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Einen Weg im Leben einzuschlagen, heißt notwendigerweise, sich gegen Millionen anderer Daseinsmöglichkeiten zu entscheiden. Das ist, verkürzt formuliert, das philosophische Fundament von millionways, eine gemeinnützige Stiftung, die von Martin Cordsmeier ins Leben gerufen wurden. Den 32-jährigen Cordsmeier könnte man einen Menschenfreund nennen, denn er will Menschen fördern, die einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit noch nicht entwickelt haben – Menschen, deren besondere Fähigkeiten im kruden Lebensalltagsstrom noch nicht zur Entfaltung gekommen sind.

In einem Supplement der Wochenzeitung Die Zeit (42/2016) mit dem Namen „magazin für potentialismus“ zeigt Cordsmeier, wie das funktioniert:

Jetzt besteht die Chance umzudenken und unser Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Anfangen kann man, indem man sich zum Beispiel Fragen stellt, die ganz zu Beginn unseres Magazins stehen. Und wenn einige – und dann immer mehr – Menschen ihre persönliche Welt verändern, ändert sich im Laufe der Zeit auch die große Welt, in der wir alle leben. Das nennen wir Potentialismus.

Cordsmeier stellt zu Beginn des zitierten „magazins für potentialismus“ solche Fragen:

  • Bist du manchmal unzufrieden mit dem, was du dir schon immer gewünscht hast?
  • Welche Menschen fehlen in deinen Leben?
  • Wie viel von deinem Leben ist Fassade?
  • Welchen Rat gibst du anderen immer wieder?
  • Interessieren dich überhaupt die Menschen, mit denen du täglich zu tun hast?

Diese und viele andere Fragen münden in der Frage nach der eigenen Persönlichkeit, in der einen wichtigen Frage, die im „magazin für potentialismus“ in ganz großen Lettern extrem überdimensioniert gleich auf zwei Seiten dargestellt ist:

Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?

Die millionways Stiftung ist gemeinnützig; Cordsmeier gewinnt  die finanziellen Mittel für die Stiftung über Crowdfunding. Alle dürfen mitmachen, nicht nur beim Spenden. Denn jeder Interessierte kann einen Fragebogen online ausfüllen, der ein kleines Stückchen näher zum ganz individuellen Traum führen könnte, nämlich Gesinnungsgenossen für das große Projekt zu finden, das im eigenen Leben bislang zu kurz gekommen ist. Dieser Fragebogen wird von der Stiftung ausgewertet und man erhält nach einiger Zeit ein Feedback, ob sich aus der Idee ein Projekt machen lässt, das sich gemeinsam verwirklichen lässt.

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Volka Hinze aus Hildesheim sucht Unterstützer für sein Projekt, mit einem Heißluftballon die Welt zu bereisen, um auf diesem Weg spirituelle Lehrer zu finden – Ausschnitt aus dem „magazin für potentialismus“.

Projekte mit Menschen umsetzen, mit potenziellen Gleichgesinnten, die man im Leben bislang noch nicht gefunden hat. Menschen wie Miriam Wiese aus Hamburg, die einen Biomeiler bauen will, der Schnittgut in Wärme zum Heizen verwandelt. Oder wie Max Rüdel aus München, der seine Internetplattform kanoon.de weiterentwickeln möchte. Oder wie Nedia Jousini, die ein Yoga-Zentrum am Bodensee aufbauen will, von dem auch Flüchtlinge profitieren könnten. Oder wie Volka Hinze aus Hildesheim, der mit einem Heißluftballon in fremde Länder reisen will, um dort weise Menschen mit guten Gedanken für ein gelingendes Leben zu treffen. „Willkommen zu deinem Neuanfang“, wie es auf der Webseite von millionways heißt.

millionways ist ein idealistisch anmutendes Konzept, möglicherweise, weil man nach dem betriebswirtschaftlichen Geschäftsmodell sucht, das den Profit fördert, und dieses Geschäftsmodell nicht findet, weil der monetäre Profit für Cordsmeier gar nicht zählt. Cordsmeier will mit seiner millionways Stiftung mehr, nämlich die Welt verbessern – mit dem Startkapital ungenutzter Potenziale, noch ungehobener individueller Schätze. Es kommt auf die richtige Entscheidung an!

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millionways.org: Martin Cordsmeier stellt auf der Webseite seine gemeinnützige Stiftung millionways vor.

 

 

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Es genügt, unsere Fenster des Nachts zu öffnen, damit der Windhauch eines geheimnisvollen Frühlings die verglühte Asche unserer Seele entfacht.

Aus: Nicolás Gómez Dávila – Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten

 

Meine Familie war nicht reich, und keiner ging zur Psychotherapie. Ich musste schauen, wo ich bleibe, und mich selbst retten. Wie jeder erwachsene Menschen kenne ich diese Aha-Momente, in denen du dir sagst: „Hier hilft mir niemand, wenn ich’s nicht tue“. Man wird damit sein eigenes Elternteil. Und je älter man wird, umso mehr wird man zum Elternteil der Eltern – ein bizarrer Aspekt unserer Reise durchs Leben.

Reese Witherspoon, amerikanische Schauspielerin, im Interview mit der Kölnischen Rundschau, 10./11. Januar 2015. Reese Witherspoon spielt die Hauptrolle in „Der große Trip – Wild“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

Vor nicht einmal 14 Tagen erfuhr der Schriftsteller Henning Mankell, dass er an Krebs erkrankt ist. Von heute an schreibt er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Kolumne über „den schweren Kampf, den das immer bedeutet.“

Sehr früh entschied ich mich zu versuchen, über diese Dinge zu schreiben. Letztlich geht es ja um Schmerzen und Leiden, die viele Menschen empfinden – allerdings auch um eine erstaunliche medizinische Wissenschaft und ein Licht, das oftmals durch den Nebel dringt.
Ich will genau so schreiben, wie es ist. Über den schweren Kampf, den das immer bedeutet. Aber ich gedenke aus der Perspektive des Lebens und nicht des Todes zu schreiben. Dies werde ich in unregelmäßigen Abständen tun. Ich beginne jetzt. Ich habe gerade begonnen.

Henning Mankell in „Ein Kampf aus der Perspektive des Lebens“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Januar 2014

Valeat: Wirf deine Angst in die Luft
Noch bist du da: Wirf deine Angst in die Luft. Bild: (c) Valeat

 

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer (1901 – 1988)

 

Mehr von Rose Ausländer:
Manchmal spricht ein Baum

Paris. Foto: (c) Valeat

Man kann sich in die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo in Gottes äußerster Vorsehung wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

In die Tiefe leben. Foto: (c) Valeat
In die Weite leben. Foto: (c) Valeat

 

Hier begriff ich, dass man sein Leben so weit als möglich leben müsse, nicht dem Tage nach, sondern in die Tiefe. Dass man nicht das Nächste tun muss, wenn man fühlt, dass man am Übernächsten, am Fernen, am Entferntesten mehr Anteil hat. Dass man träumen darf, während andere retten, wenn diese Träume einem wirklicher sind als die Wirklichkeit und notwendiger als Brot. Mit einem Wort: dass man die äußerste Möglichkeit, die man in sich trägt, zum Maßstabe seines Lebens machen müsse. Denn unser Leben ist groß, und es geht so viel Zukunft hinein, als wir tragen können.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)