Baum #327. Foto: (c) Valeat |www.valeat.wordpress.com
Baum #327. Foto: (c) Valeat

 

Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, dass sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,

sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, –
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus

Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,
Dass keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt
Stiehlt mir von meinem Schauern,
Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.

Fühlst du mein Lebtum
Überall
Wie ferner Saum?

Else Lasker-Schüler: Höre (1913)

 

Keiner wird mein Wegrand sein.
Lass deine Blüten nur verblühen.
Mein Weg flutet und geht allein.
Zwei Hände sind eine zu kleine Schale.
Ein Herz ist ein zu kleiner Hügel,
um daran zu ruhn.
Du, ich lebe immer am Strand
und unter dem Blütenfall des Meeres,
Ägypten liegt vor meinem Herzen,
Asien dämmert auf.
Mein einer Arm liegt immer im Feuer.
Mein Blut ist Asche. Ich schluchze immer
Vorbei an Brüsten und Gebeinen
den thyrrhenischen Inseln zu:
Dämmert ein Tal mit weißen Pappeln
ein Ilyssos mit Wiesenufern
Eden und Adam und eine Erde
aus Nihilismus und Musik.

Gottfried Benn: Hier ist kein Trost (1913)

Am Strand. Foto: (c) Valeat.
Am Strand. Foto: (c) Valeat.

Staub auf den Schuhen und auf der getretenen Seele,
schleicht er den Weg der stummen Vergrollten dahin,
springt ihm kein fröhliches Wort aus der trockenen Kehle;
Suche nach Arbeit drückt seinen grübelnden Sinn.

Seine Tage sind dunkel, die Sonne verhüllen
graudampfe Nebel. Er hebt nicht die Blicke empor.
Die Klänge der Arbeit, die alle Straßen erfüllen
brausen um ihn wie ein hohnvoll spottender Chor.

Wie doch die Stunden in quälendem Hoffen sich dehnen,
indes ihn vorwärts peitscht die hungernde Not.
Er klopft an die Türen, dahinter die Hämmer dröhnen,
all seine Sinne schreien nach Arbeit und Brot.

Alles umsonst. Der Taglauf beugt sich dem Ende.
Wiederum nichts. Seine Lippen flüstern es matt.
Er schaut im Haß auf die schwielenbedeckten Hände
und schleicht hinaus auf das lehmige Feld vor der Stadt.

Alfons Petzold, 1882 – 1923

 

stellengesuche

YouTube-Video ab!

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erleben können.

Julia Engelmann beim „5. Bielefelder Hörsaal-Slam“:

 
 

Die Anregung zu diesem YouTube-Video kam aus dem Blog Hausgemacht – ausgedacht | Vielen Dank! |. Der „5. Bielefelder Hörsaal-Slam“: Wusste gar nicht, was Slammer sind – dabei soll die deutschsprachige Slam-Szene die zweitgrößte der Welt sein!

Valeat: Wirf deine Angst in die Luft
Noch bist du da: Wirf deine Angst in die Luft. Bild: (c) Valeat

 

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer (1901 – 1988)

 

Mehr von Rose Ausländer:
Manchmal spricht ein Baum

Am Meer. Foto: (c) Valeat

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

„Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.“

Heinrich Heine (1797-1856)

Und noch eins von Heine…

In die Tiefe leben. Foto: (c) Valeat
In die Weite leben. Foto: (c) Valeat

 

Hier begriff ich, dass man sein Leben so weit als möglich leben müsse, nicht dem Tage nach, sondern in die Tiefe. Dass man nicht das Nächste tun muss, wenn man fühlt, dass man am Übernächsten, am Fernen, am Entferntesten mehr Anteil hat. Dass man träumen darf, während andere retten, wenn diese Träume einem wirklicher sind als die Wirklichkeit und notwendiger als Brot. Mit einem Wort: dass man die äußerste Möglichkeit, die man in sich trägt, zum Maßstabe seines Lebens machen müsse. Denn unser Leben ist groß, und es geht so viel Zukunft hinein, als wir tragen können.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!

Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen... - Foto: (c) Valeat"

Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, daß sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,

sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, –
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

© Valua Vitaly – Fotolia.com

    Der Zopf im Kopfe

    Einst hat man das Haar frisiert,
    Hat’s gepudert und geschmiert,
    Dass es stattlich glänze,
    Steif die Stirne begrenze.

    Nun lässt schlicht man wohl das Haar,
    Doch dafür wird wunderbar
    Das Gehirn frisieret,
    Meisterlich dressieret.

    Auf dem Kopfe die Frisur,
    Ist sie wohl ganz Unnatur,
    scheint mir doch passabel,
    Nicht so miserabel

    Als jetzt im Gehirn der Zopf,
    Als jetzt die Frisur im Kopf,
    Puder und Pomade
    Im Gehirn! – Gott Gnade!

    Justinus Kerner, 1786-1862

Straßenbahnschienen klirren,
Hundert Menschen umschwirren,
Fabriken umrauchen dich,
Im Ohre gellt dir: – Messerstich
Geschäft, Diebstahl, Geld, Brand –

Wände stürzen über dir ein:
Du verkümmerst, wirst klein und gemein –
Hinaus!
Hinaus aufs Land!

Gerrit Engelke, 1890 – 1918

Auf dem Land. Foto: Valeat