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Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges »Fluten« des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der »schwachen Membrane«, als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.
Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes.

Herfried Münkler im Beitrag „Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können“ in der ZEIT vom 11. Februar 2016 – zurzeit nur als „Print“ verfügbar (immer lohnenswert).

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Keine Angst oder: Wir brauchen starke Menschen!

In der Welt sein. Foto:  (c)  Jürgen Fälchle, fotolia.com
In der Welt sein. Foto: (c) Jürgen Fälchle, fotolia.com

Es ist wunderbar, dass unsere Sprache fähig ist, mit dem gleichen Wort das sinnliche und das Intelligible auszudrücken, eben den „Sinn“. Man könnte vielleicht sagen, dass alles Denken, ob man es nun Philosophie oder „religiöses System“ nennt, dass all dieses Denken dazu dient, Kontakt und Beziehungen herzustellen. Im Gegensatz dazu sind am Mord, Krieg, physische, wirtschaftliche, kulturelle, symbolische Aggression usw. bestimmte Weisen, den Kontakt zu brechen, ihn zu verhindern, oder etwas anderes als Kontakt zu erzeugen: einen Stoß, eine Verletzung. Und deshalb ist der Sinn der Welt vielleicht bloß die Möglichkeit, sich auf empfindsame, sinnliche und intelligente Weise wirklich in der Welt zu fühlen – denn die Intelligibilität ist nichts anderes als die Empfindsamkeit des Denkens. Wie Heidegger sagt: „In-der-Welt“. Und „In-der-Welt“ heißt etwas anderes, als „im Wasser“ oder „in der Flasche“ zu sein. „In-der-Welt“ heißt: Teil der Welt sein – oder in der Welt ein Teil sein. Was ist eine Welt? Eine Welt ist die Gesamtheit von Sinn, der im Umlauf ist.

Jean-Luc Nancy im Interview mit der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“. Aus: Hohe Luft kompakt – die großen Philosophen unserer Zeit im Gespräch.

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In der UN-Menschenrechtscharta und der Europäischen Menschenrechtskonvention werden der Geist und damit verbundene Begriffe wie etwa persönliche Gedanken, Gefühle und emotionale Zustände als Kern der Privatsphäre eines jeden verstanden. Dieses sogenannte forum internum ist untrennbar verbunden mit der Würde, Persönlichkeit und Autonomie des Menschen. Während das Datenschutzrecht bei einem „berechtigten Grund“ jedwede Verarbeitung personenbezogener Daten legalisiert, sollte aber das forum internum – die innere geistige Welt des Einzelnen – bedingungslos geschützt bleiben.

Die Freiheit der Gedanken hat absolute Gültigkeit. Falls es einen physiologischen Bezugspunkt für den Geist gibt, dann ist dies das Gehirn. Falls Gedanken eine physische, messbare Existenz haben sollten, dann sind wir mit dem Aufzeichnen von Neurodaten wohl so nah wie nie zuvor an diese herangekommen. So betrachtet, ist die Verarbeitung von Neurodaten höchst problematisch.

Dara Hallinan, Philip Schütz und Michael Friedewald (Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung) sowie Paul de Hert (Vrije-Universität Brüssel) im Beitrag „Wer kann sie erraten“ – Süddeutsche Zeitung vom 31. Januar/1. Februar 2015

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Man muss natürlich wissen: Wonach schaue ich eigentlich? Und viele Menschen brauchen eben Sicherheit oder die Bestätigung durch andere Leute. Ich bin oft gefragt worden, ob ich andere Sammler beraten könnte. Da habe ich gesagt: Ich kann ihr Leben nicht leben. Bei dem Umgang mit der Kunst geht es doch darum, dieses unsichere Terrain zu betreten, das die eigene Denkmöglichkeit neu kalibriert. Darum geht’s doch: Felder zu betreten, wo ich vorher gar nicht wüsste, dass da ein Feld sein könnte.

Wilhelm Schürmann, Kunstsammler, in monopol Rheinland 2014

Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger "Sein und Zeit" geschrieben. Foto: (c) Valeat.
Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger „Sein und Zeit“ geschrieben. Foto: (c) Valeat.

