Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

In der Welt sein. Foto:  (c)  Jürgen Fälchle, fotolia.com
In der Welt sein. Foto: (c) Jürgen Fälchle, fotolia.com

Es ist wunderbar, dass unsere Sprache fähig ist, mit dem gleichen Wort das sinnliche und das Intelligible auszudrücken, eben den „Sinn“. Man könnte vielleicht sagen, dass alles Denken, ob man es nun Philosophie oder „religiöses System“ nennt, dass all dieses Denken dazu dient, Kontakt und Beziehungen herzustellen. Im Gegensatz dazu sind am Mord, Krieg, physische, wirtschaftliche, kulturelle, symbolische Aggression usw. bestimmte Weisen, den Kontakt zu brechen, ihn zu verhindern, oder etwas anderes als Kontakt zu erzeugen: einen Stoß, eine Verletzung. Und deshalb ist der Sinn der Welt vielleicht bloß die Möglichkeit, sich auf empfindsame, sinnliche und intelligente Weise wirklich in der Welt zu fühlen – denn die Intelligibilität ist nichts anderes als die Empfindsamkeit des Denkens. Wie Heidegger sagt: „In-der-Welt“. Und „In-der-Welt“ heißt etwas anderes, als „im Wasser“ oder „in der Flasche“ zu sein. „In-der-Welt“ heißt: Teil der Welt sein – oder in der Welt ein Teil sein. Was ist eine Welt? Eine Welt ist die Gesamtheit von Sinn, der im Umlauf ist.

Jean-Luc Nancy im Interview mit der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“. Aus: Hohe Luft kompakt – die großen Philosophen unserer Zeit im Gespräch.

Mehr zur Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“ >>>

Ich würde mir wünschen, dass er weitergeführt wird in der Tradition der Hermeneutik und der Phänomenologie und, was Heidegger betrifft, in kritischer Fortführung auch dessen, was er angestoßen hat, vor allem als Phänomenologe, also mit „Sein und Zeit“ und den Werken der Zwanzigerjahre. Kritisch, aber mit dem Bewusstsein für die wichtige Tradition, die sich mit dem Namen Heidegger verbindet.

Rüdiger Safranski im Interview mit Michael Stallknecht. Süddeutsche Zeitung, 24. März 2015.

In diesem lesenswerten Interview geht der Heidegger-Biograf Rüdiger Safranski auf die aktuelle Debatte im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der so genannten Schwarzen Hefte Martin Heideggers ein. Heidegger habe zum „intellektuellen Mob“ jener Zeit gehört, überrascht habe ihm nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte Heideggers „Vulgärantisemitismus auf einer geisteswissenschaftlichen Ebene“.

Gleichwohl sei seine phänomenologische Philosophie der 1920er Jahre „genialisch“: Safranski nennt in diesem Zusammenhang Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ und seine „Grundbegriffe der Metaphysik“. Safranski hat sich einer Petition angeschlossen, dass der einstige Lehrstuhl Heideggers an der Universität Freiburg, an der vor ihm Heinrich Rickert und Edmund Husserl gelehrt hatten, weitergeführt wird.

 

Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ verfasst.

Titel des in der Zeit vom 13. März 2014 erschienenen Beitrag von Thomas Assheuer. Anlass sind die am selben Tag bei Klostermann veröffentlichten "Schwarzen Hefte" von Martin Heidegger.
Titel des in der Zeit vom 13. März 2014 erschienenen Beitrags von Thomas Assheuer. Anlass sind die am selben Tag bei Klostermann veröffentlichten »Schwarzen Hefte«, die Denktagebücher von Martin Heidegger.

