Populistische Parteien haben eine gemeinsame soziale Basis für den Aufstieg. Es sind nicht nur die unteren Schichten, es sind vor allem die alte Arbeiterklasse und die untere Mittelschicht, die an Boden verloren und Angst vor einer weiteren Deklassierung haben. Andere fürchten, sie würden komplett in die Armut abrutschen. Alle zusammen bilden die Gruppe derer, die in Amerika für Trump stimmen, in Polen für Kaczyński, in Ungarn für Orbán und in Frankreich für Marine Le Pen.
Francis Fukuyama (Jahrgang 1952) im Gespräch mit Thomas Assheuer und Michael Thumann in der ZEIT vom 17. März 2016
„London (dpo) – Das haben sie sich redlich verdient: Wie eine aktuelle Studie der Nichtregierungsorganisation Oxfam ergab, sind die 62 fleißigsten Menschen auf dem Planeten genauso wohlhabend wie die 3,7 Milliarden faulsten Menschen der Weltbevölkerung zusammen. Das Ergebnis der Untersuchung zeige deutlich, dass sich persönlicher Einsatz im Job immer auszahle, so Oxfam.“
Das ist der absolute Newcomer im Ranking bei Valeat. Bereits 2011 veröffentlicht, bekam er in dieser Woche wieder viele Klicks. Ob das am Armutsbericht liegt, der vergangenen Donnerstag veröffentlicht worden ist?
Es gibt eine elitäre Parallelgesellschaft, in der ein eisiger Jargon der Verachtung herrscht und kaum Interesse an gesellschaftlichen Integrationsproblemen. Es gibt also keine Auseinandersetzung mit dem, was in unserer Gesellschaft geschieht. Es geht den Reichen bei ihrer Abschottung um die Sicherung ihres Status. Insofern gibt es sozusagen einen Klassenkampf von oben.
Wilhelm Heitmeyer in einem Interview mit der ZEIT, 22. Dezember 2011
12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm. Das sagt der am 19. Februar 2015 vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband vorgestellte Armutsbericht für das Jahr 2013; für 2014 liegen noch keine Daten vor. Als „arm“ gilt derjenige, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung hat. Die Armutsquote in Deutschland liegt 2013 durchschnittlich bei 15,5 % – um 0,5 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Am höchsten ist die Armutsquote in Bremen (24,6 %), Mecklenburg-Vorpommern (23,6) und Berlin (21,4 %). Die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wenigsten Armen haben die Bundesländer Hessen (13,7 %), Baden-Württemberg (11,4 %) und Bayern (11,3 %). Bild: Werbeplakat „Armut macht krank“ der Caritas an einem Fußballplatz. (c) Valeat.
Wer besucht Gymnasien und Universitäten? Sehr oft, viel öfter als noch vor 30 oder 40 Jahren, sind es die Kinder der Mittelschicht. Ein durchschnittlicher Studienplatz an einer Universität kostet den Staat rund 600 Euro im Monat. Wer geht in staatlich bezuschusste Theater, in Museen, Galerien, Opernhäuser? Würde man all die indirekten Zahlungen dazuzählen, sähe man, wie sehr der Staat die Mittelschicht verwöhnt.
Sollte wieder einmal ein Buch über sie erscheinen, dann müsste im Klappentext stehen: »Deutschlands dicke Mitte. Sie gibt dem Staat viel, holt sich von ihm alles unauffällig zurück, lässt sich verhätscheln und beglücken – doch sie hört nicht auf zu jammern.« Aber wer will sich schon die eigenen Lebenslügen vorhalten lassen?
Stefan Willeke im Titelthema „Die Lüge von der armen Mittelschicht“, Zeit vom 5. Februar 2015
Zeit vom 05.02.2015: Die Lüge von der armen Mittelschicht
Dann (im Jahr 2030, Anmerkung von Valeat) gehen die geburtenstarken Jahrgänge von 1965 in den Ruhestand. Das dürften so um die 1,1 Millionen neue Rentner pro Jahrgang sein. Dem stehen die Geburten der Jahrgänge 2008 bis 2012 gegenüber – das sind jeweils 650.000. Von diesen 650.000 verlieren wir aber die Qualifziertesten, rund 100.000, ans Ausland, beispielsweise jeden dritten Jungmediziner. Alarmierend ist auch, dass rund 20 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen verlassen. Die fallen nicht nur für den Arbeitsmarkt aus, sondern müssen mitversorgt werden. Am Ende bleiben so pro Jahrgang um die 420.000 junge Leute, die die Rentnerschwemme und alle andern Soziallasten schultern müssen. Das soziale Chaos kündigt sich an.
