Die Kultur ist zerstört und kommt nicht mehr zurück

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Ge­schichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, dass, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, dass nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

Boris Groys in Lettre international 111 – Winter 2015

6 Comments

  1. Gut, dass ich nicht Boris Groys bin. Da wäre ich mir selbst zu pessimistisch. 🙂
    Das Ende der Geschichte ist schon oft vorhergesagt worden, aber bislang nicht eingetroffen. So auch be id er Kultur. Es ist klar, das Internet verändert alles. Es wird aber nicht Dinge und Gegebenheiten verschwinden lassen.

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    1. Mir ist das auch zu pessimistisch. Aber ich fand das Zitat interessant, weil es darauf hinweist, dass sich mit dem Internet in der Tat ein Paradigmenwechsel vollzogen hat, der unsere Lebenswelt radikal verändert. Dennoch gibt es noch Kultur, sogar Kultur im Internet :-), und wir müssen sie hegen und pflegen.

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  2. Dieser Text ist bestimmt sehr lesenswert – in Lettre international kommen avancierte Denker zu Wort. Ich habe zeitweise das Gefühl, dass die Postmoderne irgendwie nur an avantgardistischen Orten stattfindet. Das ist natürlich Unsinn! Je weniger ich avancierte Texte lese und je weniger ich mit intellektuellen Menschen darüber spreche, desto weniger scheint sie da zu sein. Ich sollte Lette wieder abonnieren! 🙂 Danke!!!

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    1. Ja, das ist ein unbedingtes Muss. Bei mir war es so, dass ich Lettre abonniert hatte, dann eine Zeit lang nicht, weil ich gar keine Zeit hatte, die vielen guten Texte zu lesen. Und: Seit der Ausgabe 100 bin ich wieder Abonnent. Auch heute habe ich gar keine Zeit, die vielen guten Texte zu lesen, aber der eine oder die zwei, die ich schaffe, sind extraklasse.

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  3. Es wird bestimmt Narrative geben, solange es Menschen gibt – vielleicht finden sie bald in anderen, neuen Formen Ausdruck. Ich weiß, man kann das in Frage stellen kann, aber das menschliche Danken und alle unsere Kulturen sind narrativ verfasst: Erzählen wird gewiss eine anthropologische Universalie bleiben. Hoffentlich. 🙂

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    1. Ich möchte zustimmen und das abschließende „hoffentlich“ voranstellen. Boris Groys‘ weist auf die Gefahr der Totalität eines „Wissens“ hin, das radikal fragmentarisch ist und uns keine „Erzählung“ mehr bietet, die Zusammenhang und Kausalität stiftet. Das halte ich in der Tat für eine große Gefahr im Internetzeitalter, der wir nur unsere Hoffnung entgegensetzen können. Lieben Dank für Deinen hoffnungsfrohen und starken Kommentar, Ben von Valeat.

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