Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

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  1. Flüchtlinge
  2. Je suis Charlie
  3. Grexit
  4. Selektorenliste
  5. Mogel-Motor
  6. durchwinken
  7. Selfie-Stab
  8. Schummel-WM
  9. Flexitarier
10. Wir schaffen das!

Aus: Gesellschaft für deutsche Sprache – Wort des Jahres 2015

Wort des Jahres 2014
Wort des Jahres 2013
Wort des Jahres 2012
Wort des Jahres 2011

© Jérôme Rommé
Sprechen Sie Deutsch? In hundert Jahren könnte es nach Ansicht des Linguisten Martin Haspelmath durchaus sein, dass selbst eine große Sprache wie Deutsch kaum noch gesprochen wird. Foto: © Jérôme Rommé, Fotolia.com

Wenn sich die gegenwärtigen Trends der Globalisierung fortsetzen, spricht vielleicht in hundert Jahren kaum jemand mehr Deutsch. Ich hänge sehr am Deutschen, wirklich, aber einzig aus sentimentalen Gründen hat noch keine Sprache überlebt. Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoller ist, und wenn ein Volk keine großen Berührungsängste mit einer größeren Nachbarsprache hat, kann auch eine große Sprache aufgegeben werden.

Martin Haspelmath im Interview mit Andreas Frey in der Süddeutschen Zeitung, 24. Oktober 2015

In hundert Jahren kein Deutsch mehr? Kaum zu glauben. Dafür Französisch, Flämisch, Dänisch, Polnisch oder Tschechisch? In der Wissenschaft hat Englisch dem Deutschen längst schon den Rang abgelaufen. Diese Erfahrung
überträgt der Linguist Haspelmath auf alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft.

Es sind nicht sentimentale Gründe, wie Haspelmath meint, warum wir an unserer Muttersprache (die Sprache der Mutter, aus deren Schoß wir geboren sind, die uns genährt hat) festhalten müssen: Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Fehlen uns bestimmte Wörter (und dazu die Grammatik als indigene Rezeptur, diese Wörter Sinn stiftend zusammenzusetzen), können wir bestimmte Dinge nicht mehr denken. Was wird aus unserem Denken, wenn wir die Muttersprache gänzlich verlören? Das wäre doch schade, meint Valeat, manchmal wenigstens.

Mehr bei Valeat zu diesem Thema:
Kleines Lexikon der untergegangenen Wörter

In der Welt sein. Foto:  (c)  Jürgen Fälchle, fotolia.com
In der Welt sein. Foto: (c) Jürgen Fälchle, fotolia.com

Es ist wunderbar, dass unsere Sprache fähig ist, mit dem gleichen Wort das sinnliche und das Intelligible auszudrücken, eben den „Sinn“. Man könnte vielleicht sagen, dass alles Denken, ob man es nun Philosophie oder „religiöses System“ nennt, dass all dieses Denken dazu dient, Kontakt und Beziehungen herzustellen. Im Gegensatz dazu sind am Mord, Krieg, physische, wirtschaftliche, kulturelle, symbolische Aggression usw. bestimmte Weisen, den Kontakt zu brechen, ihn zu verhindern, oder etwas anderes als Kontakt zu erzeugen: einen Stoß, eine Verletzung. Und deshalb ist der Sinn der Welt vielleicht bloß die Möglichkeit, sich auf empfindsame, sinnliche und intelligente Weise wirklich in der Welt zu fühlen – denn die Intelligibilität ist nichts anderes als die Empfindsamkeit des Denkens. Wie Heidegger sagt: „In-der-Welt“. Und „In-der-Welt“ heißt etwas anderes, als „im Wasser“ oder „in der Flasche“ zu sein. „In-der-Welt“ heißt: Teil der Welt sein – oder in der Welt ein Teil sein. Was ist eine Welt? Eine Welt ist die Gesamtheit von Sinn, der im Umlauf ist.

Jean-Luc Nancy im Interview mit der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“. Aus: Hohe Luft kompakt – die großen Philosophen unserer Zeit im Gespräch.

Mehr zur Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“ >>>

Sprachlich bleibt er dabei ganz auf dem Niveau seines Gegenstandes. Eine erfolgversprechende Schreibweise, weil das kleinbürgerliche Selbstbewusstsein der Zielgruppe solcher Literatur auktoriale Arroganz gegenüber Figuren sofort wittern und heftig ablehnen würde. Thomas Mann etwa bekäme heute keinen Bestseller hin und zöge sicher manchen Shitstorm auf sich. Verstanden fühlt man sich dagegen im Lebenshilfe-Jargon.

Marie Schmidt in einer Rezension über den neuen Roman „Gegenspiel“ von Stephan Thome in der Zeit von 15. Januar 2015.

Lange deutsche Komposita: Ben Schott hat für sein Buch "Schottenfreude" neue deutsche Wörter erfunden.
Lange deutsche Komposita: Ben Schott hat für sein Buch „Schottenfreude“ neue deutsche Wörter erfunden.