 

Am Ende aber siegte die Dichtung. Der Rezitator Oliver Mannel trug bei einer abendlichen Lesung im Hölderlinturm – also mitten im Zentrum des Schweigens des „ver-rückten“ Dichters – Rilke, Trakl, Mörike und andere vor. Der Klang, die Stimme, der Rhythmus zeigten ihre Macht, und siehe da, das Denken war am kraftvollsten, wo es aufgehört hatte, sich als Denken vorführen zu müssen. Die Offenheit des poetischen Moments, in dem sich für Heidegger die „Weltoffenheit“ zeigt oder überhaupt erst eine Welt hervorgebracht wird, ist erst dann erlebbar, wenn sie nicht gedacht, sondern gehört wird. Heidegger: „Das Wesen der Kunst ist die Dichtung. Das Wesen der Dichtung aber ist die Stiftung der Wahrheit.“

Jörg Magenau (Jahrgang 1961) in der Süddeutschen Zeitung vom 13. November 2013. Im Beitrag „Das Staunen über das Denkbare“ berichtet er über den Jahreskongress der Heidegger-Gesellschaft in Tübingen, der unter dem Motto „Martin Heidegger: Lyrik und Sprache“ stand.

 

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Denn anders als die populäre Rede suggeriert, können Hirnforscher dem Organ eben nicht beim Denken zuschauen, sondern nur Korrelationen zwischen Denkvorgängen und neuronalen Aktivitäten herstellen. Dabei ist das Auflösungsvermögen so grob, dass es »der Sicht auf die Erde durch einen Beobachter im Weltraum« gleicht, wie der Neurobiologe Joachim Pflüger treffend bemerkte. Man sieht zwar manche Gebiete heller leuchten als andere; was dort aber genau vor sich geht, weiß man nicht. Überdies geschehen die spannendsten Dinge oft im Dunkeln.

Ulrich Schnabel (Jahrgang 1962) in der ZEIT vom 29. August 2013

Das Beste wären also Fragen, die sich daran orientieren, was man wirklich wissen will, was einen interessiert, und nicht an dem, was man fragen zu wollen glaubt. Antworten, die die Dinge benennen, statt ihre wahre Bedeutung zu verstecken. Politiker und Journalisten, die den Unterschied erkennen und einen Unterschied machen wollen. Eine Sprache, die zum Denken führt, und umgekehrt. Egal, ob in 350 Zeilen oder 140 Zeichen.

Tina Hildebrandt (Jahrgang 1970) über Hoffnungen für das Jahr 2013 in der ZEIT vom 27. Dezember 2012, Seite 3

Rolf Dobelli: Die Kunst der klaren Denkens. München 2011.

 

Denkfehler, so wie ich den Begriff hier verwende, sind systematische Abweichungen zur Rationalität, zum optimalen, logischen, vernünftigen Denken und Verhalten. Das Wort ’systematisch‘ ist wichtig, weil wir oft in dieselbe Richtung irren.

Rolf Dobelli: Die Kunst der klaren Denkens. München 2011.

 

 

Ein Experiment: Entscheiden Sie spontan, welche der beiden folgenden Alternativen sich für Sie eher lohnt: Dreißig Tage lang täglich tausend Euro bekommen – oder lieber heute einen Cent, morgen zwei, übermorgen vier, dann acht undsoweiter bis zum dreißigsten Tag. Spontan würden wir die tausend Euro am Tag nehmen, aber Sie haben es geahnt: Die zweite Alternative ist weitaus lukrativer, da Sie bei ihr über zehn Millionen Euro verdienen. Mit diesem Beispiel illustriert Dobelli, dass sich das menschliche Gehirn mit exponentiellem Wachstum schwer tut. Warum Konsens gefährlich sein kann, warum knappe Kekse besser schmecken und warum die Jackpots immer größer werden, diese Fragen führen zu weiteren drei von insgesamt 52 Denkfehlern, die uns der Dobelli in seinem Büchlein vorstellt, das schon seit Wochen die Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegels anführt. Dabei nimmt jeder der Denkfehler höchstens drei Seiten ein, ideal für die Lektüre zwischen Rasur und Frühstücksei. Da kennt sich der Schweizer Dobelli aus, ist er doch Mitbegründer des größten Anbieters von „komprimierter Wirtschaftsliteratur“ weltweit. Seine „Kunst der klaren Denkens“ ist interessant und ganz amüsant zu lesen. 14,90 Euro.