Überhaupt: Wer sich das Grauen im Netz antun möchte, insbesondere auf Facebook, wo zum Beispiel Straftaten von Flüchtlingen angeprangert werden, die nie stattgefunden haben, der bekommt leicht eine Vorstellung davon, wie es im späten Mittelalter zu den Hexenverfolgungen kam. Leider haben sich die Menschen in den vergangenen 500 Jahren wohl doch nicht so grundlegend verändert.

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Giovanni di Lorenzo im Leitartikel „Die sprachlose Mitte“, Zeit vom 11. Februar 2016

 

Sätze fliegen mir da nicht zu. Es sind eher Gesichter, die mir kommen, wenn ich irgendetwas anderes mache. Früher habe ich das dann viel ausführlicher notiert. Inzwischen nur noch ganz abgekürzt. Ich mache Notizen in ein kleines Oktavheft. Aber immer nur ein paar Wörter. Wenn ich später draufschaue, habe ich leider manchmal gar keine Ahnung mehr, was die bedeuten sollten.

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Don DeLillo im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 22./23. Oktober 2016. Sein neuer Roman „Null K.“ ist in Kürze in Deutschland erschienen; Rezensionen zu diesem Roman aktuell im Feuilleton oder in den Literaturbeilagen aller namhaften Zeitungen.

 

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Bodo Kirchoff auf der Frankfurter Buchmesse 2016 am Stand seines Verlags.

 

Bodo Kirchhoff ist der unumstrittene Star der Frankfurter Buchmesse. Am Mittwoch habe ich ihn überall getroffen, eigentlich war er immer schon da, wohin auch immer ich gekommen bin. Bodo Kirchhoff ist mit „Widerfahrnis“ der Träger des „Deutschen Buchpreises 2016“ und die Hoffnung des Deutschen Buchhandels für das Weihnachtsgeschäft. Ich habe ihm beim Fernsehinterview bei seinem Verlag, der Frankfurter Verlagsanstalt getroffen, im Talk mit der Frankfurter Allgemeinen, mit dem Spiegel und mit der Zeit, immer bemüht, mit Contenance auf immer dieselben Fragen zu antworten. Trägt der Protagonist autobiographische Züge? Was für eine Frau tritt da in sein Leben? Was für ein Kind? Ist das Buch die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise? Interessant: Bodo Kirchhoff hat mit dem „Deutschen Buchpreis“ 2016 eine Auszeichnung erhalten, die er im Jahr 2005 maßgeblich mitgegründet hat – das nenne ich nachhaltiges Investment! Und: Bodo Kirchhoff tut sich schwer mit der Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylon. Ja, verdient habe sich das der Sänger irgendwie schon, sagt Kirchhoff, aber es gebe noch andere, die ihn noch mehr verdient hätten, wie zum Beispiel Philip Roth, und irgendwann sei es zu spät für die Vergabe eines Preises.

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Einen Weg im Leben einzuschlagen, heißt notwendigerweise, sich gegen Millionen anderer Daseinsmöglichkeiten zu entscheiden. Das ist, verkürzt formuliert, das philosophische Fundament von millionways, eine gemeinnützige Stiftung, die von Martin Cordsmeier ins Leben gerufen wurden. Den 32-jährigen Cordsmeier könnte man einen Menschenfreund nennen, denn er will Menschen fördern, die einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit noch nicht entwickelt haben – Menschen, deren besondere Fähigkeiten im kruden Lebensalltagsstrom noch nicht zur Entfaltung gekommen sind.

In einem Supplement der Wochenzeitung Die Zeit (42/2016) mit dem Namen „magazin für potentialismus“ zeigt Cordsmeier, wie das funktioniert:

Jetzt besteht die Chance umzudenken und unser Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Anfangen kann man, indem man sich zum Beispiel Fragen stellt, die ganz zu Beginn unseres Magazins stehen. Und wenn einige – und dann immer mehr – Menschen ihre persönliche Welt verändern, ändert sich im Laufe der Zeit auch die große Welt, in der wir alle leben. Das nennen wir Potentialismus.

Cordsmeier stellt zu Beginn des zitierten „magazins für potentialismus“ solche Fragen:

  • Bist du manchmal unzufrieden mit dem, was du dir schon immer gewünscht hast?
  • Welche Menschen fehlen in deinen Leben?
  • Wie viel von deinem Leben ist Fassade?
  • Welchen Rat gibst du anderen immer wieder?
  • Interessieren dich überhaupt die Menschen, mit denen du täglich zu tun hast?

Diese und viele andere Fragen münden in der Frage nach der eigenen Persönlichkeit, in der einen wichtigen Frage, die im „magazin für potentialismus“ in ganz großen Lettern extrem überdimensioniert gleich auf zwei Seiten dargestellt ist:

Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?

