Überhaupt: Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.

zeit_150

 

Giovanni di Lorenzo im Leitartikel „Die sprachlose Mitte“, Zeit vom 11. Februar 2016

 

> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im  Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto:  (c) Valeat.
> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto: (c) Valeat.

Ich glaube nicht, dass wir heute eine vollkommene Imitation des menschlichen Geistes aus Software herstellen können. Dafür wissen wir viel zu wenig über Geist und Bewusstsein, fassen sie noch viel zu sehr als statische Gebilde. Bewusstsein und Geist sind aber etwas, das sich fortwährend ändert, von Moment zu Moment. James Joyce und sein berühmter „Bewusstseinsstrom“ im Roman „Ulysses“ sind eine gute literarische Veranschaulichung dieser Überlegung.

David Gelernter (Jahrgang 1955) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 26./27./28. März 2016

Steckte noch in meinen „Entwürfen“ und ich veröffentliche das besser jetzt und spät als nie. Wenn Keen mit seinen Thesen zum Internet recht hat, sitzen wir Blogger hier auf einer Insel der Seligen. Dennoch sind seine Aussagen zu Mobbing und zur anonymen Häme im Netz nicht ganz unbegründet: Wie sozial sind die sozialen Netzwerke?

Twitter_folgen

Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden.
 
Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

Andrew Keen (Unternehmer und Autor, Jahrgang 1960) in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 21./22. Februar 2015

Mehr zum Interview bei Valeat >>>

Mut zur Philosophie Vernunft, Wissenschaft und Fortschritt sind die Hauptkategorien des Transhumanismus, einer philosophischen Strömung, die die Vervollkommnung des Menschen durch Technik anstrebt.

Meine persönliche Theorie ist, dass der Transhumanismus auch ein Stück säkularisiertes Christentum ist. Es tauchen etliche Motive auf, die originär christlich sind, beispielsweise die Kritik am Körper als äußerst beschränktem Gefäß für den Geist, als hinfällige, krankheitsanfällige und schmutzige Materie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der gerne isst und trinkt und Sex hat, eine große Sehnsucht entwickeln kann, auf einer Festplatte als ein digitaler Code weiterzuexistieren. Eigentlich sind diese technikfrömmelnden Transhumanisten ziemlich bornierte Puritaner.

Konrad Paul Liessmann (Jahrgang 1953) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 25. September 2015. Das Interview mit dem österreichischen Philosophen führte Michael Stallknecht.

Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.
Apple is watching you: Icons auf einem iPhone.

Der Smartphone-Nutzer ist im Moment komplett entmündigt. Die meisten Anwendungen erfordern eine generelle Zustimmung zum Datenzugriff. Damit werden Konzerne wie Apple, Google und Facebook das Kaufverhalten der Konsumenten alleine auswerten und damit auch steuern. Die Apple-Uhr könnte im Extremfall beispielsweise über den Puls ihres Trägers beim betrachten einer Internetseite mit einem Produkt klare Schlüsse über seine Kaufinteressenten liefern.

Key Pousttchi (Jahrgang 1970) im Interview mit der Kölnischen Rundschau, 25. April 2015

Key Pousttchi ist Wirtschaftsinformatiker und gilt als anerkannter „Mobile-Business-Experte“. Als Steigerung zur Smartwatch sieht er einen Computerchip, den man unter die Haut implantiert, ein System, das man bei einem Club in Barcelona als Zugangskontrolle und Zahlungsmittel erfolgreich eingesetzt habe, so Pousttchi in der Kölnischen Rundschau.

In Googlonien werden Menschen zu Produkten. Foto: (c) NN / Valeat
In Googlonien werden Menschen zu Produkten. Foto: (c) NN / Valeat

In Googlonien bewertet ein Algorithmus die Menschen wie früher die Produkte. Beförderungen, ausgiebiges Shoppen und ein harmonisches Familienleben lassen deren Wert steigen, finanzielle Probleme, aggressives Verhalten und Reden über Politik führen zur Abwertung. Das Absetzen der Google-Brille steht unter Strafe, KI-Programme scannen beständig Augenbewegungen und Körperfunktionen.
Dafür bekommt der Bürger stets die passende Werbung eingeblendet. Sie schwitzen? Wie wäre es mit dem neuesten Anti-Schweiß-Shirt zum Sonderpreis? Lieferzeit zehn Minuten. Sie zweifeln am System? Wir empfehlen eine Therapie gegen politischen Extremismus. Ein paar Aufmüpfige suchen nach Funklöchern, in denen sie noch unbelauscht miteinander sprechen können. Dort erzählen sie sich dann Gerüchte wie dieses: Irgendwo in den Alpen, in einem tiefen Bunker, gebe es noch eine Kopie des alten, freien Internets.

