Dass wir in einer neuen industriellen Revolution leben, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Merkwürdigerweise werden aber kaum Lehren aus dem neunzehnten Jahrhundert gezogen. Natürlich kann man eine Geschichte der Dampfmaschine erzählen, die von James Watt bis zur IAA reicht und nichts anderes ist als eine Geschichte menschlichen Erfindergeists. Man kann sie aber auch als Geschichte einer beispiellosen sozialen Revolution erzählen und sich fragen, ob wir Nachgeborenen das Ingenium in Gestalt des neuesten i-Phones bekommen, aber den sozialen Preis nicht werden zahlen müssen. Die Antwort lautet nicht nur, dass wir zahlen müssen, sondern vor allem, dass wir sehr viel schneller zur Kasse gebeten werden als unsere Vorfahren.

Frank Schirrmacher in der FAZ vom 26. September 2013

Hier gibt es den Beitrag auch online…

Frank Schirmmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat
Frank Schirmmacher auf der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat

Liebesschlösser auf der Kölner Hohenzollernbrücke. Foto: (c) Valeat
Die Liebesschlösser haben es geschafft: Die Vorhängeschlösser auf der Kölner Hohenzollernbrücke haben fast eine ganze Seite bekommen – sogar im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), auf Seite 35 in der Ausgabe vom 4. Januar 2013. Unter dem Titel „Wir sind keine Affäre“ stellt Kai-Olaf Maiwald das „neueste Liebesritual“ vor:

Es ist also für den Brauch der Liebesschlösser essentiell, dass sie an öffentlichen, stark frequentierten Orten angebracht sind. Dabei ist gleichzeitig festzuhalten, dass die gesuchte Öffentlichkeit nicht wirklich in die Kommunikation einbezogen ist. Wie Paare früherer Zeiten, die als Unverheiratete sich nicht öffentlich zu ihrer Liebe bekennen konnten und deshalb nur ihre Initialen in Baumrinden ritzten, stellen auch die heutigen Paare nur eine Art Halböffentlichkeit her, indem sie uns bestenfalls ihre Vornamen mitteilen. Der Sprechakt ist damit ebenso Teil der Binnenkommunikation des Paares, ist Ausdruck ihrer Liebe. Sie sprechen nach außen als Paar, doch gleichzeitig auch zu sich selbst.

Mit dieser soziologisch verbrämten Liebeserklärung von Kai-Olaf Maiwald in der FAZ sind die metallischen Gebrauchsgegenstände jetzt gewissermaßen endgültig geadelt – wie es sich für Schlösser schließlich auch gehört.

Mehr zu den Liebesschlössern…

Volkswagen und Deutsche Bank sind Ikonen der deutschen Wirtschaft und gerade deswegen stehen sie in einer besonderen Verantwortung. Als Manager solch großer Konzerne hat man eine Vorbildfunktion nicht nur ins eigene Unternehmen hinein und nicht nur gegenüber den Anteilseignern, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Das sehen viele leider nicht. Hybris macht sich breit, und manche Manager sagen: „Wir können alles, wir dürfen alles.“

Anselm Bilgri (Jahrgang 1953) im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. Dezember 2012

Das ist die Umschlagsseite des neuen „Thema“, herausgegeben von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Thema Nummer Eins von „Thema“ ist „Geld“. Darum scheint es auch der FAZ zu gehen, denn in der neuen Zeitschrift werden bereits in der FAZ und in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienene Artikel noch einmal veröffentlicht. Das ist aber legitim, und das neue „Thema“ entbehrt auch nicht jeglichem Lesereiz. Zweiter Schwerpunkt der ersten Ausgabe von „Thema“ ist „Digitales Denken“ – mit einem lesenswerten Beitrag „Die Revolution der Zeit“ von FAZ-Mitherausgeber und Buchautor Frank Schirrmacher. Das nächste Heft erscheint am 22. November mit den Themen „Die arabische Revolution“ und „Die Energiewende“ und kostet 4,90 Euro.

Von der Hinterwaldener Rundschau bis hin zum Feldwiesen-Anzeiger, fast alle Tageszeitungen bieten heute eine App für das iPad. Auch die beiden Flaggschiffe der seriösen deutschen Presse, die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sind stolz auf eigene Anwendungen für die stylische Multifunktionstafel von Apple.

FAZ und SZ, hier die Ausgaben vom 13.08.2012, auf dem iPad: Besser als gedruckt?

