Bis heute ist Thomas Bernhard für mich der ideale Zeitungsleser. Damit meine ich nicht, dass sich einer in ein Café setzt, nur um eine Zeitung zu lesen, egal, ob dieses Café nun in Wien oder in Gmunden steht. Damit meine ich auch, dass er dieses Café gleich wieder verlässt, wenn er darin nicht die Zeitung finden kann, die er lesen will.

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser

Das ist der Abgesang auf die Tageszeitung: Michael Angele, im Hauptberuf stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ entführt uns in „Der letzte Zeitungsleser“ in die Welt des passionierten Zeitungslesers Thomas Bernhard, der so ziemlich alles getan hätte, um zu seiner begehrten Tageszeitung zu kommen. Angele zeichnet liebevoll Spleene und Schrunden des pathologischen Zeitungslesers und stimmt ein Requiem auf die Tageszeitung an, die im lauten Rauschen des digitalen Boulevards heute keinen Existenzgrund mehr zu haben scheint.

Angele trägt in seinem Buch allerlei über den idealen Zeitungsleser wie Bernhard und sich selbst zusammen: Die Zeitung als vollformatige, sprudelnde Ideengeberin, als überquellende, dralle Muse für Schriftsteller und Journalisten. In „Der letzte Zeitungsleser“ erfahren wir, dass manches Stück Weltliteratur ohne die Zeitung gar nicht entstanden wäre, so zum Beispiel der „Ulysses“ von James Joyce oder „Zeitungslesen im Wirtshaus“ von Peter Handke, ein eher unglücklicher Zeitungsleser. Und zum Schluss kommt der Theaterregisseur Claus Peymann zu Wort, der ein halbes Dutzend Zeitungen am Tag liest, vom Neuen Deutschland über die Berliner Morgenpost und die FAZ bis hin zur Süddeutschen Zeitung. Ist Peymann der letzte wirkliche Zeitungsleser? Der wirklich letzte Zeitungsleser?

Das scheint Michael Andele zu fragen, worauf Valeat antwortet: Wie schön ist es, eine druckfrische Zeitung in den Händen zu halten, in einem Café in Köln (noch schöner: in einem Kaffeehaus in Wien), die Zeitung als papierener Wall um sich Selbst. Oder die Tageszeitung auf dem Küchentisch auszubreiten – weit ausladend, Raum füllend, Besitz ergreifend. Im Rascheln der Seiten, im Geruch des Papiers und der Druckerschwärze, im magischen Layout von Lettern, Lücken und Bildern baut sich die wunderbare Welt der Zeitung auf, in die der Zeitungsleser eintaucht. Nein, der Zeitungsleser wird sich seine Zeitung nicht wegnehmen lassen!

Ein schönes Büchlein von Michael Angele über die Tageszeitung, fast 150 Seiten, die als schmale Zeitungseinspalter gesetzt sind – netto sind das nur 75 Seiten, für die man aber gerne 16 Euro in der gebundenen Ausgabe ausgibt. Das zwei Euro billigere E-Book wird aus guten Gründen hier nicht empfohlen.

 

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Mit Fotografie habe ich den Namen Wim Wenders nicht verbunden, bis ich in der Zeitung einen Hinweis auf eine Ausstellung mit dem merkwürdigen Namen „4 REAL & TRUE 2“ gefunden haben – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien. 18.04. – 16.08.2015“. Wim Wenders fotografiert seit Jahrzehnten schon – wusste ich nicht.

 

Die photographische Arbeit ist die andere Hälfte meines Lebens.  Wim Wenders

 

Die meisten kennen Wenders als Regisseur von Kinofilmen wie „Das Salz der Erde“, „Pina“, „Buena Vista Social Club“, „Paris, Texas“ oder – wie ich vor allem – „Der Himmel über Berlin“, den ich wohl ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, nicht nur wegen der Dichtungen von Peter Handke und der hochkarätigen Besetzung mit Otto Sander, Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Curt Bois – und Peter Falk. Filme von Wim Wenders stehen für höchste cineastische Qualität.

Seine Fotografien sind unbekannt. Zu Wenders‘ 70. Geburtstag in diesem Jahr bietet seine Geburtsstadt Düsseldorf eine Retrospektive seines fotografischen Werks. Eine Reise zu dieser Premiere ist noch nicht zu spät. Zwar ist offizielles Ausstellungsende der 16. August, aber die Wenders-Fotoschau im Kunstpalast ist bis zum 30. August 2015 verlängert worden.

