Die Medien können zumindest die verschiedenen klassischen Rollen der Philosophie übernehmen und abbilden. Etwa die richterliche Funktionen, die bei Kant und Hume so stark ist: Das sind gute, das schlechte Argumente. Das können wir wissen, das nicht. Zweitens ist die ärztlich-diagnostische Funktion, wie bei Spinoza oder Wittgenstein: Woran krankt es gerade? Welche Therapien gibt es? Dazu die prophetische, wie etwa bei Derrida und Heidegger, über die versucht wird, mit einer Art göttlichen Sprache über das jetzige hinauszugehen und zu antizipieren, nicht was in zehn, sondern 100 Jahren der Fall sein könnte. Und als Journalisten können wir die Funktion des weisen Narren einnehmen, der Dinge sagt, die andere nicht sagen dürfen. Im Moment wären wir alle gut beraten, diese vier Spielarten der Kritik zu nutzen. Auch Redaktionen ohne philosophische Ausrichtung.

Wolfram Eilenberger (Jahrgang 1972) im Interview mit Anne Haeming, medium Magazin 03/2016. Eilenberger ist Chefredakteuer des Philosophie Magazins.

Titelseite Philosophie-Magazin, November 2011
Titelseite der ersten Ausgabe des Philosophie Magazins im November 2011

Es gab historisch viele Bewegungen, deren Chancen statistisch gesehen bei Null lagen und die trotzdem erfolgreich waren. Wie war das möglich? Krisen entstehen allmählich und es gibt Vordenker, die im alten System belächelt werden. Doch wenn die Revolution kommt, gibt es etwas, worauf man aufbauen kann. Als so einen Vorreiter begreife ich mich: Ich will für die spätere Generation bessere Grundlagen schaffen.

Holger Rogall (Jahrgang 1954), Professor für nachhaltige Ökonomie. Der ganze Beitrag ist im enorm Magazin erschienen, auch online kann man ihn lesen.

> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im  Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto:  (c) Valeat.
> Künstliche Intelligenz: Der menschliche Geist lässt ich nicht imitieren, sagt der amerikanische Informatiker David Gelernter. Das Foto wurde aufgenommen am 13. März 2016 im Schlosspark Stammheim im Nordosten von Köln. Foto: (c) Valeat.

Ich glaube nicht, dass wir heute eine vollkommene Imitation des menschlichen Geistes aus Software herstellen können. Dafür wissen wir viel zu wenig über Geist und Bewusstsein, fassen sie noch viel zu sehr als statische Gebilde. Bewusstsein und Geist sind aber etwas, das sich fortwährend ändert, von Moment zu Moment. James Joyce und sein berühmter „Bewusstseinsstrom“ im Roman „Ulysses“ sind eine gute literarische Veranschaulichung dieser Überlegung.

David Gelernter (Jahrgang 1955) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 26./27./28. März 2016

Wirtschaftsstudenten würden falsch ausgebildet, behauptet Holger Rogall, Professor für nachhaltige Ökonomie, denn das Menschenbild des „Homo Oeconomicus“ sei falsch: Der Mensch sei nicht ausschließlich rational zu seinem eigenen ökonomischen Nutzen unterwegs. Rogall spricht von einem „eklatanten Versagen“ der meisten Universitäten in der Ausbildung ihrer Studenten und beschreibt im folgenden Zitat den „Homo Heterogenus“, dem er dem überkommenden Menschenbild des „Homo Oeconomicus“ entgegenstellt.

Menschen verhalten sich nicht immer zu ihrem eigenen Nutzen. Der Mensch raucht, er trinkt, er schadet seiner Gesundheit und verbraucht zu viele Ressourcen. Menschen sind übrigens auch bereit Rache zu üben, wenn man ihnen schadet. Selbst wenn sie das in hohe Kosten stürzt, das ist völlig irrational. (…) Wäre der Mensch so rational, wie es die neoklassische Theorie annimmt, würde er solche Dinge nicht tun. (…) Ich gehe vom Homo Heterogenus aus. Der Mensch ist demnach ein heterogenes Wesen, er handelt nicht immer gleich. Er kann auch lieben und etwas für andere tun, für das er nicht unmittelbar eine Gegenleistung erwartet. Er ist oft hilfsbereit und fair. Im Wirtschaftsgeschehen zeigt sich das: Der Mensch will seinem Geschäftspartner vertrauen – und wenn er ihm vertraut, dann möchte er gerne viele Jahre mit ihm zusammenarbeiten. Auch wenn das womöglich mehr kostet.

Holger Rogall (Jahrgang 1954) im Wirtschaftmagazin enorm 06/15. Hier geht es zum Online-Beitrag >>>

Twitter wird 10:  "Just setting up my twttr" - das ist der erste Tweet, den der Student und Twitter-Gründer Jack Dorsey am 21. März 2006 um zehn vor eins Ortszeit in San Franciso tweetete.
Twitter wird 10: „Just setting up my twttr“ – das ist der erste Tweet, den der Student und Twitter-Gründer Jack Dorsey am 21. März 2006 um zehn vor eins Ortszeit in San Franciso tweetete.

