Ihr werdet Euch schon gewundert haben. Gibt es jetzt jeden Abend ein Märchen bei Valeat? Keine Bange, das ist einem wichtigen Ereignis der deutschen Literaturgeschichte geschuldet: Die erste Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm ist vor 200 Jahren im Jahr 1812 erschienen. Und so schreiben Jakob und Wilhelm Grimm sechs Jahre danach:

Gesammelt haben wir an diesen Märchen seit etwa dreizehn Jahren; der erste Band, welcher im Jahre 1812 erschien, enthielt meist, was wir nach und nach in Hessen, in den Main- und Kinziggegenden der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, von mündlichen Überlieferungen aufgefasst hatten.


Die Brüder waren also Sammler
von Geschichten aus der hessischen Heimat. Sie überführten die „Sage“, die zuvor über Generationen hinweg mündlich überliefert worden war, in die Schriftlichkeit. Die „Kinder und Hausmärchen“ werden jetzt schon seit 200 Jahren gelesen, eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Denn wer kennt nicht Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Froschkönig oder Dornröschen?

Hier noch die zwei unbekannteren Märchen der Vortage:

Fundevogel
Der süße Brei

Die Bremer Stadtmusikanten von Gerhardt Marcks. Foto: (c) Valeat
Die Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks. Foto: (c) Valeat

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wusste seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche“, so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh“, so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche“, da kocht es, und sie isst sich satt; nun will sie, dass das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh“, da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der musste sich durchessen.

Aus: Kinder und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, erschienen vor 200 Jahren