Manuela Lenzen in einer Rezension über das Buch „Die analoge Revolution“ von Christian Schwägerl. In: FAZ vom 4. Oktober 2014

Buch oder E-Book? Diese Fragen stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: "Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?" Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/Valeat.
Buch oder E-Book? Diese Frage stellte auch Jaron Lanier bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der Frankfurter Paulskirche: „Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?“ Bild: (c)contrastwerkstatt-Fotolia.com/ Valeat.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat mit Büchern zu tun, also müssen wir uns in der Ära der digitalen Übernahme fragen: „Was ist ein Buch?“ Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld (im Vergleich mit anderen Branchen), doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, die Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potentials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. Autor zu sein zwingt uns zu einer vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit.

Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde. Das Wesen des Buchs ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existentiell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. Bücher aus Papier sind naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt. Bücher verändern sich. Einige der Metamorphosen sind kreativ und faszinierend. Aber zu viele der Metamorphosen sind unheimlich. Plötzlich müssen wir uns gefallen lassen, überwacht zu werden, um ein E-Book zu lesen! Auf was für einen eigentümlichen Handel haben wir uns da eingelassen!

In der Vergangenheit kämpften wir, um Bücher vor den Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar gegenüber einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros. Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche? Bücher haben uns immer geholfen, die Probleme zu lösen, die wir uns aufgehalst haben. Jetzt müssen wir uns selbst retten, indem wir die Probleme erkennen, die wir den Büchern aufhalsen.

Jaron Lanier in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 12. Oktober 2014 in der Frankfurter Paulskirche. Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Oktober 2014

Mehr zum Thema bei Valeat:
Friedenspreis an Jaron Lanier
“Ich rede als Kontaminierter”
Lesen
Über E-Books und das Lesen

Informationsschwemme: Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Uns fehlt der kognitive Mechanismus, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

 

Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Sie trifft uns wahllos, richtet sich an niemand Bestimmten und hat sich von jeglicher Nützlichkeit gelöst; wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Und zwar deshalb nicht, weil wir keine kohärente Vorstellung von uns selbst, von unserem Universum und von unserer Beziehung zueinander und zu unserer Welt besitzen. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen und warum. […] Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.

Neil Postman (1931 – 2003) aus „Neil Postman: Wir informieren uns zu Tode“

Im vergangenen Jahr waren es die Medien – besonders hier in Europa –, die sich den etablierten Fakten des großen Schmuggels und der digitalen Zukunft furchtlos entgegengestellt haben. Da Amerika zögert, synthetische Deklarationen zu entwickeln, die uns über den Überwachungskapitalismus hinausführen können, bleibt Europa unsere größte Hoffnung im Hinblick auf diese weltgeschichtliche Herausforderung. Europa muss die Fackel übernehmen und einen Weg in eine neue Heimat bahnen.
Behalten Sie Ihren Mut. Wir stehen erst am Anfang, und es stimmt, dass Anfänge furchteinflößend sind. Aber, wie Hannah Arendt es formuliert hat, mutet jeder Anfang aus der Perspektive der Prozesse, die er unterbricht, wie ein Wunder an. Die Begabung, Wunder zu tun, ist überaus menschlich, so ihre Argumentation, weil sie die Quelle aller Freiheit ist.
Mögen wir gemeinsam Frank Schirrmachers Erbe weiterführen, indem wir uns an der Schaffung vieler großartiger und schöner neuer Tatsachen beteiligen, welche die digitale Zukunft als Heimat der Menschheit zurückgewinnen.
Das soll unsere Erklärung sein.

Shoshana Zuboff (Jahrgang 1951) in der FAZ vom 15. September 2014 (Rede vom 12. September 2014 in Potsdam)

faz_gabriel

Wir haben die naive und spielerische Phase des Internets hinter uns gelassen. Wir sehen klarer: Die Gefahren der digitalen Revolution liegen zum einen in autoritären oder gar totalitären Tendenzen, die den Möglichkeiten der Technologie selbst innewohnen, zum anderen darin, dass neue Monopolmächte Recht und Gesetz aushöhlen. Es geht also um nicht weniger als die Zukunft der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung und damit um Freiheit, Emanzipation, Teilhabe und Selbstbestimmung von 500 Millionen Menschen in Europa.