 

Wie konnte es geschehen, dass sich ein deutscher Philosoph – nach Lessing und Kant, nach Heine und Hegel – bei vollem Bewusstsein in die globale Vernichtung hineinfantasierte und die Auslöschung der vom undeutschen Geist verdorbenen Welt zum Letztbeweis für die »Größe des Seyns« veredelte? Aber so war es. 1941, nachdem Deutschland die Welt in Brand gesteckt hat, bringt Martin Heidegger, der »größte Denker des Jahrhunderts«, der »Held des geheimen Deutschland«, der »Hölderlin im Turm der Philosophie«, der »geniale Fortsetzer des Griechentums«, diesen Satz zu Papier: »Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch. Nur so ist das zweitausendjährige Gefüge der Metaphysik zu erschüttern.«

Thomas Assheuer (Jahrgang 1955) in der Zeit vom 13. März 2014 – nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte des Philosophen Martin Heidegger.

Mehr dazu bei Valeat:
»Er war ein lieber Vater«
Heideggers Hütte in Todtnauberg

Diese Woche erscheinen die »Schwarzen Hefte« des Philosophen Martin Heidegger, die schon vor ihrem Erscheinen für Zündstoff gesorgt haben: Vor allem die Rolle von Martin Heidegger während der NS-Zeit wird diskutiert. Iris Radisch sprach mit Heideggers 93-jährigen Sohn Hermann: Das Interview ist in der Wochenzeitung »Die Zeit« am 6. März 2014 unter dem Titel »Er war ein lieber Vater« veröffentlicht worden. Hermann Heidegger betreut seit 1976 den Nachlass von Martin Heidegger und ist Herausgeber der Gesamtausgabe, die im Klostermann-Verlag erscheint, auch der »Schwarzen Hefte«. Das Interview ist eine Sensation, denn noch nie hat Hermann Heidegger sich zu seinem berühmten Vater geäußert.

Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger "Sein und Zeit" geschrieben, ein Werk, das der heute 93-jährige Sohn Hermann Heidegger nie ganz verstanden hat, wie er im Interview mit der Zeit vom 6. März 2014 zugibt. Foto: (c) Valeat
Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger „Sein und Zeit“ geschrieben, ein Werk, das der heute 93-jährige Sohn Hermann Heidegger nie ganz verstanden hat, wie er im Interview mit der Zeit vom 6. März 2014 zugibt. Foto: (c) Valeat

In diesem Interview geht Hermann Heidegger an zwei Stellen ausführlich auf den Antisemitismus-Vorwurf gegen Martin Heidegger ein, der einmal mehr im Vorfeld zum Erscheinen der »Schwarzen Hefte« vehement geäußert wurde und der Blick auf das Werk des »bedeutendsten deutschen Denkers des 20. Jahrhunderts« (Hermann Heidegger über Martin Heidegger) eintrübt.

Die Auseinandersetzung über Heidegger und 1933 ging ja schon während des »Dritten Reiches« los. Die Rektoratsrede durfte beispielsweise nach der zweiten Auflage nicht mehr erscheinen. Während des Krieges gehörte Heidegger nicht zu den Autoren, für die das knappe Papier zur Verfügung gestellt wurde. Klostermann hatte noch eigene Papiervorräte und druckte Heidegger-Texte dennoch ab. Das war ein wichtiger Grund, weshalb der Klostermann-Verlag später die Gesamtausgabe bekommen hat.

Die Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums waren schon in Kraft, bevor mein Vater am 21. April 33 zum Rektor gewählt wurde. Kaum war er gewählt, bewirkte er, dass viele der von diesen Gesetzen Betroffenen wieder ins Amt zurückkehren konnten. Bereits am 28. April 1933 wurde die Beurlaubung von vier Juden an der philosophischen Fakultät wieder aufgehoben. Auch sein eigener Assistent kehrte in sein Amt zurück. Er hat auch dafür gesorgt, dass Husserl im Sommer 33 auf dem amtlichen Weg die Mitteilung bekam, dass er wieder lesen dürfe.

Hermann Heidegger (Jahrgang 1920) in der Zeit vom 6. März 2014

Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger "Sein und Zeit" geschrieben. Foto: (c) Valeat.
Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger „Sein und Zeit“ geschrieben. Foto: (c) Valeat.

