Baum #327. Foto: (c) Valeat |www.valeat.wordpress.com
Baum #327. Foto: (c) Valeat

 

Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, dass sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,

sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, –
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus

Das ist der absolute Newcomer im Ranking bei Valeat. Bereits 2011 veröffentlicht, bekam er in dieser Woche wieder viele Klicks. Ob das am Armutsbericht liegt, der vergangenen Donnerstag veröffentlicht worden ist?

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Klassenkampf von oben

    Es gibt eine elitäre Parallelgesellschaft, in der ein eisiger Jargon der Verachtung herrscht und kaum Interesse an gesellschaftlichen Integrationsproblemen. Es gibt also keine Auseinandersetzung mit dem, was in unserer Gesellschaft geschieht. Es geht den Reichen bei ihrer Abschottung um die Sicherung ihres Status. Insofern gibt es sozusagen einen Klassenkampf von oben.

Wilhelm Heitmeyer in einem Interview mit der ZEIT, 22. Dezember 2011

Mehr dazu in ZEIT online vom 12. Dezember 2011

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Heute den anzugreifen und morgen den – von dieser lahmen Windmühlenhauerei leben auch heute noch die spaßbeauftragten Hanswurste vom Fernsehkabarett bis zur Kalauerzeitung Titanic, die ihren kapuzenpullihaften Hass auf alles auslebt, was sie für etabliert hält: Politiker, Kirchenoberhäupter und „die sogenannte Qualitätspresse“. Die Titanic ist ja inzwischen selbst schon so eine Art Pupskissen-Pegida geworden.

Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Februar 2015

 
Warum Charlie? scheint Hilmar Klute in seinem Beitrag „Witz komm raus“ in der Süddeutschen Zeitung zu fragen. Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 gab es einen Hype – eine Hochstilisierung all dessen, was sich Satire nennt. Meinungsfreiheit: Millionen Menschen skandierten nach der Bluttat „Je suis Charlie“, in Paris und anderswo, sogar im Karneval schmückten sich die Jecken mit gespitzten Bleistiften als Symbol für die Pressefreiheit und Demokratie. Was darf Satire?

„Satire darf alles.“ Dieses Diktum Kurt Tucholskys, in diesen Wochen von Hinz und Kunz genauso gebetsmühlenartig wie unreflektiert zitiert, stellt Klute in den historischen Zusammenhang des Jahres 1919: Satire ist Widerstand gegen die Obrigkeit, Satire wehrt sich gegen Missstände – insofern darf Satire alles. Für die Satire des Jahres 2015 hält Klute einen anderen Satz Tucholskys didaktisch relevanter:

Viel bedenkenswerter als das plakative „Die Satire darf alles“ ist ein Satz, den der kluge Tucholsky jenen beliebigen Spaßkaspern hinter die Ohren schrieb, von denen der Kinderspielplatz von Satire und Kabarett bis heute bevölkert ist: „Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.“

Jetzt räumt Klute ab: Die Satire von heute prangere nicht Missstände an, auch wende sich nicht gegen Autoritäten, wie Tucholsky dies intendierte. Die Satire heute sei auf Erfolg aus, dessen Währung verkaufte Auflage und Einschaltquoten ist. Je mehr sich sich vor Lachen krümmen, desto besser. Dafür bedienen sich die selbsternannten Satiriker und Komiker gerne auch billiger Klischees bis hin zur Diskriminierung – eine klägliche Funmaschine uninspirierter Alberer. Charlie Hebdo habe in Frankreich als „Altherren-Witzrunde“ gegolten und sich kaum noch verkauft; die deutsche Titanic bezeichnet Klute als „Kalauerzeitung“.

Klutes Fazit: Es gibt eine Menge „Humorarbeiter“, die ihr Fähnchen der Häme im Publikumswind drehen – Hauptsache, der Applaus kommt.

Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Satire darf alles, aber nicht alles ist Satire.

12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm. Das sagt der am 19. Februar 2015 vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband vorgestellte Armutsbericht für das Jahr 2013; für das Jahr 2014 liegen noch keine Daten vor. Als "arm" gilt derjenige, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung hat. Bild: Werbeplakat "Armut macht krank" der Caritas an einem Fußballplatz. (c) Valeat.
12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm. Das sagt der am 19. Februar 2015 vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband vorgestellte Armutsbericht für das Jahr 2013; für 2014 liegen noch keine Daten vor. Als „arm“ gilt derjenige, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung hat. Die Armutsquote in Deutschland liegt 2013 durchschnittlich bei 15,5 % – um 0,5 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Am höchsten ist die Armutsquote in Bremen (24,6 %), Mecklenburg-Vorpommern (23,6) und Berlin (21,4 %). Die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wenigsten Armen haben die Bundesländer Hessen (13,7 %), Baden-Württemberg (11,4 %) und Bayern (11,3 %). Bild: Werbeplakat „Armut macht krank“ der Caritas an einem Fußballplatz. (c) Valeat.

