Also kann es auch nicht überraschen, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahre die einzigen Personen, die einen interessanten und bedeutsamen Diskurs über den Zustand der Gesellschaft geführt haben, nicht die Berufs-Intellektuellen waren, sondern Leute, die sich für das wirkliche Leben von Menschen interessieren. Das heißt: die Schriftsteller.

Michel Houellebecq in seiner Rede, die er am 26. September in Berlin anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises 2016 hielt, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. September 2016

 

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Die Gefahr für die Demokratie besteht nicht in Menschen, die vor Krieg, Not und Terror fliehen, sondern in Menschen, die aus Angst Politik machen.

Georg Diez in Spiegel online, 13.12.2015

Dieser Satz von Georg Diez hat in dieser Woche tragische Aktualität erhalten.

In dieser Woche, in der ein 13-jähriges Mädchen verschwindet und völlig unversehrt wieder auftaucht, zwischenzeitlich aber Migranten der Vergewaltigung bezichtigt werden und Demonstrationszüge gegen Flüchtlinge stattfinden, sich sogar der russische Außenminister einmengt und den deutschen Behörden Vertuschung vorwirft – Vertuschung einer Straftat, die es gar nicht gegeben hat.

In dieser Woche, in der ein Flüchtling, den es gar nicht gibt, in Berlin für tot erklärt wird und sich in den sozialen Medien ein tosender Shitstorm gegen die Behörden ausbreitet.

In dieser Woche, in der eine Politikerin über die Verteidigung der deutschen Grenzen vor Flüchtlingen mit Waffengewalt spricht.

In dieser Woche, in der ein Politiker der Bundeskanzlerin vorwirft, mit ihrer Flüchtlingspolitik Deutschland zu spalten.

Kinder – seid ihr des Wahnsinns? Bitte kurz runterkommen, ich flehe euch an, bitte: Diese Angst frisst euch auf. Lasst euch nicht schwach reden, lasst euch keine Angst von denen einjagen, die ihr Machtspiel mit euch treiben.

Vernunft und Leidenschaft brauchen wir jetzt.

Vernunft brauchen wir, um gemeinsam den richtigen Weg zu finden, dass die Flüchtenden sich in Deutschland (und nicht in Deutschland allein) empfangen fühlen und hier in Europa nicht dem Terror ausgesetzt sind, vor dem sie geflohen sind, gleichzeitig dass die Menschen hier (die, die vorher schon hier waren und nicht aus ihrer Heimat fliehen mussten) sich nicht überfordert fühlen.

Leidenschaft brauchen wir, Zuversicht und Selbstvertrauen, um eine große Aufgabe zu meistern, was zwar nicht den Gartenzwergen in unseren Vorgärten, aber umso mehr dem Menschen und seinem Leben dient, dem Menschen von Gegenüber, aber auch und gerade dem Menschen in uns.

Wir brauchen starke Menschen! (Wir schaffen das – nur mit unserem Selbstvertrauen, nicht mit dem Schwächling in uns.)

Er musste Deutscher sein, weil ich schon lange einen Roman schreiben wollte, in dem Deutschland vorkommt. Ich habe viel Zeit im Land verbracht, ich spreche die Sprache, und die DDR hat mich seit langem gereizt, das ist ein großes Thema, viel interessanter etwa als das kommunistische Polen, weil es so viel extremer zuging: die Stasi, die Ausmaße der gesammelten Daten, die Zahl derjenigen, die dabei mitgemacht haben – das ist alles extrem. Sehr deutsch.

Jonathan Franzen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 29.08.2015, über eine der Hauptfiguren seines neuen Romans „Unschuld“, der Andreas Wolf heißt und Deutscher ist.

Mehr über Franzen bei Valeat:
Jonathan Franzen – Freiheit

Das heißt, die Flüchtlinge, die wirklich aus ihrem Leben vertrieben wurden, deren Familien in Wirklichkeit ermordet wurden, deren Kinder in Wirklichkeit bei der Überfahrt nach Europa ertrunken sind, die seit drei Jahren wirklich zu Hunger, Obdachlosigkeit und Untätigkeit verdammt sind – die müssen jetzt endlich verstehen, dass in Deutschland die Lösungen für die wirklichen Probleme aus Papier gemacht sind und nur leise rascheln, wenn der Fall ad acta gelegt wird.

