Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, immerhin geweihte Büchner-Preisträgerin, ist die neue „unerwünschte Person“ der Feuilletons. In Dresden hatte sich die Schriftstellerin am 2. März 2014 in ihrem Vortrag „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ gegen die pränatale Diagnostik und die moderne Reproduktionsmedizin ebenso wie gegen die Freigabe des Suizids bei alten oder kranken Menschen gewandt. (c) Bäckersjunge, Herby (Herbert) me, beide Fotolia.comAuch wenn Lewitscharoff jetzt bestimmte, zweifelsohne sehr zugespitzte, gar unangemessene Formulierungen ihrer Dresdener Rede zurückgenommen hat, um, wie es scheint, ihre gut verkaufte Literatur vor Anfeindungen zu verschonen, spiegelt sich die Richtigkeit einer Behauptung nicht selten in der Vehemenz des Widerspruchs gegen sie.

Warum der Aufschrei gegen Lewitscharoff? Ganz einfach: Weil sich in Lewitscharoffs Aussagen des Dresdener Vortrags eine Kritik verbirgt, die sich gegen unseren zivilisatorischen Machbarkeitswahn wendet: Heute muss alles möglich sein, wenn es nur entweder dem Götzen Selbstverwirklichung oder dem Konsumieren dient. Lewitscharoff will sagen: Es gibt Grenzen für den menschlichen Machbarkeitswahn, auch in der Medizin, und wir sind im Begriff, diese Grenzen gerade zu Beginn und zum Ende menschlichen Lebens zu überschreiten. Die wissenschaftliche oder technische Machbarkeit von Handlungen impliziert nicht automatisch schon deren ethische Rechtfertigung.

Das Wort „Designerbaby“ beschreibt das Phänomen ganz gut: ein angesichts des Forschungsstandes der Medizin sicherlich etwas vorauseilender Ausdruck, der aber in seiner sprachlichen Zuspitzung die Wahrheit offenlegt. Ein Mensch wird gemacht, gestaltet, hergestellt wie eine Ware nach einem bestimmten Plan – und er muss auch später wie eine Ware funktionieren. Das genau ist der Ansatzpunkt von Lewitscharoffs kantischer Gesellschaftskritik: Meine Freiheit endet an dem Punkt, wo sie die Freiheit anderer Menschen verletzen könnte. Der designte Mensch ist, wenigstens an dem Punkt, an dem er willkürlich, nach dem Willen anderer Menschen in der Petrischale „hergestellt“ wird, nicht mehr allein Zweck für sich. Er ist in diesem Moment kein autonomes freies Individuum mehr, sondern dem Nutzen, oder sagen wir: dem Gebrauch anderer Menschen unterworfen.

(c) Bäckersjunge, Herby (Herbert) me, beide Fotolia.comUmgekehrt: Der Mensch ist nur dann Mensch, wenn er nicht bloß für andere Menschen oder die Gesellschaft funktionieren muss. Das gilt für alle Menschen, vor der Geburt, während des Lebens und am Endes des Lebens. Kurzum: Wir Menschen verlieren unsere Freiheit, wenn wir anderen Menschen ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Autonomie wegnehmen, wenn wir sie für eigene Zwecke missbrauchen, selbst wenn diese Zwecke gesellschaftlich legitimiert erscheinen.

Das ist der Stachel im Fleisch des Kapitalismus (des Kommunismus übrigens auch), das ist der vitale Sprengstoff von Lewitscharoffs unerwünschter Kritik: Vergesst nicht, dass der Mensch seinen Zweck in sich selbst trägt. Vergesst nicht, dass der Mensch nicht zur Ware verkommen darf, die beliebig produziert und nach Gebrauch entsorgt werden kann. Denn jeder der Mensch hat seine Würde und seinen Wert, auch wenn er für die Gesellschaft noch so nutzlos erscheint.

Dresdener Rede von Sibylle Lewitscharoff zum Lesen und Hören…

 

Schreiben ist ein Spiel mit dem Tod. Foto: (c) flucas - Fotolia.com

Ich sehe die Philosophie als eine Suche nach Wahrheit, was eine gewisse Ernsthaftigkeit des Geistes voraussetzt, während es in der Literatur um etwas anderes geht. Schreiben ist ein Spiel mit dem Tod. Wenn man sich auf das Schreiben eines Romans einlässt, muss man eine Sprache finden. Die Sorge, eine eigene Sprache zur Welt zu bringen, nimmt in den Augen des Schriftstellers eine tödliche Gewichtigkeit an, wird für ihn zu einer lebenswichtigen Frage.