Valeat war schon in Düsseldorf: 80 teilweise großformatige Fotografien und Landschaftsaufnahmen von Wim Wenders zeigt die Ausstellung, die von Beat Wismer, Generaldirektor des Museums Kunstpalast, zusammengestellt wurde, „in enger Zusammenarbeit mit Wim Wenders“, wie es im Faltblatt zur Ausstellung heißt.

 

Wer auf das Bild klickt, der kann sich in gut sechs Minuten über die Wim-Wenders-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf informieren; Wim Wenders führt durch die Welt seiner "Photographien"
Wer auf das Bild klickt, der kann sich in einem sechsminütigen Video über die Wim-Wenders-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf informieren; Wim Wenders selbst führt durch die Welt seiner „Photographien“

 

Ohne Stativ und Kunstlicht fotografiert Wenders; einzig das natürliche Licht führt zusammen mit Wenders Regie. In ihrer lichten, nackten Einzigartigkeit inszenieren sich die Motive aus sich selbst heraus und entfalten so ihre schlichte und malerische Schönheit: Ein Wald in Brandenburg, ein „bestatteter“ DDR-Trabbi in einem Vorgarten, eine Open-Air-Bühne in Palermo, die Aufräumarbeiten im Ground Zero zwei Monate nach 9/11, weite Landschaften, Armenien, Australien, USA.

Wenders ist viel gereist für die Fotografien, seine Panoramakamera im Schlepp, auf den richtigen Moment für den Auslöser wartend, wie er im hörenswerten Audioguide sagt. Noch ein sprachlicher Schnappschuss zum Schluss: Wenders fotografiert nicht, Wenders photographiert – diese Schreibweise des Wortes zeugt von Wenders‘ Internationalität, sie ist aber vor allem aber Programm seiner Fotokunst: mit Licht (griech.: phos) malen (griech: graphein).

 

Noch bis zum 30. August 2015 (außer montags)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr, Donnerstag von 11:00 bis 21:00 Uhr
„4 REAL & TRUE 2“ – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien.“
Museum Kunstpalast
Kulturzentrum Ehrenhof
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Eintritt: 12 Euro, Audioguide: 3 Euro

Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez - Ein Sommerdialog.Der Mann, die Frau, im Garten, es ist Sommer, eine Theaterszene: Wie war dein erstes Mal mit einem Mann, fragt der Mann die Frau und sie erzählt – ganz anders als der Mann es erwartet hätte. Der Mann wiederum erzählt vom Schlosspark von Aranjuez, genauer: von seiner Suche nach dem „Haus der Landarbeiters“, ein „Lustschloss“ im Park des Königspalastes, das er sich in seinen Träumen ganz anders vorgestellt hatte. Beide Geschichten handeln von der Sehnsucht („Jedes Wesen sucht einen Anderen, selbst der Einzeller“), dem Drang zum Einswerden mit der Welt, zum Vergessen, zum Glück. Doch in den „Sommerdialog“ der beiden, in die Momente des elysischen Gartens ihres Mit-Teilens, des erzählenden Sich-Nahekommens dringen zum Ende des Stücks hin Geräusche der Zivilisation ein – ein Hupen, eine Alarmanlage, ein Helikopter, Polizeisirenen, Krankenwagen: Die schönen Tage von Aranjuez sind zu Ende. Alles vergeblich.

Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog. Berlin, 2012. 70 Seiten, 12 Euro 99. Als E-Book (730 Positionen) 11 Euro 99 (Kindle Edition)

Weitere Beiträge

„Die schönen Tage in Aranjuez“ bei Friedrich Schiller

Valeat über Peter Handke: Immer noch Sturm

Handke wird 70

Peter Handke: Über Autoren und Kritiker

Peter Handke (links) wird 70. Plakat von der Frankfurter Buchmesse, 10.10.2012
Peter Handke wird 70. Auf den Plakaten v.l.n.r.: Peter Handke, Ursula Krechel, Lukas Meschik. Am Stand des Verlags Jung und Jung, Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: (c) Valeat