Hier geht es zum Armutsbericht 2013 des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands (pdf):
Zwischen Wohlstand un Verarmung: Deutschland vor der Zerreißprobe

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, in der man Rechte verlangt, aber keine Pflichten übernimmt. Du nimmst, aber du gibst nichts. Das Internet ist die Plattform, von der aus wir der Welt unsere Geschichte erzählen. Die Geschichte anderer wollen wir nicht hören. Politisch ist das größte Problem genau diese Verantwortungslosigkeit. Das Internet wird uns präsentiert, als sei es wundersam vom Himmel gefallen, um uns allen zu dienen. Die Folge? Der Konsument hat den Bürger ersetzt. Alles dreht sich darum, was uns zusteht, was wir wollen, wie wir es kriegen. Und zwar so schnell wie möglich.

Nein, es passt uns absolut nicht, was Andrew Keen über das Internet sagt, und es tut uns Online-Junkies schon ein bisschen weh, wie respektlos er mit unseren Heiligtümern umgeht.

In einem Interview, das Laura Hertkemper und Joachim Käppner mit Andrew Kern führte (Süddeutsche Zeitung, 21./22.02.2015), schießt er eine beispiellose Kanonade ab – gegen Twitter, Instagramm, Facebook & Co.

Twitter sei voll von „selbstreferentiellen Narzissmus“ und Facebook die „gruseligste aller Firmen im Netz“. Seine Hauptthesen aus seinem jüngst in Deutschland erschienenen Buch „Das digitale Debakel“ sind alles andere als appetitlich für die Cyber-Community:

  • Die digitale Revolution lässt die Schere zwischen Arm und Reich auseinander gehen; die Mittelschicht verschwindet – es profitieren vor allem „junge, weiße Männer, die im Silicon Valley sitzen, Milliarden verdienen und sich die Hände reiben“.
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  • Internetfirmen verkaufen gesammelte Daten weiter: Die willenlose Masse vor den Bildschirmen wird im Internet zum Produkt für das Gewinnstreben profitsüchtiger Mega-Unternehmen.
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  • Das Internet vernichtet Arbeitsplätze. Beispiel Kodak: Der Fotografieausrüster hatte einst 145.000 Mitarbeiter. Durch die digitale Fotografie und das Teilen von Fotos im Internet, zum Beispiel bei Instagramm, sei die Mitarbeiterzahl heute auf weniger als ein Zehntel geschrumpft, während Instagramm im Jahr 2012 „gerade mal ein Dutzend Mitarbeiter“ gehabt habe.
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    Wie desillusionierend für uns, die wir im Internet und in den sozialen Netzwerken neue Chancen für Kommunikation und Demokratie gesehen haben, und wieder wettert Keen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gegen Twitter und das Internet im Allgemeinen:

    Praktisch ist Twitter, wie das gesamte Netz, Schauplatz von Mobbing und Hetzkampagnen, regelrechter Onlinepogrome, durch die Menschen und Gruppen aus einer Gemeinschaft gedrängt werden. Das heißt: Die Gemeinschaft im Netz ist reine Einbildung. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind absolut asozial.

    Bei aller heftiger Kritik lehnt Andrew Keen das Internet an sich nicht ab; er fordert vielmehr klare Online-Regeln: die Einschränkung der Macht der Internetkonzerne, Datenschutzgesetze und das Verbot der Anonymität bei der Meinungsäußerung im Internet.

    Im Kern wendet sich Keen gegen zwei Gruppen: gegen die Internetkonzerne, die die Menschen für ihre eigenen Profitzwecke benutzen, und gegen die Masse der Internetnutzer, die auf flachstem Niveau sich selbst darstellen, hemmungslos verallgemeinern und dabei kein Pardon gegenüber Minderheiten und Schwachen kennen.

    Andrew Keen fordert ein humanes Internet.

    Unternehmen müssen demokratischer werden: Da kommt mancher Stein ins Rollen. Fotos: © Vladimir Prusakov - Fotolia.com
    Unternehmen müssen demokratischer werden: Da kommt mancher Stein ins Rollen. Fotos: © Vladimir Prusakov – Fotolia.com

     

    Mehr als drei Viertel der befragten Manager spüren, dass sich die Führungspraxis einschneidend ändern muss, damit deutsche Unternehmen sich in diesen Zeiten behaupten können. Die Manager ahnen auch die Richtung: weg von hierarchischen Silos und margengesteuertem Management. Organisation, Kultur und ganze Geschäftsmodelle müssen sich radikal wandeln. Dabei helfen nur unternehmerischer Wagemut und Experimentierfreude.

    Wer mehr Demokratie in seinem Unternehmen verankern will, der muss Mitarbeiter an Willensbildung und Entscheidungen beteiligen – auch bei der Frage, wer führt. Er muss Freiheit und die Diskussion über eine materielle Beteiligung am Unternehmenswert zulassen. Es gibt Beispiele aus der Praxis: Richard Branson, Virgin-Chef, lässt seine Angestellten so viel Urlaub nehmen, wie sie wollen. In der Hamburger Firma Elbdudler legen die Mitarbeiter sämtliche Gehälter in einer offenen Diskussion gemeinsam fest. In der Schweizer Softwarefirma Umantis wählen Hunderte Mitarbeiter ihre Führungskräfte. Beim Berliner Gaming-Unternehmen Wooga entscheiden die Mitarbeiter über Produktentwicklungen.

