
Auf dem Dach


Wer die Nützlichkeit des Nutzlosen und die Nutzlosigkeit des Nützlichen nicht begreift, begreift die Kunst nicht.
Eugène Ionesco
Colmar ist eine schlimme Stadt. Die Menschen dort sind fanatische Patrioten. Es gab zum Beispiel mal eine Goethestraße. Und was haben die gemacht? Eine Petition haben sie gemacht, weil Goethe deutsch war, und einen deutschen Straßennamen wollten die nicht. Wenn die Colmarer etwas essen gehen, dann schlucken die immer zuerst mal eine Trikolore, damit sie nur ja französisch verdauen. Straßburg ist anders. Es ist europäisch. Die hatten die Idee mit dem Museum.
Tomi Ungerer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 31. Oktober/1. November 2015
…und das ist die Homepage des Museums, von dem Tomi Ungerer im Interview spricht. Das ist sein Museum, dessen Werke auch online zu betrachten sind:


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Technikerseele
Auf verlorenem Posten

Unbekannt: Die Zeitschrift „Das Plateau“ – kommt aus dem Radius Verlag, mir völlig unbekannt. Eine Anzeige in der ZEIT fiel mir ins Auge: Die 150. Ausgabe von „Das Plateau“. Das sieht besonders aus; Probeabonnement bestellt.
Eine besondere Zeitschrift, wie Herausgeber Wolfgang Erk in seinem Editorial beschreibt:
Wäre man 1990 an einen Unternehmensberater herangetreten mit der Idee, eine Zeitschrift aus der Taufe zu heben, in der keine Werbung Platz finden sollte und deren Zentrum ein etwa zwanzigseitiger Textbeitrag und zeitgenössische Kunst, die weder gedeutet noch erklärt würde, stehen sollten, so hätte dieser Betrachter sicherlich entsetzt abgeraten. Zum Glück wurde nicht gefragt – und so können wir nun mit der 150sten Ausgabe einer ebensolchen Zeitschrift im bereits 26sten Jahrgang ein weiteres Jubiläum feiern.
Wolfgang Erk im Editorial „Das Plateau“, August 2015
Mich hat die schlichte Opulenz von „Das Plateau“ beeindruckt. Die Zeitschrift kommt mit unter 50 Seiten aus, aber diese Seiten sind wirkmächtig: große Schrift (mindestens eine 16-Punkt-Schrift, ohne Typometer) und handfest in hoher Papierqualität. Einfach schön anzufassen und anzuschauen.
Inhaltlich: Eine Kolumne von Asta Scheib, ein Auszug aus einem unveröffentlichten Roman von Ingo Schulze („Das abenteuerliche Leben des Peter Holtz“), ein Kunstbeitrag von Jochen Mühlenbrink („Badende – zwölf Aquarelle auf Passepartoutkarton), Gedichte von Elisabeth Plessen („Für C.“) und eine Rede von Peter Ruzicka („Ein Bürge für die Zukunft“).
Dass es auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt so etwas Schönes gibt! „Das Plateau“ erscheint sechs Mal im Jahr und kostet 15 Euro.
Hier die Webseite von „Das Plateau“ >>>
Mit Fotografie habe ich den Namen Wim Wenders nicht verbunden, bis ich in der Zeitung einen Hinweis auf eine Ausstellung mit dem merkwürdigen Namen „4 REAL & TRUE 2“ gefunden haben – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien. 18.04. – 16.08.2015“. Wim Wenders fotografiert seit Jahrzehnten schon – wusste ich nicht.
Die photographische Arbeit ist die andere Hälfte meines Lebens. Wim Wenders
Die meisten kennen Wenders als Regisseur von Kinofilmen wie „Das Salz der Erde“, „Pina“, „Buena Vista Social Club“, „Paris, Texas“ oder – wie ich vor allem – „Der Himmel über Berlin“, den ich wohl ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, nicht nur wegen der Dichtungen von Peter Handke und der hochkarätigen Besetzung mit Otto Sander, Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Curt Bois – und Peter Falk. Filme von Wim Wenders stehen für höchste cineastische Qualität.
Seine Fotografien sind unbekannt. Zu Wenders‘ 70. Geburtstag in diesem Jahr bietet seine Geburtsstadt Düsseldorf eine Retrospektive seines fotografischen Werks. Eine Reise zu dieser Premiere ist noch nicht zu spät. Zwar ist offizielles Ausstellungsende der 16. August, aber die Wenders-Fotoschau im Kunstpalast ist bis zum 30. August 2015 verlängert worden.
Valeat war schon in Düsseldorf: 80 teilweise großformatige Fotografien und Landschaftsaufnahmen von Wim Wenders zeigt die Ausstellung, die von Beat Wismer, Generaldirektor des Museums Kunstpalast, zusammengestellt wurde, „in enger Zusammenarbeit mit Wim Wenders“, wie es im Faltblatt zur Ausstellung heißt.