Die millionways Stiftung ist gemeinnützig; Cordsmeier gewinnt  die finanziellen Mittel für die Stiftung über Crowdfunding. Alle dürfen mitmachen, nicht nur beim Spenden. Denn jeder Interessierte kann einen Fragebogen online ausfüllen, der ein kleines Stückchen näher zum ganz individuellen Traum führen könnte, nämlich Gesinnungsgenossen für das große Projekt zu finden, das im eigenen Leben bislang zu kurz gekommen ist. Dieser Fragebogen wird von der Stiftung ausgewertet und man erhält nach einiger Zeit ein Feedback, ob sich aus der Idee ein Projekt machen lässt, das sich gemeinsam verwirklichen lässt.

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Volka Hinze aus Hildesheim sucht Unterstützer für sein Projekt, mit einem Heißluftballon die Welt zu bereisen, um auf diesem Weg spirituelle Lehrer zu finden – Ausschnitt aus dem „magazin für potentialismus“.

Projekte mit Menschen umsetzen, mit potenziellen Gleichgesinnten, die man im Leben bislang noch nicht gefunden hat. Menschen wie Miriam Wiese aus Hamburg, die einen Biomeiler bauen will, der Schnittgut in Wärme zum Heizen verwandelt. Oder wie Max Rüdel aus München, der seine Internetplattform kanoon.de weiterentwickeln möchte. Oder wie Nedia Jousini, die ein Yoga-Zentrum am Bodensee aufbauen will, von dem auch Flüchtlinge profitieren könnten. Oder wie Volka Hinze aus Hildesheim, der mit einem Heißluftballon in fremde Länder reisen will, um dort weise Menschen mit guten Gedanken für ein gelingendes Leben zu treffen. „Willkommen zu deinem Neuanfang“, wie es auf der Webseite von millionways heißt.

millionways ist ein idealistisch anmutendes Konzept, möglicherweise, weil man nach dem betriebswirtschaftlichen Geschäftsmodell sucht, das den Profit fördert, und dieses Geschäftsmodell nicht findet, weil der monetäre Profit für Cordsmeier gar nicht zählt. Cordsmeier will mit seiner millionways Stiftung mehr, nämlich die Welt verbessern – mit dem Startkapital ungenutzter Potenziale, noch ungehobener individueller Schätze. Es kommt auf die richtige Entscheidung an!

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millionways.org: Martin Cordsmeier stellt auf der Webseite seine gemeinnützige Stiftung millionways vor.

 

 

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„Entlässt den Leser ins Offene“: Bodo Kirchhoff erhält für „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016. Foto: (c) Claus Setzer

Bodo Kirchhoff erzählt vom unerhörten Aufbruch zweier Menschen, die kein Ziel, nur eine Richtung haben – den Süden. Es treibt sie die alte Sehnsucht nach der Liebe, nach Rotwein, Italien, einem späten Abenteuer. Als sie eine junge Streunerin auflesen, begegnen sie den elementaren Themen ihrer Vergangenheit wieder: Verlust, Elternschaft, radikaler Neuanfang. Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.

Begründung der Jury zur Vergabe des Deutschen Buchpreises 2016 an Bodo Kirchhoff

 

 

Mehr bei Valeat zum Deutschen Buchpreis: 

Deutscher Buchpreis 2015
Deutscher Buchpreis 2014
Deutscher Buchpreis 2013
Deutscher Buchpreis 2012

 

Ich lese ungefähr acht Bücher im Monat für die Radio- und Fernsehsendungen. Dazu kommen geschätzte zehn Bücher, die ich anlese, dreißig bis vierzig Seiten, um sie dann beiseitezulegen, weil ich sie nicht mag. Mittlerweile schreiben mich Verlagsvertreter auch persönlich an, im Buch liegt dann eine handgeschriebene Notiz: „Ich glaube, das wird Ihnen gefallen.“ Ich lese also rein, und oft ist es tatsächlich eine gute Geschichte, aber manchmal zu simpel gestrickt, und ich denke: Mensch Leute, nur weil ein kleiner Junge mit Brille vorkommt, ist das noch lange kein Westermann-Buch.

Christine Westermann übers Lesen: Aus: Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Oktober 2016

 

Arbeit ist ein Muss – es ist ein sozialer Status, es gibt einem Identität. Es gibt einem Würde, es bringt den Kontakt zu anderen Menschen. Seitdem ich Arbeit sowohl aus einem soziologischen als auch einem ökologischen Winkel betrachte, bin ich selber ein großer Fan von Arbeit geworden. Nicht wegen des Status, sondern vielmehr, weil es mir eine Grundlage für ein gesundes Leben bietet.

Andrew Paul McAfee in The European, 02/2016

Hier geht es zum Interview in The European >>>

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