Imre Kertész (Jahrgang 1929) in Philosophie Magazin Nummer 5/2013

In der Woche zwischen Volkstrauertag und Totensonntag hat der Tod Hochkonjunktur. Günther Jauch plauderte vergangenen Sonntag über den Tod, die ARD gab dem Tod gleich eine ganze Themenwoche. Den anregendsten Gedanken habe ich heute in der Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegels gefunden. Claudia Keller spricht in ihrem Beitrag „Ins Offene“ über Sterben und Tod und merkt an, dass der Tod für den modernen Menschen eine Kränkung darstelle:

Der Mensch hier und heute ist endgültig das Maß aller Dinge geworden. Die meisten Westeuropäer wollen ihr Leben in Freiheit gestalten und sich weder vom Papst noch vom Staat hineinreden lassen. Die Vorstellung, am Ende des Lebens dem Körper, den Schmerzen und irgendwelchen Ärzten ausgeliefert zu sein, ist für viele unerträglich. Sterben und Tod sind zur letzten und wahrscheinlich größten Herausforderung für den selbstbestimmten Menschen geworden. Der Tod macht alle Inszenierungen zunichte, setzt jeder Selbstdarstellung ein Ende. Er erscheint als ultimative Kränkung, als finale Niederlage.

Claudia Keller (Jahrgang 1968), Tagesspiegel, 25. November 2012, Seite 7

Mehr zum Thema bei Valeat:
„Niemals sterben“
“Erst im Angesicht des Todes erkennen viele, worauf es ankommt.”

… oder dank Früherkennung, Stammzell- und Gentherapien und im Labor gezüchteter Organe unseren Alterungsprozess gänzlich einstellen. Es ist kein Naturgesetz, das besagt, dass wir sterben müssen. Noch ist das nicht möglich, aber unsere Enkelkinder können wahrscheinlich entscheiden, nach ihrem 30. Geburtstag nicht weiter zu altern.

Michio Kaku (Jahrgang 1947), Professor für theoretische Physik in New York, in einem Interview mit dem Tagesspiegel, 22. Oktober 2012

Der Spiegel Nummer 22 vom 26.05.2012

Der Tod im Spiegel, da schaudert`s einen. Der Spiegel 22/2012 befasst sich im Titelthema „Ein gutes Ende“ mit dem Tabuthema Tod. Es sei an der Zeit, auch den eigenen Tod ins Visier zu nehmen:

Das ist die neue Idee: Lasst uns übers Sterben sprechen. Und zwar oft und ausführlich, so, wie man sich über Kindererziehung und Liebesdinge unterhält.

Der Spiegel Nummer 22 vom 26. Mai 2012

67 Prozent der Deutschen wünschen sich nach einer Spiegel-Umfrage einen plötzlichen Tod aus einer guten gesundheitlichen Verfassung heraus. Doch den wenigsten ist das vergönnt, die meisten sterben nach langer Krankheit, Siechtum oder Demenz. Der Spiegel besucht Orte des Sterbens: Pflegeheim, Hospiz oder Zuhause – wo stirbt es sich besser?

Im Spiegel-Beitrag kommt der Neurologe und Palliativmediziner Gian Domenico Borasio zu Wort, den Valeat 2011 bereits mit Zitaten porträtiert hat. Hier geht es zum Valeat-Beitrag “Erst im Angesicht des Todes erkennen viele, worauf es ankommt.”

„Erst im Angesicht des Todes erkennen viele, worauf es ankommt.“
Gian Domenico Borasio, Professor für Palliativmedizin

„Diese Studie ist unglaublich spannend. Sie besagt, dass Menschen, die bald sterben werden, nicht nur Altruismus entwickeln, sondern dass dieser Wertvorstellungs-Shift auch ihre Lebensqualität steigert. Das ist sozusagen der wissenschaftliche Beweis für das, was der Dalai Lama gebetsmühlenartig sagt: Altruismus ist eine Form von gesundem Egoismus. Die Studie wirft auch die wichtige Frage auf: Warum müssen wir eigentlich vor dem Ende stehen, um zu erkennen, dass Uneigennützigkeit zufrieden macht? Es gibt ein Zitat aus dem Koran, das besagt, dass die Menschen erst erwachen, wenn sie sterben. Erst im Angesicht des Todes erkennen viele, worauf es wirklich ankommt, und in den seltensten Fällen waren das dann berufliche Erfolge. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist die beste Gewähr für ein gutes Leben. Deshalb lohnt es sich, das Leben vom Tod her zu sehen.“
Gian Domenico Borasio, Professor für Palliativmedizin

Die Zitate sind aus einem Interview der Süddeutschen Zeitung mit Gian Domenico Borasi vom 19./20. November 2011 (Wochenendbeilage).

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