10 Jahre Twitter am 21. März 2016: Die ZEIT spendiert in ihrer Ausgabe 13/2016 dem Kurznachrichtendienst Twitter eine kongeniale Infografik: Nora Coenenberg (Illustration) und Sven Stillich (Recherche) stellen 10 Jahre Twitter von 2006 bis 2016 in "140 kurzen Häppchen" dar. Auf zum Zeitschriftenladen!

10 Jahre Twitter am 21. März 2016: Infografik von Nora Coenenberg (Illustration) und Sven Stillich (Recherche). ZEIT 13/2016 vom 17. März 2016.

Frühling. Aufgenommen am 13. März 2016 im Schlosspark Stammheim im Kölner Nordosten. Foto: (c) Valeat.
Frühling. Aufgenommen am 13. März 2016 im Schlosspark Stammheim im Kölner Nordosten. Foto: (c) Valeat.

Gerade auf dem Kalender gesehen: 20. März 2016 – Frühlingsanfang. Das sollte mir einen Frühlingspost wert sein. Ben von Valeat an alle: Fröhlicher Frühling, der Euch frühlingshafte Flügel wachsen lässt. Dann fliegen wir davon!

Populistische Parteien haben eine gemeinsame soziale Basis für den Aufstieg. Es sind nicht nur die unteren Schichten, es sind vor allem die alte Arbeiterklasse und die untere Mittelschicht, die an Boden verloren und Angst vor einer weiteren Deklassierung haben. Andere fürchten, sie würden komplett in die Armut abrutschen. Alle zusammen bilden die Gruppe derer, die in Amerika für Trump stimmen, in Polen für Kaczyński, in Ungarn für Orbán und in Frankreich für Marine Le Pen.

Francis Fukuyama (Jahrgang 1952) im Gespräch mit Thomas Assheuer und Michael Thumann in der ZEIT vom 17. März 2016

Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com
Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com

Statt mit der normativen Kraft des Faktischen haben wir es mit einer normativen Kraft des Fiktiven zu tun. In Staaten wie dem Libanon ist jeder Fünfte ein Flüchtling. Jordanien gibt ein Viertel seines Staatshaushaltes für Flüchtlingshilfe aus. In Deutschland ist nicht mal jeder Vierzigste ein Flüchtling, und die Staatsausgaben für Zuwanderer liegen im niedrigen einstelligen Bereich. Trotzdem konstatieren Kommentatoren »Staatsversagen«. So hält das völlig fiktive Bild eines kollabierenden und überrannten Landes dafür her, harte Maßnahmen zu fordern. Wer hier die öffentliche Ordnung kollabieren sieht, redet wohlgemerkt von Deutschland im Jahr 2016 und nicht von Syrien, Afghanistan oder Somalia. Nicht die Realität, sondern Übertreibung und Phantasma begründen die immer stärkere begriffliche Aufrüstung.

Richard David Precht und Harald Welzer in der ZEIT vom 17. März 2016

(c) Bild: Ints Vikmanis, fotolia.com
Bild: (c) Ints Vikmanis, fotolia.com

Wann immer man Umberto Eco lauschte, trug man ein Lächeln im Gesicht. Warum? Weil er einem erlaubte, für eine Weile in seiner Welt zu leben, die eine wunderbare Welt des Scharfsinns, des Witzes und des Wissens war. Wissen bedeutete für ihn nicht Macht, sondern Freiheit. Umberto Eco verstand Wissen als schönstes Mittel zu einer fröhlichen, freudvollen Befreiung des Menschen. Dafür habe ich ihn mehr gemocht und bewundert als für alles andere.

Orhan Pamuk zum Tod von Umberto Eco in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Februar 2016. Hier geht’s zum Artikel im FAZ.net >>>

Umberto Eco – Internet: Schritt nach vorn?

Nachruf zum Tod von Roger Willemsen

Ein Satz von ihm bleibt haften: „Herr Güvercin, wir kämpfen an derselben Front. Heute werden Sie attackiert, morgen ich. Trotzdem machen wir weiter.“ Zuletzt hatte sich Roger Willemsen von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wie bei seinen Reisen und Büchern hat er sich auch beim Tod ganz auf die eine Sache konzentriert. In den Me­dien stand nichts. Ich hatte die Hoffnung, dass er wieder zurückkommt. Nun hat er uns verlassen. Er wird uns fehlen­ – Muslimen und Nicht-Muslimen.

Eren Güvercin in derFreitag, 12. Februar 2016

Zum Nachruf>>>

zeit_20160211

Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges »Fluten« des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der »schwachen Membrane«, als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.
Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes.

Herfried Münkler im Beitrag „Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können“ in der ZEIT vom 11. Februar 2016 – zurzeit nur als „Print“ verfügbar (immer lohnenswert).

Mehr zum Thema bei Valeat:
Keine Angst oder: Wir brauchen starke Menschen!