Ein orbánisches Europa wäre kein Europa mehr; Europa muss zu solidarischer Hilfe finden. Aber Deutschland darf seine Hilfe nicht unter europäischen Vorbehalt stellen, unter den Vorbehalt also, dass die anderen auch alle helfen. „Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, wird keiner anfangen!“ Der Satz stammt aus bitterer Zeit, er stammt aus den Flugblättern der Geschwister Scholl. Diese Worte gehören nicht nur in das Museum des Widerstands gegen Hitler. Jeder muss heute für sich nachdenken, was das heute sagt, und wozu das heute verpflichtet – die EU-Staats- und Regierungschefs auch.


Heribert Prantl
in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 7. September 2015

Es gibt aber eine neue fünfte Gewalt; so nennt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen das Internet und die „vernetzten vielen“. Dort findet man wunderbar kluge Gedanken, dort findet man aber auch bestürzend hässliche Tiraden; dort findet man Hass und Hetze; dort findet man Rationalität wie Irrsinn. Nicht nur auf den Straßen, auch im Netz muss eine aufgeklärte Zivilgesellschaft für die dritte deutsche Einheit streiten. Es darf nicht zum Netz der Exklusion werden.

Heribert Prantl in einem Kommentar über die „dritte deutsche Einheit“, unter der er die Vereinigung mit den Zuwanderern versteht. Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2015

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Munros Erzählstimme kann sehr genau und detailliert sein, wenn es darum geht, ein Milieu zu entwerfen, eine Tür zu öffnen und den Leser ins Bild zu setzen. Dann aber bleibt vieles von dem, was einem beim Lesen bewegt, unausgesprochen. Munro vertraut dem Lesenden bald, sich hineingefunden zu haben in das, was ihre Figuren beschäftigt. Vielleicht ist es auch das, was nach ihren Geschichten so süchtig machen kann: dass die eigene Vorstellungskraft so viel zu tun bekommt.

Katrin Bettina Müller (Jahrgang 1957) in der taz vom 11. Oktober 2013

 

Bislang war Alice Munro zumindest in Deutschland eine Schriftstellerin, die zwar gelesen und geschätzt, aber nicht zu den wirklich großen Autoren unserer Zeit gezählt wurde – und das, obwohl fast ihr gesamtes Werk schon seit geraumer Zeit in den ausgezeichneten Übersetzungen von Heidi Zernig vorliegt. Wenn sich das jetzt ändern wird – und es spricht viel dafür -, dann wird das auch daran liegen, dass sich eine spezifisch kanadische Erfahrung der Enge mittlerweile so leicht auf globale Verhältnisse übertragen lässt. „Wie erstaunlich das ist. Wie nah am Erschrecken“, heißt es in der Erzählung „Entscheidung“, deren Rahmen eine Zugfahrt von Vancouver nach Osten bildet. Sie endet mit dem Beginn einer Freundschaft.

Thomas Steinfeld (Jahrgang 1954) in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Oktober 2013

 

Die Akademie war offensichtlich entschlossen, die Debatte um den Literaturnobelpreis in diesem Jahr zu entpolitisieren, und würdigt deshalb eine große Autorin unserer Zeit, deren Werk aus Alltagsgeschichten besteht, die von dem erzählen, was immer schon ganz einfach und unendlich kompliziert zugleich war: menschliches Glück und Unglück.

Hubert Spiegel (Jahrgang 1962) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Oktober 2013

Die Causa Wulff ist ein Lehrstück für die Pressefreiheit. Diese Pressefreiheit ist nicht dafür da, Journalisten lust- und machtvolle Gefühle zu verschaffen. Sie ist nicht die Freiheit zur Selbstermächtigung und Selbstbefriedigung, die in einem Rücktritt den Höhepunkt findet. Sie ist für die Demokratie da; und Demokratie ist etwas anderes als eine Meute, die Beute will.

Heribert Prantl (Jahrgang 1953) in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2013

Seltsame Tierliebe – mit diesem Thema macht die Südddeutsche Zeitung vom Wochenende auf. Hintergrund: 5,4 Millionen Hunde und 8,5 Millionen Katzen leben in Deutschland und die Deutschen geben für ihre Lieblinge vier Milliarden Euro im Jahr aus, so die Zeitung: Das Unterhaltungs- und Betreuungsangebot werde immer vielfältiger, „vom Tiertaxi über den Welpenschwimmkurs bis zur Luxus-Privatklinik für Kleintiere“. Nach einer Studie der Psychologin Silke Wechsung von der Universität Bonn stellen 35 Prozent der Hundehalter ihr Tier in den Mittelpunkt ihrer Lebensorientierung. Bild: Ausschnitt der Titelseite der Süddeutschen Zeitung vom 9./10. März 2013.