 

Ursprünglich habe ich die Wörter für Engländer erfunden. Wir verwenden sowieso gern deutsche Wörter. Vor allem Leute, die gebildet klingen wollen, sagen dauernd Dinge wie „Zeitgeist“, „Schadenfreude“ oder „Wunderkind“. Tatsächlich lassen sich diese Germanismen aber auch nicht exakt ins Englische übersetzen – selbst wenn man sie vermeiden wollte.

Ben Schott (Jahrgang 1974) in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 19. November 2013. Darin stellt er sein neues Buch „Schottenfreude“ vor – mit Wortneuschöpfungen in deutscher Sprache: Seine Wörter beschrieben Gefühle, die jeder kenne.

 

Schreiben ist ein Spiel mit dem Tod. Foto: (c) flucas - Fotolia.com

Ich sehe die Philosophie als eine Suche nach Wahrheit, was eine gewisse Ernsthaftigkeit des Geistes voraussetzt, während es in der Literatur um etwas anderes geht. Schreiben ist ein Spiel mit dem Tod. Wenn man sich auf das Schreiben eines Romans einlässt, muss man eine Sprache finden. Die Sorge, eine eigene Sprache zur Welt zu bringen, nimmt in den Augen des Schriftstellers eine tödliche Gewichtigkeit an, wird für ihn zu einer lebenswichtigen Frage.

Imre Kertész (Jahrgang 1929) in Philosophie Magazin Nummer 5/2013

Das Beste wären also Fragen, die sich daran orientieren, was man wirklich wissen will, was einen interessiert, und nicht an dem, was man fragen zu wollen glaubt. Antworten, die die Dinge benennen, statt ihre wahre Bedeutung zu verstecken. Politiker und Journalisten, die den Unterschied erkennen und einen Unterschied machen wollen. Eine Sprache, die zum Denken führt, und umgekehrt. Egal, ob in 350 Zeilen oder 140 Zeichen.

Tina Hildebrandt (Jahrgang 1970) über Hoffnungen für das Jahr 2013 in der ZEIT vom 27. Dezember 2012, Seite 3

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1. Rettungsroutine
2. Kanzlerpräsidentin
3. Bildungsabwendungsprämie
4. Schlecker-Frauen
5. wulffen
6. Netzhetze
7. Gottesteilchen
8. Punk-Gebet
9. Fluch-Hafen
10. ziemlich beste …

Am 14. Dezember hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) die Wörter des Jahres bekanntgegeben. „Rettungsroutine“ ist Wort des Jahres 2012:

Platz 1 – Rettungsroutine: Dieses Wort spiegelt nicht nur das schon seit einigen Jahren dauerhaft aktuelle Thema der instabilen europäischen Wirtschaftslage wider, sondern beschreibt zudem die zahlreichen und wiederkehrenden Maßnahmen, die bisher zur Stabilisierung unternommen wurden. Sprachlich interessant ist die widersprüchliche Bedeutung der beiden Wortbestandteile: Während eine Rettung im eigentlichen Sinn eine akute, initiative, aber abgeschlossene Handlung darstellt, beinhaltet Routine – als Lehnwort aus dem Französischen – eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung.

Platz 2 – Kanzlerpräsidentin: Auf Platz 2 begegnet uns Angela Merkel als Kanzlerpräsidentin. Hier zeigt sich auf sprachlicher Ebene ein insofern bemerkenswertes Phänomen, als das Hauptwort dieses Kompositums Präsidentin ist, obgleich Merkel eigentlich ja Kanzlerin ist. Es stehen sich also zwei gleichwertige Wortbestandteile gegenüber, deren Kopf sich nicht eindeutig bestimmen zu lassen scheint, wodurch eine Deutung offen bleibt. So legt die deutsche Bundeskanzlerin ab und an auch die neutralen und zurückhaltenden Eigenschaften eines deutschen Bundespräsidenten an den Tag.

Platz 3 – Bildungsabwendungsprämie: Als gelungener Kampfbegriff der Gegner des Betreuungsgelds belegt die Bildungsabwendungsprämie Platz 3 der Liste. Das ganze Jahr über in der Diskussion erhitzte sie nicht nur die Gemüter der Parteien.

Platz 4 – Schlecker-Frauen: Dem Mut der Schlecker-Frauen soll auf Platz 4 sprachlich ein Denkmal gesetzt werden: Kontinuierlich berichteten die Medien über ihr Schicksal und die Ungewissheit darüber, was nach der Insolvenz der Drogeriekette mit ihnen geschehen würde.

Platz 5 – wulffen: Wieder hat ein Politiker es geschafft, durch seine Handlungen bzw. Nichthandlungen ein neues Verb zu prägen, das gleich mehrere Bedeutungen vereint. So steht wulffen auf Platz 5 nicht nur für das Hinterlassen wütender Nachrichten auf einem Anrufbeantworter, nicht nur für illegitime Vorteilsnahme, sondern auch dafür, mit der Wahrheit nicht im Ganzen, sondern »scheibchenweise« nach und nach herauszurücken.

