Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie "Medien machen Wirklichkeit".
Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie „Medien machen Wirklichkeit“.

 

Trotzdem hält sich bis heute die Ansicht, man [gemeint sind die Medien, Anmerkung von Valeat] habe in der Causa Wulff lediglich seine Arbeit gemacht. In Wahrheit wollte nahezu die gesamte Medienschaft ihren Teil vom Kuchen abhaben: Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch ein Verkaufsschlager. Die Talkshows, die das Thema keine Woche ausließen, erzielten Traum-Quoten, bei den Internetauftritten nahezu aller Medien schossen die Klickzahlen in die Höhe. Immer wieder wurde aufgelistet, was Wulff vorgeworfen wurde, auch das, was sich bereits als nicht haltbar erwiesen hatte. Es schien, als ginge es darum, den Mangel an Substanz durch die Summe der Kleinigkeiten aufzuwiegen. Von einzelnen öffentlichkeitswirksamen Mea-culpa-Erklärungen einmal abgesehen, hat bis heute keine ernsthafte Debatte über die Rolle der Medien in den Wochen der Causa Wulff stattgefunden.

Michael Götschenberg (Jahrgang 1969) im „medium Magazin“ 02-03/2014. Götschenberg hat auch ein Buch über die Causa Wulff mit dem Titel „Der böse Wulff – Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien“ geschrieben.

Auch Valeat hatte über die Causa Wulff veröffentlicht:
Spiegel streicht Wulff die Würde weg
Inflationierung: Wulff und die Medien
Wulff, Küppersbusch und die Tüte Chips

Die Causa Wulff ist ein Lehrstück für die Pressefreiheit. Diese Pressefreiheit ist nicht dafür da, Journalisten lust- und machtvolle Gefühle zu verschaffen. Sie ist nicht die Freiheit zur Selbstermächtigung und Selbstbefriedigung, die in einem Rücktritt den Höhepunkt findet. Sie ist für die Demokratie da; und Demokratie ist etwas anderes als eine Meute, die Beute will.

Heribert Prantl (Jahrgang 1953) in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2013

"Der falsche Präsident" oder wie Medien Meinung machen: Titelseite des Spiegels Nr. 51 vom 17.12.2011
Medien machen Wirklichkeit, Teil 2: Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, der Bundespräsident wirkt wächsern. Spiegel Nr. 2 vom 09.01.2012
Die Medien und die Wirklichkeit, Teil 3: Der unvermeidliche Rücktritt. Spiegel Nr. 8 vom 18.02.2012

    „Ich habe an einem Donnerstag Mitte Januar mit der Fernbedienung eine Sendung mit Maybrit Illner, Reinhold Beckmann und zwölf Meinungscontainern zusammengezappt. Es war alles gesagt, es kam nicht Neues mehr dabei heraus. Wenn man eine Tüte Chips aufmacht, isst man zwei und sagt: lecker. Und dann macht man den Fehler und isst den Rest auch noch. Übertragen: Die ersten paar Meldungen zu Wulff fand ich noch interessant als Sittengemälde. Dann liest man den ganzen Rest und weiß, während man es tut: Das ist nicht gesund, du kriegst schlechte Zähne.“

Friedrich Küppersbusch, Jahrgang 1961, in einem Interview mit dem Medienmagazin „journalist“, Nummer 2, Februar 2012. Küppersbusch gehört die TV-Produktionsfirma ProBono; bekannt wurde er in den 1990er Jahren durch eloquente Moderationen im ARD-Magazin „Zak“

…oder wie man durch mehr Informationen weniger erfährt.

Manche Passagen aus dem E-Mail-Verkehr zwischen Journalisten und dem Anwaltsbüro von Wulfff wurden geschwärzt, wie hier in der zweiten pdf-Datei (Seite 9).

Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Lange hat es gedauert, bis das Bonner Anwaltsbüro von Christian Wulff die Fragen und Antworten nach Zustimmung der jeweiligen Zeitungen veröffentlicht hat. Es wurde kein Donnerstag, sondern ein Mittwoch. Dass zwischen dem Donnerstag und dem Mittwoch dreizehn Tage lagen, vergessen wir einfach. Jetzt sind sie aber da, die vielen Fragen der Redaktionen, die viele Antworten von Wulffs Anwaltsbüro – drei pdf-Dateien mit insgesamt 237 Seiten!

Die so genannte Causa Wulff hat eine neue Dimension gewonnen. Das Prinzip könnte man Inflationierung, nicht Transparenz nennen: Je mehr Nachrichten im Umlauf sind, desto geringer die Relevanz der einzelnen Nachricht. Was soll das alles, fragt sich der brave Bürger, der laut loslacht, wenn Wulffs Anwälte sinngemäß schreiben, dass es im Nachhinein schwierig zu rekonstruieren sei, ob Wulff und Gattin während eines bestimmten Flugs vor mehreren Jahren ihre Sitzplätze getauscht haben.

Fragen und Antworten auf 237 Seiten

Doch es gibt Erkenntnisse: Erstens sind Anwälte und sonstige Öffentlichkeitsarbeiter zu bedauern – bei Journalisten wie Martin Heidemanns von der Bild Zeitung, der am 19. Dezember 2011 um 15 Uhr 52 und 50 Sekunden eine E-Mail mit acht teilweise komplexen Fragen stellt und um eine Beantwortung bis 17 Uhr bittet. Und zweitens lernen wir viel darüber, wie Journalisten und Rechtsanwälte E-Mails schreiben – wie ungenau ein Betreff sein kann, wie höflich manche Anrede und wie man sich verabschiedet, nämlich „mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für die Feiertage und das neue Jahr!“ Und dass alles ein Ende hat, sogar der Tag: „Diese Antwort haben wir heute nicht mehr geschafft. Wir nehmen morgen dazu Stellung,“ schreibt Gernot Lehr, Anwalt von Christian Wulff, am 20. Dezember 2011 um 22 Uhr 25.

Fragen und Antworten zu Christian Wulff…