Jürgen Borchert (Sozialrichter a. D.) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 27./28. Dezember 2014
Wohlstand: Zeit statt Geld. Über den Aussteiger Gerrit von Jorck – in Spiegel online.
Da lebt einer von vier Euro am Tag. Sein Lieblingsessen: Reispfanne mit Möhre, Zwiebel, Paprika, Gurke für anderthalb Euro. Ich bin beeindruckt. Sein Studium der Volkswirtschaftslehre in Köln hat er mit 1,0 abgeschlossen, doch er hat sich nach dem Studium keiner standesgemäßen Karriere unterworfen, sondern entschieden, dass ihm Zeit wichtiger als Geld sei. Nun studiert er Philosophie in Berlin.
Kurz vor Weihnachten veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Frankfurt die Armutsquote in Deutschland: 4,9 Prozent der deutschen Bevölkerung gelten demnach als richtig arm oder wie es in der Fachsprache heißt „erheblich materiell depriviert“. Europaweit sind es sogar 9,9 Prozent.
Erhebliche materielle Entbehrung (Deprivation) liegt nach EU-Definition dann vor, wenn aufgrund einer Selbsteinschätzung mindestens vier dieser folgenden neun Kriterien erfüllt sind:
1. Ich kann die Miete nicht immer rechtzeitig bezahlen.
2. Ich kann die Wohnung nicht richtig heizen.
3. Ich habe kein Geld für unerwartete Ausgaben.
4. Ich habe kein Geld, mehrmals die Woche Fleisch oder Fisch für die Mahlzeiten zu kaufen.
5. Ich kann noch nicht einmal eine Woche im Jahr in den Urlaub fahren.
6. Ich kann mir kein Auto leisten.
7. Ich kann mir keine Waschmaschine leisten.
8. Ich kann mir keinen Farbfernseher leisten.
9. Ich kann mir kein Telefon leisten.
Wir [die Amerikaner, Valeat] haben wohl besonders verinnerlicht, dass die Regierung alleine nicht in der Lage ist, alle Probleme zu lösen. Regierungen sind dafür einfach nicht schnell und innovativ genug. Diese Einstellung geht zurück auf Carnegie und Rockefeller. Eine Vielzahl medizinischer Errungenschaften wurde zum Beispiel von Rockefeller finanziert. Sie verstanden auch früh, dass Marktwirtschaft keine Rücksicht auf Arme nimmt. Wohltätige Stiftungen spielen also eine wichtige Rolle in Amerika. Es ist großartig für mich zu erleben, dass diese Einstellung sich immer mehr durchsetzt. Mittlerweile betätigt sich jeder, der zu Reichtum gelangt ist, philanthropisch. Je mehr sich beteiligen, desto mehr fühlen sich angesprochen. Man könnte sagen, wir sind die kritische Masse der amerikanischen Gesellschaft.
Bill Gates (Jahrgang 1955) im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 30. Januar 2013
Man kann sich auf zwei Wegen politisch für die Gerechtigkeit einsetzen: man versucht, die bestehenden Institutionen zu reformieren – das ist der Weg, den ich gehe. Oder man versucht, den Schaden, den die Institutionen angerichtet haben, abzumildern. Dazu gehören Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen. Ein Burn-Out ist beim ersten Weg besonders wahrscheinlich. Es ist deprimierend, sich mit Politikerin herumzuschlagen, denen es wirklich scheißegal ist, was bei den Armen passiert – oder die es nur interessiert, wenn es gerade fotogen ist. Entwicklungshelfer hingegen gehen immer wieder in die Länder, weil sie die Erfolge sehen. Es sind zwar immer noch unendlich viele Menschen arm, aber in diesem einen Dorf geht es bergauf.
Thomas Pogge (Jahrgang 1953) im neuen Magazin „The Germans“, Ausgabe 2, Januar/Februar 2013
Der Begriff „helfen“ ist schon irreführend. Wenn ich ein Kind überfahren habe und bringe es ins Krankenhaus, wäre es schief zu sagen, ich helfe ihm. Ich versuche sicherzustellen, dass der Schaden, den das Kind durch meine fahrlässige Fahrweise erlitten hat, so gering wie möglich ausfällt. So sollten wir es auch sehen: Wir helfen nicht den Bewohnern der armen Weltregionen, wir machen erst einmal den Schaden wieder gut. Wenn wir unseren Teil gut gemacht haben und dann noch weitermachen, erst dann kann man von „Hilfe“ sprechen.
Thomas Pogge (Jahrgang 1953) im neuen Magazin „The Germans“, Ausgabe 2, Januar/Februar 2013