Sigmar Gabriel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 16. Mai 2014

Nur Wahlkampfgetöse oder ernstgemeint? Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fordert der SPD-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine europäische Lösung für den Umgang mit Internetgiganten wie Google. Auch von einer „Entflechtung“ ist in diesem Gastbeitrag „Die Politik eines Betriebssystems“ innerhalb der FAZ-Serie „Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“. Der Suchmaschinenbetreiber wehrt sich gegen die Vorwürfe von Gabriel:

Wir sind überrascht von der Ansicht des Wirtschaftsministers, Unternehmen wie Google würden Nutzern, der Wirtschaft und der Gesellschaft schaden.

Philipp Justus, Chef von Google Deutschland, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2014.

FAZ 10.12.2013

Wir wollten den Aufruf und die Unterschriften ja an einem einzigen Tag veröffentlichen, deswegen mussten wir das im Verborgenen vorbereiten. Es war gar nicht möglich, auf flächendeckende Netzwerke zuzugreifen – die Gefahr eines Lecks war einfach zu groß. Wir haben erst befreundete Autoren gefragt und die gebeten, weitere Freunde zu fragen. Wir sind auch auf deutsche Verlage zugegangen, die internationale Autoren im Haus haben, darüber kamen Agenturen ins Spiel. Auch Übersetzer haben sehr geholfen. Und so kam der Schneeball ins Rollen.

Juli Zeh (Jahrgang 1974) im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 10. Dezember 2013, in dem die Mitorganisatorin des Aufrufs „Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ über ihre Planungen dazu spricht. Die FAZ veröffentlichte am 10. Dezember 2013 zusammen mit 31 anderen Zeitungen weltweit den Aufruf „Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“, den mehr als fünfhundert Autoren aus 82 Ländern unterzeichnet haben.

Der Aufruf ist auch im FAZ.net veröffentlicht: Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter

Bild: McAfee
Die McAfee-Studie „Digital Deceptions“ 2013: Eltern sind zu gutgläubig. Bild: McAfee

 
Viele Eltern sind, was das Online-Verhalten ihrer Kinder betrifft, zu gutgläubig und viele Kinder glauben, dass es den Eltern egal sei, was sie im Internet treiben. Das ist das Ergebnis der vom US-amerikanischen Sicherheitssoftwareunternehmen McAfee beauftragten Studie „Digital Deceptions“, die das Unternehmen gestern der Presse vorstellte.

Die europaweit durchgeführte Studie „Digital Deceptions“ zu den Online-Aktivitäten Jugendlicher zwischen 13 und 17 Jahren zeige eine „deutliche Diskrepanz zwischen den Online-Aktivitäten von Teenager und dem ‚guten Glauben‘ ihrer Eltern“: Viele Jugendliche griffen auf unangemessene Inhalte zu, obwohl 71 Prozent das Vertrauen der Eltern genössen, die glaubten, der Nachwuchs werde schon „das Richtige“ tun. Dieselbe Prozentzahl an Teenagern wiederum denke, Eltern sei es vollkommen egal, was ihre Kinder online tun.

Hier die Ergebnisse im Einzelnen:

– 41 Prozent der deutschen Teenager besuchen Webseiten, mit denen ihre Eltern nicht einverstanden wären. Nur 27 Prozent der befragten Eltern vermuten das.

– 39 Prozent der Teenager haben absichtlich Videos angesehen von denen sie wussten, dass ihre Eltern diese nicht billigen würden. Nur 28 Prozent der Eltern hielt dies für möglich.

– 13 Prozent der Teenager haben illegale Kopien von Musik gekauft und 4,5 Prozent gaben an, schon einmal Alkohol oder Drogen über das Internet bezogen zu haben.

– 7,5 Prozent der Teenager haben Bilder mit anstößigem Inhalt von sich selbst gesendet oder gepostet.

– 34 Prozent der Teenager hat Testergebnisse online nachgeschlagen, 66 Prozent aller Eltern trauen ihren Kindern das nicht zu.

– 19 Prozent der Teenager haben Aktfotos oder Pornographie online konsumiert, 27 Prozent von diesen tun dies mehrmals pro Monat.

– 16 Prozent der Teenager haben schon einmal jemanden getroffen, den sie online kennengelernt haben.

– 50 Prozent der Eltern gehen mit Sicherheit davon aus, die
Online-Aktivitäten ihrer Sprösslinge herausfinden zu können. Nur 23 Prozent der Teenager gaben dagegen an, nicht zu wissen, wie man seine Wege im Internet vor den Eltern verbirgt. Die große Mehrzahl scheint dies also offensichtlich zu tun.