 

Am Ende aber siegte die Dichtung. Der Rezitator Oliver Mannel trug bei einer abendlichen Lesung im Hölderlinturm – also mitten im Zentrum des Schweigens des „ver-rückten“ Dichters – Rilke, Trakl, Mörike und andere vor. Der Klang, die Stimme, der Rhythmus zeigten ihre Macht, und siehe da, das Denken war am kraftvollsten, wo es aufgehört hatte, sich als Denken vorführen zu müssen. Die Offenheit des poetischen Moments, in dem sich für Heidegger die „Weltoffenheit“ zeigt oder überhaupt erst eine Welt hervorgebracht wird, ist erst dann erlebbar, wenn sie nicht gedacht, sondern gehört wird. Heidegger: „Das Wesen der Kunst ist die Dichtung. Das Wesen der Dichtung aber ist die Stiftung der Wahrheit.“

Jörg Magenau (Jahrgang 1961) in der Süddeutschen Zeitung vom 13. November 2013. Im Beitrag „Das Staunen über das Denkbare“ berichtet er über den Jahreskongress der Heidegger-Gesellschaft in Tübingen, der unter dem Motto „Martin Heidegger: Lyrik und Sprache“ stand.

 

Die Frage nach dem Sinn von Sein soll gestellt werden. Wenn sie eine oder gar die Fundamentalfrage ist, dann bedarf solches Fragen der angemessenen Durchsichtigkeit. Daher muss kurz erörtert werden, was überhaupt zu einer Frage gehört, um von da aus die Seinsfrage als eine ausgezeichnete sichtbar machen zu können. Jedes Fragen ist ein Suchen. Jedes Suchen hat seine vorgängige Direktion aus dem Gesuchten her. Fragen ist erkennendes Suchen des Seienden in seinem Dass- und Sosein. Das erkennende Suchen kann zum »Untersuchen« werden als dem freilegenden Bestimmen dessen, wonach die Frage steht. Das Fragen hat als Fragen nach… sein Gefragtes. Alles Fragen nach … ist in irgendeiner Weise Anfragen bei… Zum Fragen gehört außer dem Gefragten ein Befragtes.

Aus: Martin Heidegger (1889 – 1976) – Sein und Zeit

Auf dem Weg zu Heideggers Hütte. Foto: (c) Valeat
Heideggers Hütte in Todtnauberg: Hier hat Martin Heidegger „Sein und Zeit“ geschrieben. Foto: (c) Valeat.

Hier geht es zur Slideshow zu Heideggers Hütte…

Sechseinhalb Kilometer auf den Höhen von Todtnauberg, auf den Spuren Martin Heideggers. Wir müssen Heideggers Hütte lange suchen, das steht für den schweren Weg zur Erkenntnis, könnte man meinen. Es lohnt sich. Nicht der Hütte wegen, die sich hinter hohen Baumwipfeln wegduckt, weil sie von der Welt nicht erkannt werden will. Sie öffnet sich dem Blick nur von ihrer Rückseite her; Zäune verhindern den Zugang von Devotionaliensammlern. Auffallend die grünen Fensterläden. Links ein Brunnen. Heidegger hat hier in Todtnauberg „Sein und Zeit“ geschrieben.

Die Aufnahmen stammen vom 23. Oktober 2011: Auf den Spuren von Martin Heidegger. Durch Freiburg in den Schwarzwald. Nebel löst sich auf und klärt den Blick für strahlende Wiesen, die sich nach oben hin zum Wald verdunkeln. Es hat geschneit vor ein paar Tagen! Geruch des Schwarzwalds. Erster Halt an den Todtnauer Wasserfällen. Idyllischer Blick. Todtnauberg, weiter zum Ratschert, einem Parkplatz, von wo der Heidegger Rundweg ausgeht. Fotosession für Wanderer, die mir ihre Canon-Kamera in die Hand gedrückt hatten. Der Weg: herrlich, aber die Hütte verfehlt. Zurück, den Rundweg verlassen und reüssiert. Da liegt sie nun, Heideggers Hütte, geduckt hinter hohen Fichten. Hier ist „Sein und Zeit“ entstanden, hier hat der Meister und Freiburger Professor seinen Schülern Philosophie und Skifahren beigebracht. Hören: Kuhglockengeläut und Angelusläuten.