Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

"Der Bloggerismus ist also eindeutig die tollste Form des Journalismus." sagt Berthold Kohler augenzwinkernd in seiner Glosse "Fraktur". Bald werden Blogwarte durch die digitalen Lande ziehen, um die richtige Gesinnung in der Bloggosphäre sicherzustellen und um zum großen Shitstorm zu blasen, wenn Meinungen zu unbequem werden.
„Der Bloggerismus ist also eindeutig die tollste Form des Journalismus.“ sagt Berthold Kohler augenzwinkernd in seiner Glosse „Fraktur“. Bald werden Blogwarte durch die digitalen Lande ziehen, um die richtige Gesinnung in der Bloggosphäre sicherzustellen und um zum großen Shitstorm zu blasen, wenn Meinungen zu unbequem werden.

 

Der Bloggerismus ist also eindeutig die tollste Form des Journalismus. Es kann somit gar nicht mehr lange dauern, bis die Liste der beliebtesten Berufe in Deutschland einen neuen Spitzenreiter hat: den Blogwart. Er steht für eine Macht, mit der sich niemand anlegen will, wovor mancher Blogger sogar ganz ausdrücklich warnt. Wir schreiben daher hier auch nicht, woran uns das erinnert. Sonst müssten am Ende auch noch wir die Pressefreiheit für uns reklamieren.

Berthold Kohler in „Fraktur“, der Sprachglosse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die sich aktuell sehr lesenswert mit dem Verhältnis zwischen Journalisten und Bloggern beschäftigt.

http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-von-berthold-kohler-ueber-journalisten-und-blogger-13738321.html

Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie "Medien machen Wirklichkeit".
Der Spiegel streicht Wulff die Würde weg, aus der Valeat-Serie „Medien machen Wirklichkeit“.

 

Trotzdem hält sich bis heute die Ansicht, man [gemeint sind die Medien, Anmerkung von Valeat] habe in der Causa Wulff lediglich seine Arbeit gemacht. In Wahrheit wollte nahezu die gesamte Medienschaft ihren Teil vom Kuchen abhaben: Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch ein Verkaufsschlager. Die Talkshows, die das Thema keine Woche ausließen, erzielten Traum-Quoten, bei den Internetauftritten nahezu aller Medien schossen die Klickzahlen in die Höhe. Immer wieder wurde aufgelistet, was Wulff vorgeworfen wurde, auch das, was sich bereits als nicht haltbar erwiesen hatte. Es schien, als ginge es darum, den Mangel an Substanz durch die Summe der Kleinigkeiten aufzuwiegen. Von einzelnen öffentlichkeitswirksamen Mea-culpa-Erklärungen einmal abgesehen, hat bis heute keine ernsthafte Debatte über die Rolle der Medien in den Wochen der Causa Wulff stattgefunden.

Michael Götschenberg (Jahrgang 1969) im „medium Magazin“ 02-03/2014. Götschenberg hat auch ein Buch über die Causa Wulff mit dem Titel „Der böse Wulff – Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien“ geschrieben.

Auch Valeat hatte über die Causa Wulff veröffentlicht:
Spiegel streicht Wulff die Würde weg
Inflationierung: Wulff und die Medien
Wulff, Küppersbusch und die Tüte Chips

Den „journalist“ habe ich früher kaum gelesen; er lag monatlich im Briefkasten und wenig später im Altpapierkorb. Seit einiger Zeit finde ich Brauchbares in diesem Medienmagazin, das vom DJV (Deutscher Journalisten-Verband) herausgegeben wird. So stellt die Journalistin Jana Gioia Baurmann in der aktuellen Ausgabe (11/2013) den Journalisten Jasper Fabian Wenzel vor. Nichts Aufsehen Erregendes: Networking, PR in eigener Sache könnte man das nennen – ist es aber nicht. Das Porträt handelt von einem fast unglaublichen Start-up: Der 27-jährige Wenzel hat sich dem Qualitätsjournalismus verschrieben und baut gerade „Weeklys“ im Internet auf.