Ohne Stativ und Kunstlicht fotografiert Wenders; einzig das natürliche Licht führt zusammen mit Wenders Regie. In ihrer lichten, nackten Einzigartigkeit inszenieren sich die Motive aus sich selbst heraus und entfalten so ihre schlichte und malerische Schönheit: Ein Wald in Brandenburg, ein „bestatteter“ DDR-Trabbi in einem Vorgarten, eine Open-Air-Bühne in Palermo, die Aufräumarbeiten im Ground Zero zwei Monate nach 9/11, weite Landschaften, Armenien, Australien, USA.
Wenders ist viel gereist für die Fotografien, seine Panoramakamera im Schlepp, auf den richtigen Moment für den Auslöser wartend, wie er im hörenswerten Audioguide sagt. Noch ein sprachlicher Schnappschuss zum Schluss: Wenders fotografiert nicht, Wenders photographiert – diese Schreibweise des Wortes zeugt von Wenders‘ Internationalität, sie ist aber vor allem aber Programm seiner Fotokunst: mit Licht (griech.: phos) malen (griech: graphein).
Noch bis zum 30. August 2015 (außer montags)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr, Donnerstag von 11:00 bis 21:00 Uhr
„4 REAL & TRUE 2“ – „WIM WENDERS. Landschaften. Photographien.“
Museum Kunstpalast
Kulturzentrum Ehrenhof
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Eintritt: 12 Euro, Audioguide: 3 Euro
Malerei entsteht vergleichsweise langsam gegenüber dem Moment der Fotografie, dem Bruchteil einer Sekunde. Daran hängt alles, darum gibt es im Grunde nur wenige Fotografen. Wenn wir heute ein Bild mit dem Handy aufnehmen, ist das nicht mehr Fotografie. Es ist Bild, nicht Fotografie. Fotograf ist, wer für die Fotografie lebt, wer in der Sprache der Fotografie sprechen will. Ich kann viele verschiedene Dinge machen. Ich liebe meine Frau, ich mag es zu essen, ich liebe meinen Sohn. Aber die Fotografie ist das Einzige, für das ich 24 Stunden am Tag lebe.
Sebastião Salgado (Fotograf, Jahrgang 1944) im Interview „Am Beginn der Zeit“ mit der Süddeutschen Zeitung, 18./19. April 2015

Man muss natürlich wissen: Wonach schaue ich eigentlich? Und viele Menschen brauchen eben Sicherheit oder die Bestätigung durch andere Leute. Ich bin oft gefragt worden, ob ich andere Sammler beraten könnte. Da habe ich gesagt: Ich kann ihr Leben nicht leben. Bei dem Umgang mit der Kunst geht es doch darum, dieses unsichere Terrain zu betreten, das die eigene Denkmöglichkeit neu kalibriert. Darum geht’s doch: Felder zu betreten, wo ich vorher gar nicht wüsste, dass da ein Feld sein könnte.
Wilhelm Schürmann, Kunstsammler, in monopol Rheinland 2014

Bei meinem Beruf, der Literatur, verhält es sich genauso. Nicht eine Zeile darf hinzugefügt werden um der Schönheit willen. Die Schönheit entsteht gerade nicht dort, wo man sich ihrer bewusst ist. Das, was unbedingt geschrieben werden muss, was notwendig geschrieben wird, erschöpft sich nur in Antwort auf das absolut Notwendige. Es ist einfach notwendig, egal, ob eins, zwei oder hundert, es ist von Anfang bis Ende ganz und gar notwendig. Und die einzigartige Gestalt, die diese unausweichliche Substanz verlangt, bringt die Schönheit hervor. Sobald man sich vom Verlangen der Substanz entfernt und sich auf den Standpunkt des Ästhetischen oder Lyrischen stellt und eine Säule baut, wird das Werk belanglos. Darin besteht der Geist der Prosa, das ist die wahre Gestalt des Romans. Zugleich ist es das Prinzip aller Künste.
Sakaguchi Ango (1906 – 1955) in Lettre International 105, Sommer 2014
Ich war nie besonders beeindruckt von meinem Auge für Design, Schrift und Fotografie, habe es auch nie hinterfragt und weiß nicht, woher es kommt. Aber ich habe es. Andere haben es auch. Und es ist etwas, das man nicht lernen kann. Du hast ein Auge dafür oder nicht.
David Carson, Typograf und Designer, in novum 6/2014

Der Kerl ist eine Marke. Der Kerl heißt Karl oder Lagerfeld oder Karl Lagerfeld. Noch eine gute Woche, bis zum 11. Mai 2014 noch, kann man diese Marke im Folkwang Museum in Essen bewundern: KARL LAGERFELD | Parallele Gegensätze | Fotografie – Buchkunst – Mode | 15. Februar – 11. Mai 2014. Wir waren letzten Sonntag dort, Warteschlangen am Eingang, nach einer halben Stunde Warten waren wir schließlich in der Ausstellung: Es empfiehlt sich also, die Tickets online, jedoch nicht erst am Besuchstag, zu ordern: Online-Tickets und deren Inhaber haben privilegierten, soll heißen beschleunigten Eintritt. Karl Lagerfeld ist ein Büchernarr und so stapeln sich Bücher – wie sympathisch – schon am Eingang der Ausstellung, die seinen Namen trägt. Fasziniert hat mich seine Plakatsammlung mit Werbeplakaten von Anfang des 20. Jahrhunderts. Wer die Marke „Karl Lagerfeld“ noch besuchen will: Hier geht es zur Webseite der Ausstellung >>>