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Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges »Fluten« des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der »schwachen Membrane«, als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.
Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes.

Herfried Münkler im Beitrag „Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können“ in der ZEIT vom 11. Februar 2016 – zurzeit nur als „Print“ verfügbar (immer lohnenswert).

Mehr zum Thema bei Valeat:
Keine Angst oder: Wir brauchen starke Menschen!

Die Gefahr für die Demokratie besteht nicht in Menschen, die vor Krieg, Not und Terror fliehen, sondern in Menschen, die aus Angst Politik machen.

Georg Diez in Spiegel online, 13.12.2015

Dieser Satz von Georg Diez hat in dieser Woche tragische Aktualität erhalten.

In dieser Woche, in der ein 13-jähriges Mädchen verschwindet und völlig unversehrt wieder auftaucht, zwischenzeitlich aber Migranten der Vergewaltigung bezichtigt werden und Demonstrationszüge gegen Flüchtlinge stattfinden, sich sogar der russische Außenminister einmengt und den deutschen Behörden Vertuschung vorwirft – Vertuschung einer Straftat, die es gar nicht gegeben hat.

In dieser Woche, in der ein Flüchtling, den es gar nicht gibt, in Berlin für tot erklärt wird und sich in den sozialen Medien ein tosender Shitstorm gegen die Behörden ausbreitet.

In dieser Woche, in der eine Politikerin über die Verteidigung der deutschen Grenzen vor Flüchtlingen mit Waffengewalt spricht.

In dieser Woche, in der ein Politiker der Bundeskanzlerin vorwirft, mit ihrer Flüchtlingspolitik Deutschland zu spalten.

Kinder – seid ihr des Wahnsinns? Bitte kurz runterkommen, ich flehe euch an, bitte: Diese Angst frisst euch auf. Lasst euch nicht schwach reden, lasst euch keine Angst von denen einjagen, die ihr Machtspiel mit euch treiben.

Vernunft und Leidenschaft brauchen wir jetzt.

Vernunft brauchen wir, um gemeinsam den richtigen Weg zu finden, dass die Flüchtenden sich in Deutschland (und nicht in Deutschland allein) empfangen fühlen und hier in Europa nicht dem Terror ausgesetzt sind, vor dem sie geflohen sind, gleichzeitig dass die Menschen hier (die, die vorher schon hier waren und nicht aus ihrer Heimat fliehen mussten) sich nicht überfordert fühlen.

Leidenschaft brauchen wir, Zuversicht und Selbstvertrauen, um eine große Aufgabe zu meistern, was zwar nicht den Gartenzwergen in unseren Vorgärten, aber umso mehr dem Menschen und seinem Leben dient, dem Menschen von Gegenüber, aber auch und gerade dem Menschen in uns.

Wir brauchen starke Menschen! (Wir schaffen das – nur mit unserem Selbstvertrauen, nicht mit dem Schwächling in uns.)

 

Der Mensch ist kein Einzelwesen. Es gibt diesen schönen Ausspruch des Philosophen Martin Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das heißt, wir können uns allein nicht so einfach spüren. Wir brauchen ein Gegenüber, mit dem wir in eine Beziehung treten können. Beispielsweise jemanden, der mir sagt: „Ich erkenne und schätze, wo du stehst und was du anzubieten hast. Das ist keine Sucht nach Anerkennung, sondern ein tiefes menschliches Bedürfnis.

 

The Germans, April 2013.

Nathalie Knapp (Jahrgang 1970), im Interview des Magazins The Germans, April 2013

Mehr zu „The Germans“ bei Valeat…

 

 

Die heutige Art der Verdummung ist zudem eine Folge der Tatsache, dass wir der Logik der Maschinen folgen. Computer denken aber nicht, Computer sind Rechenmaschinen, die uns vorgegeben, möglichst viele Fakten zu speichern und abrufbar zu halten. Aber sie zeigen nicht, wie man Wissen kombiniert und kreativ nutzt. Wir passen uns immer mehr dieser Maschinenhaltung an. Wir denken mehr in Formen als in Inhalten. Mit dem Computer lassen sich fatale Blaupausen erstellen: Denn die formalisierten, gut aufbereiteten Schriftstücke und Vorlagen verführen den Entscheider dazu – vor allem unter Zeitdruck –, den Inhalt nicht mehr zu überprüfen, sie als Kopie der Kopie der Kopie usw. für jede neue Entscheidung, für jede Bestellung, für jede Anweisung, viele neue Gesetzeslage usw. zu nutzen. Und somit schleichen sich unbemerkte bzw. zu spät entdeckte Fehler ein, die fatal enden können.

Dietrich Grönemeyer (Jahrgang 1952), in bookazine 1/2013