Ich habe mir die beiden Apps von FAZ und SZ angeschaut. Meine Meinung: Zeitung und iPad vertragen sich nicht. Gleichwohl: Die Quadratur des Kreises zwischen neuem Internet- und traditionellem Printmedium gelingt der FAZ besser, und zwar deshalb, weil sie mit der Aufgabenstellung konservativer umgeht – wie sich das für eine konservative Zeitung schließlich auch gehört.

Kleiner Exkurs dazu: Zeitungen schaffen einen informationellen Mehrwert für den Leser dadurch, dass sie die Nachrichten des Tages strukturieren und ihrer Wichtigkeit nach durch ein durchdachtes Layout veranschaulichen: Das Wichtigste zuerst und oben und groß und fett und im Zentrum. Hier kleinere Headlines, da Sublines, dort ein Vorspann, hier ein Kommentar, dort Bilder, Infografiken, Kurznachrichten. Ich blättere durch die Zeitung, mit meinen Augen scanne ich Headlines und Bilder. Manchmal bleibe ich hängen: Ich finde die Nachricht, die mich interessiert. Schnell und intuitiv – durch eine übersichtliche Präsentation. Zeitungen gewichten und schaffen Übersicht, das ist ihr Charakter oder neudeutsch USP.

Die FAZ bietet in ihrer iPad-Anwendung ein hundertprozentiges Abbild der gedruckten Ausgabe mit allem, was dazugehört, auch mit Werbung, Todesanzeigen und Fernsehprogramm. Die einzelnen Artikel können durch Gesten direkt am Bildschirm ganz leicht herangezoomt werden. Wem das noch nicht reicht, kann durch Bildschirmberührung die pdf-Ansicht der Zeitungseite verlassen und gelangt zur Einzelansicht des Artikels, wo er zwischen drei Textgrößen wie bei einem E-Book-Reader auswählen kann. Kurzum: Die FAZ auf dem iPad bietet das klassische Zeitungsdesign, das ist ihre Stärke.

Ganz anders die SZ, die die App mehr in Richtung Internet interpretiert hat, multimedial, sogar mit einer Videokolumne auf der Titelseite. Schade, dass man auf dieser Seite wesentlich weniger Informationen als bei der gedruckten Ausgabe findet. Darüber hinaus gibt es beispielsweise auf Titelseite vom 13. August 2012 nur vier thematische Übereinstimmungen zwischen iPad- und Printversion, fünf, wenn man das Aufmacherfoto dazurechnet – zu wenig, finde ich: Die Anordnung bietet keine Orientierung, man verliert sich auf Dauer im Gewirr gleichrangiger Meldungen. Im Gegensatz zur FAZ keine Werbung, keine Todesanzeigen, kein Fernsehprogramm. Die App der SZ wirkt insgesamt steril und flach, seltsam leblos. Schade eigentlich, denn die SZ hat das in ihrem E-Paper mit vielen interessanten Features grandios gelöst. Warum nicht genauso beim iPad?

Mein Fazit erinnert an einen Spruch aus meiner Kindheit: Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt. Denn jetzt weiß die Wissenschaft, ja ganz gewissenhaft, dass sich die Fahrt zum Mond nicht lohnt. Drum hat sich die Fahrt zum Mond doch gelohnt. Will sagen: Ich weiß jetzt, dass ich die Zeitung weiterhin viel lieber auf Papier gedruckt lese und die Lektüre über das iPad keine wirkliche Alternative darstellt. Ob der geringere Preis der iPad-Ausgabe ein Argument ist, möge ein jeder selbst entscheiden: Die Einzelausgabe der FAZ fürs iPad kostet zum Beispiel 1,59 Euro gegenüber 2,10 Euro für die Printausgabe.

Noch einen Nachschlag? Beide Apps bieten die Zeitung schon am Vorabend an, die FAZ um halb zehn, die SZ zweieinhalb Stunden früher schon. Das ist für Informationsjunkies sicherlich von Vorteil. Beim Download über W-LAN ist die FAZ mit handgestoppten 23 Sekunden für die angesprochene Montagausgabe deutlich schneller. Die SZ brauchte in meinem Test sage und schreibe vier Minuten und 32 Sekunden, allerdings konnte man „schon“ nach einer guten Minute mit der Lektüre beginnen und sich den langen Download auf diese Weise etwas verkürzen. Wenn man das will.