Platz 6 – Netzhetze: Als deutsche Entsprechung zum in diesem Jahr viel gehörten und verübten intermedialen Shitstorm – und durch ihre partielle Reduplikation sowie die Kakophonie die negative Bedeutung hervorhebend – wurde die Netzhetze auf Platz 6 gewählt.

Platz 7 – Gottesteilchen: Dem in diesem Jahr erstmals nachgewiesenen Gottesteilchen wird auf Rang 7 Ehre zuteil. War seine Existenz jahrzehntelang angenommen worden, gelang dem CERN erst in diesem Jahr mit dem Nachweis des Higgs-Bosons bzw. Higgs-Teilchens ein immenser wissenschaftlicher Durchbruch. Seinen populären, wissenschaftlich nicht verwendeten Namen erhielt das Gottesteilchen nach einem Buch, dessen ursprünglicher Titel »Das gottverdammte Teilchen« der Zensur zum Opfer fiel.

Platz 8 – Punk-Gebet: Die ganze Welt verfolgte das Schicksal der Punkband Pussy Riot, die für ihr Punk-Gebet – auf Platz 8 unserer Liste – nach einem öffentlichen Schauprozess hart bestraft wurde. Mit ihrer Inszenierung in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale hatten die Künstlerinnen sich vor allem gegen den russischen Präsidenten gerichtet.

Platz 9 – Fluch-Hafen: Verflucht scheint das Projekt des Berliner Großflughafens Willy Brandt: Aufgrund von baulich bedingten Sicherheitsmängeln wurde die für dieses Jahr geplante Eröffnung mehrfach verschoben, die Kosten stiegen in die Höhe. All dies brachte dem Airport auf Platz 9 die Bezeichnung Fluch-Hafen ein.

Platz 10 – Ziemlich beste: Abschließend wählte die Jury die Phrase »ziemlich beste …« auf Position 10. Nach dem Erfolg des Films »Ziemlich beste Freunde« zu Beginn des Jahres war diese Floskel in aller Munde und weist gleichzeitig durch die Relativierung eines Superlativs eine sprachliche Besonderheit auf.

Die Wörter des Jahres 2012 wurden am 14. Dezember 2012 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekanntgegeben. Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammensetzt, aus diesmal rund 2.200 Belegen jene zehn Wörter und Wendungen, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt haben.

Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, sind dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

Bereits seit 1971 und somit im 41. Jahr kürt die GfdS Wörter und Wendungen, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich in besonderer Weise begleitet haben.

Quelle: Pressemitteilung Gesellschaft für deutsche Sprache

Wort des Jahres 2011

 

Eine wachsende Gruppe von Studierenden ist den Anforderungen des von ihnen gewählten Studiengangs intellektuell nicht gewachsen. Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen.

Aus einem Forschungsbericht von Gerhard Wolf, Universität Bayreuth, zitiert nach Spiegel 40/2012.

Machen Computer und Smartphones dumm? Nach einer Studie der Universität Bayreuth mangelt es den Studenten an Sprachkompetenz. Foto: © Robert Kneschke, Fotolia

Das Phänomen ist relativ neu. Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht. Damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter. Die können sich kaum noch eine längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Ihr Manko ist ihnen bewusst, trotzdem scheint sie unser Anspruch an Sorgfalt zu nerven.

Gerhard Wolf befragte Professoren zur Studierfähigkeit der Studenten: Zitat aus Interview im Spiegel 40/2012, 1. Oktober 2012

 

Die Nachrichtenseiten müssen voll werden. Die Redaktion kann nicht, wie die Feuerwehr, nur arbeiten, wenn es brennt – sie hat einen festen Platz für Brände freigeschlagen; in der Einschätzung „Dachstuhlbrand“ oder „Feuersbrunst“ darf sie nicht zimperlich sein.

Wolf Schneider (Jahrgang 1925) im Essay „Wir Panikmacher“, erschienen im medium Magazin 09/2012. Schneider wirft seinen Journalistenkollegen eine Tendenz zur Hysterisierung vor. Die Phänomene „BSE“ und „Schweinegrippe“ seien eigentlich medial erzeugte Phänomene gewesen: Gänzlich unreflektiert hätten die Medien harmlose Fakten zu Katastrophen hochstilisiert und wie im Fall „Schweinegrippe“ eine ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzt. Die klaren Worte von Wolf Schneider werden der Branche künftig fehlen, denn nach Angaben des medium Magazins und der Bringmann Managemententwicklung beabsichtigt Wolf Schneider, zum 31. Dezember dieses Jahres seine Lehrtätigkeit nach über 30 Jahren zu beenden – in seinem 88. Lebensjahr. Mehr zu Wolf Schneider…