Den Kopf hat er in den Nacken geworfen. Es ist, als schaue Peter Handke zur Decke – oder hat er die Augen geschlossen, sinnierend, vielleicht irritiert? Ursula Krechel schaut von rechts zum nur fünf Jahre älteren Kollegen. Bewunderung und Sympathie für den österreichischen Schriftsteller scheinen in ihrem Blick zu liegen. Das Foto der Krechel stammt nicht aus dem Jahr 2012, als sie den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Der junge Mann ganz rechts auf dem Plakat ist Lukas Meschik, ein junger Schriftsteller aus Wien, gerade mal 24 Jahre alt. Als unser Dichterfürst so alt wie Meschik jetzt war, gelang ihm der Durchbruch, damals, im Jahr 1966, als er bei einem Treffen der Gruppe 47 in Princeton von „Beschreibungsimpotenz“ sprach und den damaligen Literaturbetrieb verschmähte. Im selben Jahr folgten „Die Hornissen“ und „Publikumsbeschimpfung“. Seine Werke wie „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder „Der kurze Brief zum langen Abschied“ wurden von der Kritik hochgejubelt. 1973 erhielt Peter Handke den Georg-Büchner-Preis. Viele Preise, viele Werke folgten. Wegen seiner Haltung zu Serbien wurde er in den 1990er Jahren kollektiv geschmäht. Peter Handke zählt zu den bedeutendsten deutschprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Er hat den Kopf in den Nacken geworfen – müde wirkt er nicht. Peter Handke wird am 6. Dezember 70 Jahre.

Mehr von Valeat zu Peter Handke:
Immer noch Sturm

Das ist doch nachzulesen, dass die Autoren immer feiger und ängstlicher schreiben, auch weil das Lesepublikum zurückgegangen ist, immer darauf bedacht, die gerade gefundenen Lösungen für alle Nöte, die die Kritiker propagieren, nachzubilden. Das ist doch der entscheidende Grund für die ideologische, künstlerische, für die ganze Harmlosigkeit der meisten jetzt hergestellten Literatur: dass nie jemand etwas zu schreiben wagt, was grad als abgetan propagiert wird. Ein Autor der sich nicht darum kümmert, der muss allerdings sehr, sehr stark, sehr unbeirrbar, der muss fast ein halber Irrer sein, damit er das durchhält.

Peter Handke (Jahrgang 1942) im Interview mit Literaturen Nummer 108 (Winter 2012)

Der achte Mai neunzehnhundertfünfundvierzig, das war der Tag, an dem mir aufgegangen ist, so klar und fest wie vorher noch an keinem Tag, wie schön es ist, dieses Jaunfeld, mitsamt dem feinsten aller Düfte, dem Duft der Lindenblüten – wie schön es doch wirklichwahr ist, nasa lepa Koroska, unser schönes Kärnten.
Peter Handke, Immer noch Sturm

Ich liebe Handke für seine wunderbare Sprache. „Immer noch Sturm“ bietet mehr als einen schönen Satz. „Immer noch Sturm“ ist ein Theaterstück, könnte man meinen, wenigstens ist es in diesem Jahr in Salzburg uraufgeführt worden. Auf den ersten Blick kommt das Werk aber eher prosaisch daher, auf 166 Seiten, Großdruck, mindestens 16-Punkt-Schrift, eingeteilt in fünf Abschnitte, die wir Akte, Bilder, Strophen oder Kapitel nennen könnten.

Handke erzählt in „Immer noch Sturm“ die Geschichte einer Familie während des 2. Weltkriegs in Kärnten, an der Grenze zu Slowenien, eigentlich malt er uns ein bewegtes Stillleben: Im Zentrum dieses Gemäldes steht eine Bank im Jaunfeld, wo sich die Familie trifft. Das erzählende Ich sieht sich und seine Familie dort in der Vergangenheit, noch im Kinderwagen liegt das Kind einer Kärtnerin und eines deutschen Vaters, der der Mutter aber schnell abhanden gekommen ist. An der Bank unter dem Apfelbaum trifft sich die Familie, sie treten auf die Bühne unseres Stilllebens und verschwinden wieder, die Großeltern, die Mutter, zwei Brüder und die Schwester: Sie erzählen uns ihre Lebensgeschichte; wir erfahren von Unterdrückung und vom Widerstand gegen Nazideutschland, schließlich von der Enttäuschung, dass Widerstand und Geradlinigkeit im Nachkriegskärnten nichts zählen.

„Immer noch Sturm“ ist viel mehr als nur ein schöner Satz.

Peter Handke: Immer noch Sturm. Berlin 2010.