Jenny Erpenbeck (Jahrgang 1967) in einem Appell an in den Berliner Innensenator, afrikanische Flüchtlinge zu dulden: FAZ, 6. September 2014

Die saturierten Alteuropäer, die eine Öffnung für ihre Produkte und Ferienziele in Osteuropa selbstverständlich finden und deren Konzerne oft genug mit den Billiglöhnen im Osten gutes Geld verdienen, sollten den Menschen vom Balkan nicht noch die verbliebene Würde und den Stolz auf ihre großen Leistungen seit 1989 nehmen. Es ist wenig genug übrig geblieben. Und dass es Europäer zweiter oder gar dritter Klasse gibt, kann man angesichts der Zahlen ohnehin kaum leugnen. Doch umgekehrt sind gerade die ärmsten Mitbürger oft genug die einfallsreichsten und bewundernswertesten. Es ist kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren die Filmpreise von Cannes und Berlin nach Rumänien gingen, dass die Literatur dort vielerorts blüht, dass jeder Großstadt Theater, Oper und Orchester pflegt. Und auch die letzte deutsche Literaturnobelpreisträgerin hat einen Gutteil ihres Lebens als hart kämpfende Bürgerrechtlerin in Rumänien verbracht.

Dirk Schümer (Jahrgang 1962) in seinem Beitrag „Der neue, schändliche Antiromanismus“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Januar 2014

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Wohlstand: Zeit statt Geld. Über den Aussteiger Gerrit von Jorck – in Spiegel online.

 
Da lebt einer von vier Euro am Tag. Sein Lieblingsessen: Reispfanne mit Möhre, Zwiebel, Paprika, Gurke für anderthalb Euro. Ich bin beeindruckt. Sein Studium der Volkswirtschaftslehre in Köln hat er mit 1,0 abgeschlossen, doch er hat sich nach dem Studium keiner standesgemäßen Karriere unterworfen, sondern entschieden, dass ihm Zeit wichtiger als Geld sei. Nun studiert er Philosophie in Berlin.

Mehr zu Gerrit von Jorck und anderen Aussteigern in Spiegel online>>>

10.000. Ausgabe der taz
Titelseite der 10.000. Ausgabe der taz: ‚In dieser 10.000 Ausgabe der taz schreiben ehemalige wie jetzige RedakteurInnen, was sie schon immer einmal schreiben wollten. Subjektiv, objektiv, schamlos, schmerzfrei. Über sich, Gott und die taz.‘ Die taz gibt es seit 1978; sie erscheint in Berlin.

Vor einem Jahr war der ZEIT-Redakteur Henning Sußebach als Obdachloser verkleidet dort, wo die reichsten Deutschen wohnen, in Kronberg und Königstein im Hochtaunuskreis, nahe Frankfurt. Jetzt war er mit Reporter-Kollegin Nadine Ahr zu einem neuen Experiment unterwegs – in Neukölln, einem Berliner Viertel mit hoher Arbeitslosenquote:

Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: „Obdachlose angegriffen!“ Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.

Dieses Zitat aus dem Beitrag „Maria und Josef in Neukölln“ ist schon fast ein Teaser für die ZEIT vom 19. Dezember 2012. In der Regel dauert es eine Woche, bis die ZEIT den Beitrag auch online stellt. Bitte sagt mir Bescheid, falls Ihr es vor mir entdeckt, damit ich die Verlinkung vornehmen kann. Wer nicht warten kann, für den sind 4 Euro 20 für die Weihnachtsausgabe der ZEIT gut investiert.

Nachschlag: ZEIT online „Maria und Josef in Neukölln“…

Hier geht es zum Valeat-Beitrag über „Maria und Josef im Ghetto des Geldes“…