    Thomas Sattelberger in der Süddeutschen Zeitung vom 7./8. Februar 2015

    Kann man vom Bloggen leben? - fragt die Süddeutsche Zeitung vom 7./8. Februar 2015. Foto: (c) Valeat
    Kann man vom Bloggen leben? – fragt die Süddeutsche Zeitung vom 7./8. Februar 2015. Foto: (c) Valeat

    Kann man vom Bloggen leben? Diese Frage stellt Christina Waechter in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung (7./8. Februar 2015). Vier Blogger hat sie gefragt – die Antworten sind unterschiedlich. Alexander Olma vom iPhoneBlog.de beispielsweise beziffert seinen Verdienst auf etwas 3.000 Euro im Monat durchschnittlich, bei 250.000 sogenannten Unique Usern (die Währungseinheit des Internets) im Monat und einem Fulltime-Bloggerleben.

    Ganz anders Carolin Grävendieck (sodapop-design.de), Nina Massek (frau-mutter.de) und Julia Richter (apersonalstyle.com), die ihren Verdienst mit „fast nichts“, „nicht genug zum Leben“ und „bis zu 10.500 Euro im Jahr“ angeben. Bei diesen drei spielt der Spaßfaktor die entscheidende Rolle. Carolin Grävendieck:

    Ich will gar nicht davon leben, weil ich Angst hätte, dass mir dann der Spaß vergeht und ich aus der Not heraus meinen Blog mit Bannerwerbung für Online-Casinos und Partnervermittlungen zupflastern müsste. Der Blog ist mein Hobby, da will ich nichts machen, was sich nach Arbeit anfühlt.

    Vom Bloggen leben? Wenn wir die Auswahl der vier von der Süddeutschen Zeitung befragten Blogger als repräsentativ betrachten: Mit dem Bloggen lässt sich, das richtige Thema und die passende Vermarktungsstrategie vorausgesetzt, ausreichend Geld zum Leben verdienen. Aber die meisten Blogger wollen dies gar nicht, wichtiger sind ihnen Unabhängigkeit, Freiheit und nicht zuletzt die Freude am Bloggen.

    Wer besucht Gymnasien und Universitäten? Sehr oft, viel öfter als noch vor 30 oder 40 Jahren, sind es die Kinder der Mittelschicht. Ein durchschnittlicher Studienplatz an einer Universität kostet den Staat rund 600 Euro im Monat. Wer geht in staatlich bezuschusste Theater, in Museen, Galerien, Opernhäuser? Würde man all die indirekten Zahlungen dazuzählen, sähe man, wie sehr der Staat die Mittelschicht verwöhnt.

    Sollte wieder einmal ein Buch über sie erscheinen, dann müsste im Klappentext stehen: »Deutschlands dicke Mitte. Sie gibt dem Staat viel, holt sich von ihm alles unauffällig zurück, lässt sich verhätscheln und beglücken – doch sie hört nicht auf zu jammern.« Aber wer will sich schon die eigenen Lebenslügen vorhalten lassen?

    Stefan Willeke im Titelthema „Die Lüge von der armen Mittelschicht“, Zeit vom 5. Februar 2015

    Zeit vom 05.02.2015: Die Lüge von der armen Mittelschicht
    Zeit vom 05.02.2015: Die Lüge von der armen Mittelschicht

    In der UN-Menschenrechtscharta und der Europäischen Menschenrechtskonvention werden der Geist und damit verbundene Begriffe wie etwa persönliche Gedanken, Gefühle und emotionale Zustände als Kern der Privatsphäre eines jeden verstanden. Dieses sogenannte forum internum ist untrennbar verbunden mit der Würde, Persönlichkeit und Autonomie des Menschen. Während das Datenschutzrecht bei einem „berechtigten Grund“ jedwede Verarbeitung personenbezogener Daten legalisiert, sollte aber das forum internum – die innere geistige Welt des Einzelnen – bedingungslos geschützt bleiben.

    Die Freiheit der Gedanken hat absolute Gültigkeit. Falls es einen physiologischen Bezugspunkt für den Geist gibt, dann ist dies das Gehirn. Falls Gedanken eine physische, messbare Existenz haben sollten, dann sind wir mit dem Aufzeichnen von Neurodaten wohl so nah wie nie zuvor an diese herangekommen. So betrachtet, ist die Verarbeitung von Neurodaten höchst problematisch.

    Dara Hallinan, Philip Schütz und Michael Friedewald (Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung) sowie Paul de Hert (Vrije-Universität Brüssel) im Beitrag „Wer kann sie erraten“ – Süddeutsche Zeitung vom 31. Januar/1. Februar 2015