Von der Hinterwaldener Rundschau bis hin zum Feldwiesen-Anzeiger, fast alle Tageszeitungen bieten heute eine App für das iPad. Auch die beiden Flaggschiffe der seriösen deutschen Presse, die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sind stolz auf eigene Anwendungen für die stylische Multifunktionstafel von Apple.

FAZ und SZ, hier die Ausgaben vom 13.08.2012, auf dem iPad: Besser als gedruckt?

Ich habe mir die beiden Apps von FAZ und SZ angeschaut. Meine Meinung: Zeitung und iPad vertragen sich nicht. Gleichwohl: Die Quadratur des Kreises zwischen neuem Internet- und traditionellem Printmedium gelingt der FAZ besser, und zwar deshalb, weil sie mit der Aufgabenstellung konservativer umgeht – wie sich das für eine konservative Zeitung schließlich auch gehört.

Kleiner Exkurs dazu: Zeitungen schaffen einen informationellen Mehrwert für den Leser dadurch, dass sie die Nachrichten des Tages strukturieren und ihrer Wichtigkeit nach durch ein durchdachtes Layout veranschaulichen: Das Wichtigste zuerst und oben und groß und fett und im Zentrum. Hier kleinere Headlines, da Sublines, dort ein Vorspann, hier ein Kommentar, dort Bilder, Infografiken, Kurznachrichten. Ich blättere durch die Zeitung, mit meinen Augen scanne ich Headlines und Bilder. Manchmal bleibe ich hängen: Ich finde die Nachricht, die mich interessiert. Schnell und intuitiv – durch eine übersichtliche Präsentation. Zeitungen gewichten und schaffen Übersicht, das ist ihr Charakter oder neudeutsch USP.

Die FAZ bietet in ihrer iPad-Anwendung ein hundertprozentiges Abbild der gedruckten Ausgabe mit allem, was dazugehört, auch mit Werbung, Todesanzeigen und Fernsehprogramm. Die einzelnen Artikel können durch Gesten direkt am Bildschirm ganz leicht herangezoomt werden. Wem das noch nicht reicht, kann durch Bildschirmberührung die pdf-Ansicht der Zeitungseite verlassen und gelangt zur Einzelansicht des Artikels, wo er zwischen drei Textgrößen wie bei einem E-Book-Reader auswählen kann. Kurzum: Die FAZ auf dem iPad bietet das klassische Zeitungsdesign, das ist ihre Stärke.

Ganz anders die SZ, die die App mehr in Richtung Internet interpretiert hat, multimedial, sogar mit einer Videokolumne auf der Titelseite. Schade, dass man auf dieser Seite wesentlich weniger Informationen als bei der gedruckten Ausgabe findet. Darüber hinaus gibt es beispielsweise auf Titelseite vom 13. August 2012 nur vier thematische Übereinstimmungen zwischen iPad- und Printversion, fünf, wenn man das Aufmacherfoto dazurechnet – zu wenig, finde ich: Die Anordnung bietet keine Orientierung, man verliert sich auf Dauer im Gewirr gleichrangiger Meldungen. Im Gegensatz zur FAZ keine Werbung, keine Todesanzeigen, kein Fernsehprogramm. Die App der SZ wirkt insgesamt steril und flach, seltsam leblos. Schade eigentlich, denn die SZ hat das in ihrem E-Paper mit vielen interessanten Features grandios gelöst. Warum nicht genauso beim iPad?

Mein Fazit erinnert an einen Spruch aus meiner Kindheit: Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt. Denn jetzt weiß die Wissenschaft, ja ganz gewissenhaft, dass sich die Fahrt zum Mond nicht lohnt. Drum hat sich die Fahrt zum Mond doch gelohnt. Will sagen: Ich weiß jetzt, dass ich die Zeitung weiterhin viel lieber auf Papier gedruckt lese und die Lektüre über das iPad keine wirkliche Alternative darstellt. Ob der geringere Preis der iPad-Ausgabe ein Argument ist, möge ein jeder selbst entscheiden: Die Einzelausgabe der FAZ fürs iPad kostet zum Beispiel 1,59 Euro gegenüber 2,10 Euro für die Printausgabe.

Noch einen Nachschlag? Beide Apps bieten die Zeitung schon am Vorabend an, die FAZ um halb zehn, die SZ zweieinhalb Stunden früher schon. Das ist für Informationsjunkies sicherlich von Vorteil. Beim Download über W-LAN ist die FAZ mit handgestoppten 23 Sekunden für die angesprochene Montagausgabe deutlich schneller. Die SZ brauchte in meinem Test sage und schreibe vier Minuten und 32 Sekunden, allerdings konnte man „schon“ nach einer guten Minute mit der Lektüre beginnen und sich den langen Download auf diese Weise etwas verkürzen. Wenn man das will.