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Was NSA und Internetkonzerne wie Google oder Facebook betreiben, ist kein Datensammeln aus Spaß an der Freud. Auch hat es wenig mit dem zu tun, was Sie oder ich unter nationaler Sicherheit verstehen. Ziel des Spiels ist das Erreichen von Vorhersehbarkeit und damit Steuerbarkeit von menschlichem Verhalten im Ganzen. Das funktioniert heute schon erschreckend gut. Wer genügend Informationen über die Lebensführung eines Einzelnen miteinander verbindet und auswertet, kann mit erstaunlicher Trefferquote voraussehen, was die betreffende Person als Nächstes tun wird – ein Haus bauen, ein Kind zeugen, den Job wechseln, eine Reise machen. Bald wird das »Internet der Dinge« seine volle Wirkung entfalten. Dann wird Ihr Kühlschrank aufzeichnen, was Sie essen, und Ihr Auto, wohin Sie fahren. Ihre Armbanduhr wird Blutdruck, Kalorienverbrauch und Schlafphasen auswerten. Rauchmelder und Alarmanlage in Ihrem Haus werden sich merken, wann Sie wie viel Zeit in welchen Räumen verbringen. Welche Bücher Sie kaufen, mit wem Sie mailen oder telefonieren, für welche Filme, Musik oder politischen Themen Sie sich interessieren, ist ja sowieso schon lange bekannt.

Juli Zeh in einem „Offenen Brief an die Bundeskanzlerin“ – ZEIT vom 15. Mai 2014

Zeit vom 8. Mai 2014

… dass ausgerechnet Ernst Jünger das Smartphone erdachte. 1949 erscheint sein futuristischer Roman Heliopolis – eine seltsam verschrobene Zukunftsvision, in der die Figuren »Phonophors« mit sich herumtragen, kleine Geräte, die man in der linken Brusttasche trägt, »ungemeine Vereinfacher«, mit denen man telefoniert, Volksbefragungen durchführt, zahlt, mit denen man sich im Raum orientiert. Der Phonophor zeigt die Wettervorhersage, er gibt »Einblick in alle Bücher und Manuskripte«. Er kann als »Zeitung, als ideales Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwandt werden«. An sich, sagt ein Protagonist in Heliopolis recht fröhlich, sei das Gerät nichts Besonderes, es vereine nur die Fähigkeiten von herkömmlichen Nachrichtendiensten, mit dem Unterschied allerdings der »Verdichtung in einen kleinen Apparat« – sodass man meint, es sei der Übergang von der Technik »zur reinen Magie gelungen«. Und von »der Volksherrschaft in reine Despotie«. Dies nicht nur deshalb, weil für Jünger beständige politische Partizipation aller Bürger eh eine totalitäre Vorstellung ist, sondern weil mithilfe des Phonophors der Ort, an dem man sich befindet, »immer feststellbar« ist: »Das ist unschätzbar für die Polizei.«
Jünger hat der brutalen Zufallserfahrung der kriegerischen Moderne das Zeitalter einer weltumspannenden Kommunikation und Kontrolle gegenübergestellt, das kaum noch Verbrechen kennt. Die Welt der bewachten Bewacher mag unfreier sein als die der alten Kontingenz. Aber um so viel sicherer, um so viel geborgener und vorhersehbarer ist das allerneueste Zeitalter der Technik geworden, dass es keine Auflehnung provoziert.

Adam Soboczynski (Schriftsteller, Jahrgang 1975) in der ZEIT vom 8. Mai 2014. Soboczynski thematisiert in seinem Beitrag „Rechtlos? Aber sicher!“ das moderne Dilemma: Mit dem Internet und seiner Omnipräsenz in unserer Lebenswelt gestaltet sich der menschliche Alltag zwar einfacher und sicherer, der Mensch wird aber unfrei. Soboczynski spricht vom Wandel von einer Kontingenz zur Providenz, also vom Zufall oder Geheimnisvollen zum Vorhersehbaren und Kontrollierbaren. Im Kern sind unsere Denk- und Verhaltensstrukturen mit denen der NSA vergleichbar: Alles unter Kontrolle.