abnehmenden Lichts.

„Der große DDR-Buddenbrooks-Roman.“ stellt DIE ZEIT kategorisch auf dem Klappentext fest, und die FAZ ergänzt: „Überragend“. Um es vorweg zu sagen: „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ ist ein hoch gelobtes Buch – der Autor Eugen Ruge erhielt 2011 dafür den Deutschen Buchpreis. Sicherlich verdient. Dennoch ist es vermessen, von einem Buddenbrooks-Roman zu sprechen, und das nicht nur, wenn man ausgeprägter Thomas-Mann-Freund ist.

So werde ich mich nicht mit Vergleichen aufhalten. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ beschreibt die Geschichte einer Familie in der DDR über drei Generationen hinweg, von 1952 bis 2011. Ruge konstruiert die 50-jährige Familiengeschichte in drei Erzählsträngen, die in 20 Kapiteln auf 426 Seiten miteinander verwoben sind. Die Kapitel sind mit Jahreszahlen überschrieben. Der „1. Oktober 1989“ mit vier und das Jahr „2001“ mit drei Kapiteln bilden jeweils eigene Erzählstränge und durchbrechen immer wieder die lineare Haupthandlung der Familienchronik.

Und so beginnt der Roman mit einem frühen Teil des Endes: Der krebskranke Alexander besucht seinen Vater Kurt, der unter einer schweren Demenz erkrankt ist und nicht mehr allein für sich sorgen kann, jener Kurt, Professor für Geschichte und Autor mehrerer Werke über die Geschichte der DDR, der doch immer so wortgewandt und diszipliniert gewesen war: Jetzt müssen ihm die Windeln gewechselt werden, er spricht kaum noch ein Wort artikuliert aus. Alexander beklaut Kurt und geht mit dem Ersparten des Vaters auf Weltreise, nach Mittelamerika, nach Mexiko auf den Spuren seiner Großeltern Wilhelm und Charlotte, mit deren Geschichte „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Jahr 1952 beginnt:

Dann holte er das Neue Deutschland aus seiner Aktentasche und schlug es auf, und Charlotte fiel sofort eine Überschrift auf der ihr zugewandten Rückseite ins Auge:

DIE PARTEI RUFT DICH!

Charlotte schämte sich. Für ihren Hutschleier. Für ihre Angst. Für die fünfzig Dosen Nescafé in ihrem Koffer… Ja, die Partei brauchte sie. Dieses Land brauchte sie. Sie würde arbeiten. Sie würde mithelfen, dieses Land aufzubauen – gab es eine schönere Aufgabe?

Charlotte und Wilhelm machen sich auf die Reise von Mexiko in den Arbeiter- und Bauernstaat und bauen mit an der noch jungen DDR. Genauso wie später Sohn Kurt, der nach Moskau emigriert war und zusammen mit seiner Ehefrau Irina in die DDR einreist. Irina leidet unter dem kleinbürgerlichen Mief der kommunistischen DDR und flieht in den Alkohol. Auch Enkel Alexander hält es nicht mehr aus und geht ausgerechnet am 90. Geburtstag seines Großvaters Wilhelm in den Westen. Womit wir wieder beim Klappentext wären: „Die Strahlkraft der politischen Utopie scheint sich von Generation zu Generation zu verdunkeln: Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.“

Fazit: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist ein Familienroman und spielt in einer längst vergessenen Zeit. Wie damals Buddenbrooks. Ist aber nicht Buddenbrooks, ist aber trotzdem lesenswert.