Das Prinzip: „Journalismus in Langform“, also Reportagen, Porträts, längere Erzählstrecken, für die sich der Leser Zeit nehmen muss. Das zu machen kostet aber auch Zeit – und Mühe und Talent obendrein. Deshalb plant Wenzel einen Kostenbeitrag von 99 Cent pro Artikel. Ich habe mal bei „Weeklys“ reingeklickt und einen Beitrag gefunden, kostenlos sogar. Mir gefällt der Text, mir gefallen die Fotos, mir gefällt die ganze Aufmachung, alles wirkt fundiert, ruhig und unaufgeregt – kurzum: Ein ästhetischer Genuss, der so gar nicht ins schnelle und krude Internet zu passen scheint und den Besuchern von Valeat deshalb nicht vorenthalten werden darf.

weeklys

Hier geht es zur Online-Version des Beitrags über „Weeklys“ >>>

ichweissesnicht

Leser goutieren Brüche, sie verzeihen Scheitern. Sie erwarten nicht Allwissenheit, sondern Aufrichtigkeit. „Selten erreicht man mehr Glaubwürdigkeit als mit den vier Tabu-Worten: ‚Ich weiß es nicht‘.“

Es ist Zeit für einen neuen Journalismus: für das neue Schreiben, das neue Sehen, das neue Mitmachen.

Matthias Daniel im Editorial des Fachmagazins journalist, Juli 2013

Die Causa Wulff ist ein Lehrstück für die Pressefreiheit. Diese Pressefreiheit ist nicht dafür da, Journalisten lust- und machtvolle Gefühle zu verschaffen. Sie ist nicht die Freiheit zur Selbstermächtigung und Selbstbefriedigung, die in einem Rücktritt den Höhepunkt findet. Sie ist für die Demokratie da; und Demokratie ist etwas anderes als eine Meute, die Beute will.

Heribert Prantl (Jahrgang 1953) in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2013

Man betrachte nur mal den Einfluss, den das Boulevardmedium Spiegel online auf den Spiegel ausgeübt hat. Oder die bunten Seiten der überregionalen Tageszeitungen. Sie sind der Brückenkopf des Belanglosen. Genau dort lauert die Gefahr. Dass der Boulevard bald in fast allem steckt, dass alles auf Boulevardtauglichkeit geprüft wird. Boulevard ist professionalisiertes Märchenerzählen. Der Boulevard schafft sich im Zweifel seine Welt selbst und sorgt für die Ereignisse, über die er dann berichtet.

Hans Hoff, Jahrgang 1955, im Fachmagazin journalist, 10/2012. In diesem Beitrag stellt Hoff acht Forderungen an Journalisten, eine Art Gebrauchsanweisung für mehr Glaubwürdigkeit des Berufsstands. Eine dieser Handlungsanweisungen,“Weg vom Boulevard“, habe ich hier gekürzt zitiert.

    „Ich habe an einem Donnerstag Mitte Januar mit der Fernbedienung eine Sendung mit Maybrit Illner, Reinhold Beckmann und zwölf Meinungscontainern zusammengezappt. Es war alles gesagt, es kam nicht Neues mehr dabei heraus. Wenn man eine Tüte Chips aufmacht, isst man zwei und sagt: lecker. Und dann macht man den Fehler und isst den Rest auch noch. Übertragen: Die ersten paar Meldungen zu Wulff fand ich noch interessant als Sittengemälde. Dann liest man den ganzen Rest und weiß, während man es tut: Das ist nicht gesund, du kriegst schlechte Zähne.“

Friedrich Küppersbusch, Jahrgang 1961, in einem Interview mit dem Medienmagazin „journalist“, Nummer 2, Februar 2012. Küppersbusch gehört die TV-Produktionsfirma ProBono; bekannt wurde er in den 1990er Jahren durch eloquente Moderationen im ARD-Magazin „Zak“